Aline Réa

„Ich will Herz und Seele berühren“

Aline Réa unterrichtet bald Gesang an der Strings-Musikschule in Bassum. Wir haben mit ihr über die Unterschiede zwischen Deutschland und Brasilien gesprochen und gefragt, ob jeder singen lernen kann.
15.04.2021, 14:44
Lesedauer: 4 Min
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„Ich will Herz und Seele berühren“
Von Tobias Denne
„Ich will Herz und Seele berühren“

Aline Réa hat das Singen in Brasilien gelernt und will es nun Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Bassum beibringen.

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Frau Réa, Sie bieten demnächst Gesangsunterricht in der Strings-Musikschule in Bassum an. Vorher haben Sie an der Hochschule für Künste in Bremen Ihren Master gemacht. Warum nun Bassum?

Sara (Huidobro Johnson, Anm. d. Red.) hat mich einfach gefragt, ob ich Lust darauf habe. Denn es sind schon ein oder zwei Leute auf sie zugekommen, die sich danach erkundigt haben. Aber Sara hat noch keine Lehrer. Ich kenne sie, weil wir zusammen an der HFK studiert haben. Ich habe da meinen Master in Alter Musik gemacht. Es wäre aber super, wenn es eine Gruppe von Schülern gibt.

Welche Epochen gefallen Ihnen am meisten bei Alter Musik?

Vor allem Barock und Renaissance-Musik. Grob würde ich Ende 16. bis 17. Jahrhundert sagen, aber auch Bach mag ich.

Was ist das Schöne für Sie am Gesang?

Wenn ich wirklich von Herzen singe, dann sehe ich die Person vor mir und ich sehe seine Emotionen – ob er weint oder lacht. Durch die Musik kann ich kommunizieren, das ist zauberhaft. Wenn ich singe, dann habe ich eine Geschichte zu erzählen, dazu nutze ich meine Stimme und meine Gesten. Ich will das Herz und die Seele berühren.

Kann man Singen lernen oder braucht man nur Talent?

Natürlich kann jeder Singen lernen! Ich würde sagen, dass Singen aus 90 Prozent Arbeit und zehn Prozent Talent besteht. Klar, für Menschen, die sehr musikalisch sind, ist es etwas einfacher, aber es gehört immer viel Arbeit dazu. Es gibt Leute, die ganz schnell lernen, und andere, bei denen das langsamer geht. Wir müssen einfach üben. Jeden Tag, um die Muskeln zu trainieren.

Wie sind Sie zum Singen gekommen?

(lacht) Das ist eine lange Geschichte.

Ich habe Zeit.

Ich bin in einer Baptistengemeinde aufgewachsen und habe immer im Chor gesungen. Als ich 18 oder 19 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass meine Stimme nach dem Singen immer sehr angestrengt war. Also habe ich mir überlegt, dass Gesangsunterricht helfen könnte. Aber das war noch keine Entscheidung in Richtung Berufswahl, das wollte ich noch nicht. Erst habe ich ein Jahr Meeresbiologie studiert und einen Bachelor gemacht. Dann habe ich gemerkt, dass das überhaupt nicht mein Bereich war und überlegte, Cello zu spielen. Ich habe angefangen, aber ich war etwas spät dran.

Warum?

Wenn man einen Bachelor in Cello machen möchte, sollte man früher starten. Allein bei der Aufnahmeprüfung brauchst du ein ziemlich hohes Niveau. Ich habe gemerkt, dass ich lieber singe als spiele. Vielleicht wäre Bachelor in Gesang als in Cello besser. Das habe ich auch gemacht (lacht).

Wie ging es dann weiter?

Es war schwierig, da es in Rio de Janeiro nur wenig Arbeit als Sängerin gab. Die Orchester hatten nur Instrumente und keinen Gesang. Deshalb habe ich gedacht, dass ich Richtung Medizin studieren könnte, aber ein Freund in Frankfurt sagte mir, ich sei verrückt, ich sei eine Sängerin. Ich meinte zu ihm aber, dass ich kein Geld bekomme. Er empfahl mir, nach Deutschland zu gehen.

Ging es dann direkt nach Deutschland?

