800 Jahre Worpswede Jeder Worpsweder ein potenzieller Chronist

Bis 2018 will Worpswede mit breiter Unterstützung auf 800 Jahre Geschichte zurückblicken lassen. Im Grunde genommen ist jeder Worpsweder ein potenzieller Ortschronist.
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Von Michael Schön

2018 liegt die erste urkundliche Erwähnung Worpswedes genau 800 Jahre zurück. Diesen runden Geburtstag will der Ort im Herzen der Hamme-Gemeinde gebührend feiern. Er wird sich festlich herausputzen und mit einer Chronik schmücken, wie eine Projektgruppe um Bürgermeister Stefan Schwenke gestern im Worpsweder Rathaus bekannt gab. Der Startschuss für die Vorbereitungen zur 800-Jahr-Feier soll am Dienstag, 11. November, mit einem festlichen Essen im Hotel Worpsweder Tor gegeben werden.

Wenn der letzte deutsche Kaiser Geburtstag hatte, wurde das im ganzen Reich der Hohenzollern-Monarchie gefeiert. Eine Einladungskarte zu einem Festessen im Hotel Stadt London aus dem Jahre 1904, als Wilhelm II. zum 45. Mal seinen Ehrentag hatte, zeugt davon, dass auch die Worpsweder Honoratioren – Apotheker, Kaufleute, der Lehrer und die berühmten acht Bauern – es sich nicht nehmen ließen, auf das Wohl des höchsten Repräsentanten im wilhelminischen Staat anzustoßen.

„Es gab unter anderem Frühlingssuppe, Gänsebraten, Steinbutt und Zungenragout“, wusste Hans-Hermann Hubert vom Worpsweder Ortsarchiv zu berichten.

Mit dem von Hubert gewährten Einblick in die Speisefolge bei den vor über einem Jahrhundert in Worpswede genossenen Tafelfreuden wollte eine Projektgruppe um Bürgermeister Stefan Schwenke zeigen, wie spannend Geschichte sein kann, wenn sie nur anschaulich präsentiert wird. 2018 feiert Worpswede seinen 800. Geburtstag und ist damit allemal alt genug, um sich mit einer Chronik sehen zu lassen. Für Schwenke ist es dafür höchste Zeit. „Es ist schon verwunderlich, dass wir kein Wappen und keine Ortschronik haben, obwohl wir doch so alt sind“, bekannte der Bürgermeister. 250 Jahre Findorff-Siedlungen und aktuell 125 Jahre Künstlerkolonie – die Worpsweder haben sich gemeindeweit ans Feiern gewöhnt. „Doch 800 Jahre sind schon ein besonderes Alter“, gab Schwenke zu bedenken, der zusammen mit Ortsvorsteher Willi Seidel, der Gemeinde-Kulturbeauftragten Klaudia Krohn, dem Ortsarchivar Hans-Hermann Hubert und Narciss Göbbel von den Freunden Worpswede gestern für den runden Worpsweder Geburtstag im Jahr 2018 „sensibilisieren“ wollte. Den Startschuss für die Vorbereitungen, in deren Mittelpunkt die Herausgabe einer Chronik des ältesten Worpsweder Ortsteils stehen soll, wollen die Initiatoren am Dienstag, 11. November, im Hotel Worpsweder Tor geben. Bei einem gemeinsamen Essen – sechs Gänge um einen Gänsebraten herum – wollen Hubert und Göbbel Appetit auf Geschichte machen und damit um Unterstützung für das Ortschronik-Projekt werben. Da nur 60 Personen bewirtet werden können, wird um Anmeldungen gebeten, die Thilo Drais vom Hotel Worpsweder Tor unter der Rufnummer 0 47 92 / 9 89 30 entgegennimmt. Ein Platz am Tisch ist für 85 Euro zu haben.

Neue Quellen erschließen

In diesem Preis sei bereits eine Spende enthalten, erläuterte Schwenke. Seiner Projektgruppe ist an einer möglichst breiten Unterstützung gelegen, nicht nur, wenn es um die Finanzierung der Ortschronik geht. Klaudia Krohn sieht besonders die Vereine aufgefordert, „sich zu präsentieren“, Schwenke alle gesellschaftlichen Gruppen. Denn im Grunde genommen ist jeder Worpsweder ein potenzieller Ortschronist. „Wir wollen neue Quellen erschließen“, verriet Narciss Göbbel. Sein Konzept: Wissenschaftliche mit ehrenamtlicher Arbeit verbinden. Er stellt sich vor, dass Hofchroniken und Familiengeschichten in das Projekt einfließen. Krohn: „Der künstlerische und kulturelle Bereich ist aufgearbeitet, das normale Leben noch nicht.“ Wie genau sich das Ganze am Ende darstellt, ist einstweilen völlig offen. Was es nicht sein soll, ist eine Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Fakten. Göbbel: „Sie soll unterhaltsam sein und dazu animieren, selber zu recherchieren.“

So wie Hubert, der Heimatforscher, es getan hat, als er beim Öffnen einiger Kartons aus dem zuvor vom Vater geführten Archiv auf die eingangs erwähnte Einladungskarte zum Kaiser-Wilhelm-Festessen stieß. Sie befand sich im Nachlass des früheren Worpsweder Bürgermeisters Albert Reiners. „Die einzelnen Mahlzeiten waren so portioniert, dass eine Gans für vier Personen reichen musste“, schmunzelte Hubert, darauf verweisend, dass am 11. November nicht von ungefähr im Worpsweder Tor gegessen werde, nämlich just an jenem Ort, an dem man sich zu Kaisers Geburtstag zugeprostet hatte. Als England sich ein Jahrzehnt später militärisch auf die Seite des Entente-Partners Frankreich schlug, wurde das Hotel Stadt London übrigens zum Hotel Deutsches Haus. „Stadt London“ wiederum hatte es in der Reminiszenz an die Personalunion der Herrscherhäuser Englands und Hannover geheißen, die vor 300 Jahren begründet wurde und in deren Verlauf der protestantische Welfen-König Georg II. zum Finanzier der Worpsweder Zionskirche wurde.

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