Worpswede Jäger: Museen in höchster Not

Worpswede. Im Alten Rathaus laufen die Fäden zusammen. Da haben Matthias Jäger, Sabine Schlenker und Heike Morisse ihr Büro eingerichtet. In der Geschäftsstelle des Museumsverbundes 'wird das Riesenprojekt gemanagt', wie Jäger, der Geschäftsführer, sagt. Die Drei haben den Auftrag, Worpswedes Kunstlandschaft voranzubringen. 9,3 Millionen Euro lässt sich die EU das kosten.
01.09.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Wilke

Worpswede. Im Alten Rathaus laufen die Fäden zusammen. Da haben Matthias Jäger, Sabine Schlenker und Heike Morisse ihr Büro eingerichtet. In der Geschäftsstelle des Museumsverbundes 'wird das Riesenprojekt gemanagt', wie Jäger, der Geschäftsführer, sagt. Die Drei haben den Auftrag, Worpswedes Kunstlandschaft voranzubringen. 9,3 Millionen Euro lässt sich die EU das kosten.

Manche Einheimische halten das für eine gigantische Geldverschwendung. Jäger nicht. Worpswedes Museen seien 'in höchster Not', sagt er. Ohne die Millionen aus Brüssel sieht er für sie kaum Überlebenschancen. 'Alle Häuser sind seit Jahrzehnten unterfinanziert und personell unterbesetzt', argumentiert Jäger. 'Alle haben einen erheblichen Sanierungs- und Modernisierungsstau. Alle wussten: ,Wir müssen was machen?. Aber keiner wusste, woher das Geld kommen sollte.' Am schlimmsten dran war das Haus im Schluh, in dem Martha Vogeler mit ihren drei Töchtern gewohnt hatte. Die Reetdächer der 300 Jahre alten Bauernhäuser mit Weberei, Pension und Vogeler-Sammlung sind marode. 'Da musste dringend was gemacht werden, damit das Haus nicht baufällig wird', sagt Jäger

Der Barkenhoff sieht besser aus; das Hauptgebäude wurde in den vergangenen Jahren saniert. Jetzt sollen die Nebengebäude umgebaut werden, um mehr Ausstellungsfläche und Raum fürs Archiv, ein Café und eine Wohnung für Gastdozenten zu schaffen. Außerdem soll der Barkenhoff-Garten für 600000 Euro umgestaltet und dem Vogelerschen Original angenähert werden. Das sorgt bei manchen Worpswedern für Kopfschütteln. Die Große Kunstschau ist auch schon saniert für über drei Millionen Euro, doch kommen die Masterplan-Millionen wie gerufen. Das angrenzende Roseliusmuseum, das früher Frühgeschichte zeigte, wird zum Museum für zeitgenössische Kunst umgebaut.

Außerdem soll die Kunsthalle Netzel saniert werden. Die Gästeinformation im Philine-Vogeler-Haus wird zum topmodernen Besucherinformationszentrum ausgebaut. Überflüssiger Luxus für die Kulturszene, wo das Geld doch in anderen Bereichen, im Sozialhaushalt und bei der Jugendarbeit fehlt? Ganz und gar nicht, widersprechen Matthias Jäger und Sabine Schlenker, die künstlerische Leiterin des Museumsverbundes. Ohne moderne Klimatechnik, Licht- und Sicherheitstechnik würde den Museen die Sanierung nicht viel nützen, sagen sie. 'Die Klima- und Sicherheitstechnik ist total veraltet', urteilt Schlenker. 'Wir kriegen keine Leihgaben mehr, wenn wir technisch nicht auf dem neuesten Stand sind.'

