Erste Gottesdienste am Sonntag Predigt mit Sicherheitsabstand

Nach zwei Monaten öffnen viele Kirchen am Sonntag wieder für Gottesdienste – unter Auflagen. In Grasberg und Worpswede bereiten sich die Pastoren intensiv auf eine ungewöhnliche Predigt vor.
08.05.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Predigt mit Sicherheitsabstand
Von Felix Wendler

Grasberg/Worpswede/Lilienthal. Zwei Monate sind vergangen, seit niedersächsische Kirchengemeinden zuletzt Gottesdienste abhalten konnten. Nachdem Gläubige in den vergangenen Wochen coronabedingt mit virtuellen Predigten und Gebeten im Familienkreis vorlieb nehmen mussten, öffnen die Kirchen jetzt wieder für Gottesdienste. Eine entsprechende Vereinbarung hatte der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) vergangene Woche mit den Religionsgemeinschaften ausgehandelt. Seit dem 7. Mai sind religiöse Versammlungen wieder erlaubt – unter Auflagen.

Viele evangelische Gemeinden im Kirchenkreis Osterholz-Scharmbeck bereiten sich aktuell auf die Gottesdienste am kommenden Sonntag vor. Grundlage für deren Ablauf ist eine Selbstverpflichtung der Landeskirche Hannover, heißt es seitens des Kirchenkreises. Konkret bedeutet das unter anderem: Einhaltung der Abstandsregel von 1,5 Metern sowie Verzicht auf gemeinsames Singen und Körperkontakt. Diese grundsätzlichen Regeln sollen auch für Taufen, Trauungen und Beerdigungen gelten.

Weniger Plätze, mehr Distanz

„Wir nehmen diese neuen Regeln und Maßnahmen sehr ernst, denn die Gesundheit der Gläubigen hat höchste Priorität“, sagt Jutta Rühlemann, Superintendantin des Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck. Sie sei froh darüber, dass nach dem schmerzlichen Verzicht zur Osterzeit jetzt wieder Gottesdienste stattfinden können. Wie genau die Schutzmaßnahmen für die einzelnen Gemeinden aussehen, unterscheidet sich je nach Gegebenheit.

In der Grasberger Findorffkirche wird am kommenden Sonntag nur jede zweite Kirchenbank besetzt sein – mit jeweils drei bis vier Personen. Insgesamt 50 Gläubige passen unter diesen Auflagen in die Kirche, die eigentlich 450 Plätze bietet, sagt Pastor Thomas Riesebeck. Er könne nicht abschätzen, wie groß der Andrang sein werde. „In normalen Zeiten besuchen uns ja viele ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören. Ich weiß nicht, wie viele davon kommen.“ Für alle, die sich nicht trauen, will Riesebeck seine Predigten weiterhin verschriftlichen und auf der Kirchen-Webseite zur Verfügung stellen. Mit seinen Mitarbeitern bereite er sich intensiv auf Sonntag vor, sagt Riesebeck. An der Tür werde es einen Aushang mit den Regeln geben; die Besucher sollen die Kirchen einzeln betreten und verlassen. Zudem ruft er dazu auf, eine Schutzmaske zu tragen.

Ein ähnliches Bild erwartet die Kirchengemeinde Worpswede am Sonntag. Auch in der Zionskirche werden maximal 50 Besucher die Predigt von Pastor Albrecht Benz verfolgen können. „Wir rechnen damit, diese Grenze knapp auszuschöpfen“, sagt Benz. Am Montag habe er mit anderen Gemeindevertretern die Kirche präpariert. Auf markierten Plätzen sollen die Besucher versetzt den erforderlichen Abstand einhalten. Eine Maskenpflicht gibt es nicht. „Wir wollen den einladenden Charakter betonen“, sagt Benz. Außerdem sei es unzumutbar, die für die Umsetzung der Regeln zuständigen Ehrenamtlichen in mögliche Konfliktsituationen zu bringen. „Auf Distanz gehen ist Liebe“ – das sei die Prämisse der vergangenen Wochen gewesen, sagt Benz. Auf Dauer ersetze aber kein virtueller Gottesdienst den persönlichen Kontakt.

Eine Rückkehr zur kirchlichen Normalität bedeutet die Lockerung noch nicht. Auf das gemeinsame Singen sollen die Gemeinden laut Landeskirche verzichten. Das gelte auch für Chöre und einzelne Blasinstrumente. Musik wird es in den Kirchen dennoch geben: Sologesänge und das Orgelspiel sind erlaubt.

Gesang im Herzen

Eine Solosängerin auf der Empore, die für Besucher weiterhin gesperrt ist, kann sich auch der Grasberger Pastor Riesebeck gut vorstellen. Albrecht Benz will in seinem Gottesdienst auch auf den Sologesang verzichten. „Die Organistin spielt anstelle des gesungenen Liedes die Melodie in verschiedenen Versionen. Die Leute singen im Herzen mit“, sagt Benz.

Neben dem Verzicht auf gemeinschaftliche Gesänge ist auch der sonst übliche Körperkontakt tabu. „Darauf werden wir während der Liturgie, etwa beim Friedensgruß oder beim Segnen während der Taufe und Trauung, verzichten müssen“, erklärt Superintendantin Rühlemann. Auch das Abendmahl werde vorerst nicht gefeiert. „Viele Leute schieben die Taufen momentan sowieso auf“, sagt Riesebeck. In den kommenden Wochen sollen Taufen nur noch einzeln stattfinden. Sie wollten die Kreise möglichst klein halten, sagen sowohl Riesebeck als auch Albrecht Benz.

Nicht alle Gemeinden nehmen unterdessen die religiösen Veranstaltungen wieder auf. In der Martins-Kirchengemeinde in Lilienthal werde es auch in den kommenden Wochen keine Gottesdienste geben, sagt Tanja Garms von der Diakonischen Behindertenhilfe. Die Diakonie sei ein besonders geschützter Bereich. „Unsere Bewohner wären nicht in der Lage, die entsprechenden Regeln umzusetzen“, sagt Garms. Seitens des Kirchenkreises heißt es zudem, dass auch in Alten- und Pflegeheimen vorerst keine Gottesdienste abgehalten werden.

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