Lange Nacht der Kirchenmusik Klangschönheit in zwei Kirchen

Zur Langen Nacht der Kirchenmusik gab es in Delmenhorst viel Hörenswertes in insgesamt vier Konzerten in der evangelischen Stadtkirche sowie der katholischen St.-Marien-Kirche zu erleben.
02.09.2018, 17:35
Lesedauer: 5 Min
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Von Günter Matysiak

Das konnte einen als Ohrwurm auf dem nächtlichen Heimweg begleiten, dies eindringliche Abendlied. St.-Marien-Kantor Udo Honnigfort hatte es an den Schluss der „Nacht der Kirchenmusik“ gestellt, die am Sonnabend zum dritten Mal in der Stadtkirche und in der benachbarten Marienkirche stattfand. Vier knapp einstündige Konzerte fanden im Wechsel in beiden Kirchen statt, getrennt durch eine halbstündige Pause, die das große Publikum zum Ortswechsel aber auch für das Gläschen Wein oder die Brezel gegen den abendlichen Hunger nutzte.

Honnigforts Improvisation über Matthias Claudius „Abendlied“ (Musik: Johann Abraham Peter Schulz) hatte etwas eigentümlich Bohrendes, auch in seiner Harmonik. Erst als Thomas Gerlach mit seiner Trompete und der unverfremdeten Liedmelodie hinzutrat, kehrte in die Musik die abendliche oder besser, nächtliche Ruhe ein. Diesen letzten Teil der Nacht der Kirchenmusik hatten Udo Honnigfort und seine Kollegin Karola Schmelz- Höpfner, Pop-Kantorin der Stadtkirche, ganz der Instrumentalmusik gewidmet.

18 Uhr, Stadtkirche

Rein instrumental ging es auch am frühen Abend los, als in der Stadtkirche die vereinigten Posaunenchöre der Region dieses musikalische und zugleich auch ökumenische Event einleiteten. Das begann mit einem vom Leiter des Posaunenchors der methodistischen Gemeinde Lothar Schütte dirigierten sogenannten „Opening“ von Martin Westphal, in dem das große Ensemble durch einen differenzierten, durchhörbaren Klang überzeugte. Die Begrüßung nach dieser ersten Musik hatten die beiden Organisatoren und Pastor Thomas Meyer übernommen. Er verriet dem Publikum auch schon, dass der designierte neue Stadtkirchen-Organist Jörg Jacobi am Sonntag seinen ersten Gottesdienst spielen wird.

Nach der Begrüßung gab es eine zweite Ouvertüre in Form einer „Intrade“ von Tilman Peter, die Reinhard Nehmiz, Leiter des Bläserkreises Hasbergen, zu flotter Bewegtheit brachte. Auch das „Calypso-Feeling“, das angesagt war in Vor- und Zwischenspielen zum ersten gemeinsamen Lied, dem „Kommt mit Gaben und Lobgesang“ war beim jetzt von Holger Heinrich vom Posaunenchor des Kirchenkreises dirigierten Ensemble in guten Händen. Wie es auch der Fall war in den musikalischen Stilwechseln zwischen Händels ausdrucksvollem „Lascia ch‘io pianga“ und Richard Roblees geistreich-witzigem Arrangement des „Oh when the saints“, oder zwischen Bachs innigem „Bist Du bei mir“ und dem ausgelassen musizierten Song aus dem Film „Blues Brothers“, mit dem das Bläserprogramm zu Ende ging. Da gab es Zugaberufe und eine solche mit dem „da capo“ des Blues-Brother-Songs.

19.30 Uhr, St. Marien

Der zweite Teil der „Nacht der Kirchenmusik“ führte das Publikum – für Ortsfremde gab es gelbe Pictogramme mit den Umrissen der beiden Kirchen als Wegweiser auf dem Fußweg – in die Marienkirche zu einem reinen Chorprogramm. Da sang als erster der Chor der Heilig-Geist-Kirchengemeinde gemeinsam mit dem Gemischten Chor Falkenburg unter der Leitung von Irina Marchenko. In zwei im zeitgenössisch-populären Stil komponierten Liedern und zwei Liedern aus der Folklore, etwa das berühmte „Amazing Grace“, bot der Chor einen überaus kultivierten, fein ausbalancierten Klang; voller Sorgfalt auch für kontrapunktische Formen und auch mit dem temperamentvollen Ton, der das Publikum im „Heaven is a wonderful place“ zum Mitklatschen animierte.