Wenn der Kunstbetrieb ohne Masterplan-Millionen weiterginge wie bisher, wäre das Künstlerdorf bald am Ende, glaubt Jäger. 'In zehn bis 20 Jahren würde Worpswede kulturell und kulturtouristisch keine Rolle mehr spielen.' Nägel in die Wände zu schlagen und Bilder aufzuhängen, reiche längst nicht mehr, erklärt Sabine Schlenker. 'Die Sehgewohnheiten haben sich geändert. Eine Ausstellung muss ein Thema haben, ein Konzept, sie muss eine Geschichte erzählen.' Ein 'Audioguide' sei unverzichtbar - ein akustischer Führer durch die Ausstellung mit Kopfhörern, möglichst in mehreren Sprachen.

'Bildungsbürgertum stirbt aus'

Andere Museen in Großstädten wie Bremen hätten in den vergangenen 20 Jahren 'sehr stark aufgerüstet', sagt Jäger. ' Klar war: Wenn wir nicht aufholen, werden wir nicht mehr konkurrenzfähig sein.' Der Masterplan sei eine 'Riesenchance für Worpswede'.

Früher waren die Museen Teil des Staatsbetriebes. Die öffentliche Hand beglich die Kosten, die nach Abzug der Eintrittsgelder unterm Strich standen. Auf das Bildungsbürgertum war Verlass. Es genügten bekannte Künstlernamen, und das Publikum strömte in die Ausstellungen. Heute sei das anders, sagt Jäger 'Die Besucher müssen abgeholt werden. Man kann nicht darauf warten, dass sie kommen. Man muss ihnen die Geschichte der Bilder erzählen.'

Das Bildungsbürgertum, bisher tragende Säule des Kunst- und Kulturbetriebs, schrumpft altersbedingt von Jahr zu Jahr. 'Es war immer das Kernpublikum von Worpswede. Nun stirbt es langsam aus', betont der Geschäftsführer des Museumsverbundes. Heute hätten es die Häuser mit einem Besucher neuen Typs zu tun: 'Wir konkurrieren mit der Freizeitindustrie. Heute fragen sich die Leute: ,Fahr? ich ins Grüne, mach? ich Sport oder gehe ich ins Museum??' Früher hätten die staatliche Finanzierung und eine Pressemitteilung als Bekanntmachung gereicht. Heute beginne das Problem schon bei der Finanzierung: 'Man bekommt nur eine Förderung, wenn man erfolgreich Ausstellungen macht.' Das gleiche gelte fürs Sponsoring. Nur 'hervorragende kulturelle Produkte, hervorragend konzipiert und vermarktet', hätten eine Chance.

Heute arbeiteten erfolgreiche Museen mit wissenschaftlich fundierten Konzepten und ausgeprägtem Marketing, sagen Jäger und Schlenker. Als die gekürzten Kulturbudgets des Staates nicht mehr reichten, setzten sich in den Häusern unternehmerisches Denken und die Suche nach Sponsoren durch. Für Worpswede bedeutet das: Das Künstlerdorf muss durch neue Konzepte und große Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. 2007 hat das geklappt. Im 'Paula-Jahr' zogen alle Worpsweder Museen an einem Strang, zeigten Bilder, Dokumente und Lebensbilder von Paula Modersohn-Becker. Jedes Haus beleuchtete andere Aspekte, das machte den Reiz aus. Die Kooperation mit Bremen tat ein Übriges - die Zahl der Besucher und Übernachtungsgäste stieg sprunghaft um 30 Prozent. So soll es weitergehen.

Sabine Schlenker wird mit den Häusern ein Konzept, einen roten Faden entwickeln, der Kunstinteressierte anspricht. 'Man muss das Profil der Häuser schärfen, damit klar wird: Das ist ein Puzzle, nur wenn ich alle sehe, habe ich ein Gesamtbild', erklärt Jäger. Und das müsse fundiert sein, Forschungsarbeit gehöre genauso dazu wie das gemeinsame Marketing sowie die Suche nach Leihgaben und Sponsoren. Unterstützt werden Jäger und Schlenker durch die Verwaltungsfachkraft Heike Morisse, die sich um die 'hochkomplizierte'(Jäger) Abrechnungsmaterie mit Buchführung und Nachweisen kümmert.

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