Nein. Über das Stipendium des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst, Anm. d. Red.) habe ich in Brasilien angefangen zu studieren, um mich auf Deutschland vorzubereiten. Eines Tages habe ich eine Stellenausschreibung als Alt-Stimme im Stadttheater in Sao Paulo gesehen. Da habe ich mich beworben und habe die Stelle bekommen. Das war wirklich toll, da habe ich fünf Jahre gesungen - alles: Symphonisches, Barock, Opern. Es war eine gute Erfahrung, und ich habe viel auf der Bühne gelernt. Das war cool, aber ich wollte mehr. 2016 habe ich eine Aufnahmeprüfung bei der HFK in Bremen gemacht.

Sie haben schon mit vielen Ensembles und Künstlern zusammengearbeitet. Ist es das, was Ihnen am Gesang so viel Freude bereitet?

Es ist wunderbar, weil es so unterschiedliche Stilrichtungen sind. Wenn du als Sänger eine romantische Oper singen musst, brauchst du richtig Luft und den vollen Klang. Und diese Techniken sind hilfreich, wenn du Barock singen musst. Außerdem liebe ich es, in Ensembles zu singen. Es ist herausfordernd, da du mehrere Stimmen hast und es so klingen muss, als wäre es eine Stimme. Die Sänger müssen gut zusammenarbeiten. Und wenn das klappt, dann klingt das so schön.

Welche Zusammenarbeit hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Ganz schwierig. Zwar sind romantische Opern nicht meine Favoriten, aber ich habe am Theater Bremen zwei Produktionen gemacht, eine davon war „Das Horoskop des Königs“. Es war so schön, die Bühne war überwältigend, die Musik war traumhaft und die Menschen waren sehr lieb und freundlich - wie eine Familie.

Was sind die Unterschiede im Leben als Sängerin in Brasilien und Deutschland?

Hier ist es immer Wahnsinn. Unterschiedlich ist, dass in Brasilien leider wenig Unterstützung von der Regierung kommt, da sie kaum Geld für Kultur ausgibt. Wir haben Sao Paulo und Rio, das sind die wichtigsten Städte mit professionellen Chören. In Sao Paulo sind es drei Profi-Chöre. Natürlich, wenn die Regierung wenig Geld für Kultur ausgibt, dann leidet die Kultur. In Deutschland hast du mehr Möglichkeiten, weil du hier in Hunderten Ensembles singen kann. Du singst regelmäßig und bekommst regelmäßig Geld. In Brasilien geht das nicht, weil es nicht so viele Ensembles gibt. Ich hatte wirklich Glück, dass ich Sängerin in einer Oper war. Das haben viele nicht, obwohl dort super Sänger leben.

Was machen Sie abseits der Strings-Musikschule?

Ich habe viele Konzerte im Kalender. Leider ist wegen Corona bislang alles ausgefallen, aber es kommen noch welche. Im Juni, im Juli, September und im November. Natürlich weiß ich nicht, ob ich die Projekte machen kann. Ich gebe unter anderem ein Konzert mit Musik vom Hof Ludwig XIV. Und wenn das nicht live geht, dann machen wir das online als Livestream. Außerdem singe ich im Rastatter Vokalensemble in der Nähe von Karlsruhe. Ich habe auch schon in der Elbphilharmonie gesungen. Auch das war eine super Erfahrung. Ich will immer lernen, lernen, lernen.

Das Gespräch führte Tobias Denne

Info

Zur Person

Aline Réa

ist in Brasilien geboren und aufgewachsen. Vor fünf Jahren entschied sie sich, nach Deutschland zu kommen und an der Hochschule für Künste in Bremen zu studieren. In Bassum bietet sie bei der Strings-Musikschule Gesangsunterricht an.

Info

Zur Sache

Gesangsunterricht

Die Strings-Musikschule, Eschenhäuser Straße 9 in Bassum, bietet ab Mai Gesangsunterricht und Stimmbildung an. Von Klassisch, Pop/Rock, Musical, Jazz oder der Unterstützung bei eigenen Songs unterstützt Aline Réa die Teilnehmer. Interessierte wenden sich (auch für eine kostenlose Schnupperstunde) an musikschule.bassum@gmail.com oder 04241/6915186.

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