Einen sehr kultivierten chorischen Umgang mit dem Thema Gospel und Spiritual ließ der Auftritt des St.-Stephanus-Gospelchors unter der Leitung von Peter Juchim erleben. Auch hier herrschte anstrengungslose Klangschönheit und ausgewogene Homogenität innerhalb der Chorgruppen. Da gab es große, ausschwingende Bögen in „Wade in the water“ und ein energischer „Ich bin’s“-Ausdruck im „It’s me, oh Lord“.

Den dritten Teil dieser Stunde bestritt der St.-Marien-Chor unter der Leitung von Udo Honnigfort oben auf der Orgelempore mit zwei „Kyrie“ und „Gloria“ aus der „Orgelmesse“ von Joseph Haydn. Jörg Jacobi spielte diesen Orgelpart voller Artikulationsfreude, der Chor sang mit strahlendem Ton. Drei Chorsätze und eine Solo-Arie stammten aus dem Oratorium „Elias“ von Mendelssohn-Bartholdy und wurden zum orchestralen Orgelklang mit romantischer Bewegtheit gesungen, mit feinen Aufschwüngen und deutlich am Text orientiertem Espressivo. Ute Honnigfort sang ihre Sopranpartie mit leichter, schlanker Stimme, die das „Sei stille dem Herrn“ empfindsam darstellte.

21 Uhr, Stadtkirche

Anschließend in der Stadtkirche traten drei Chöre auf. Zuerst sang der Jugendchor St. Marien unter der Leitung von Marianne Etrich Lieder, die von hoher melodischer Einfallskraft waren, eingängig, nie banal und idealer Träger ihrer christlich-menschlichen Botschaften. Diese Melodien wurden vom Chor, in dem derzeit nur Mädchen singen, hochmusikalisch ausgeformt, atmend phrasiert. Johannes Holzenkämpfer am Flügel sorgte mit kraftvoll-sensiblem Spiel für die balladeske Begleitung.

Udo Honnigfort leitete dann, auch vom Klavier aus, seinen „Calypso-Chor St. Marien“, einen Kammerchor in kleinster Besetzung mit nur zwei Männerstimmen, der einen duftig-frischen Klang besitzt, mit dem er Gospels und Spirituals einen neuen, ganz intimen Ausdruck verschafft. Da kann Ralf Grösslers „Joyful Voices“ aber auch zum energischen „Stand up“-Aufruf werden. Das afrikanische „Singhabahambajo“ war eine mitreißende Pianissimo-Chorstudie. Bei einem Song sorgte Mechthild Heidtkamp auf der Querflöte für einen „Farbtupfer“.

Der Chor „Kreuzneun“ der Stadtkirche unter der Leitung von Karola Schmelz-Höpfner sang dieses mal ohne technische Verstärkung, was für einen tollen, ungemein dichten Klang sorgte. Allein die Pentatonix-Ballade „Run to you“ kann hier stehen für ausgehorchten und ausgereizten vokalen Klangzauber, für Klangsinnlichkeit, für die Freude an perfekter Intonation. Bravo dafür. Wie neu Gospels klingen können, war hier zur hören im Arrangement des bekannten „Joshua“.

22.30 Uhr, St. Marien

Danach gab es in St. Marien Instrumentalmusik für Orgel, Trompete oder Violoncello. Da spielten zuerst Mechthild Warrelmann und Heiner Hirsch stilsicher Orgelstücke von Johann Christoph Kellner und Dietrich Buxtehude. In der barocken Sonate von Willem de Fesch zeigte sich die Jazz-Pianistin Karola Schmelz-Höpfner auch als achtbare Cellistin. Ihrem Spiel hätte man hier manchmal akzentuiertere Konturen gewünscht. Das „Festpräludium“ für Trompete und Orgel von Carl Nielsen war, na ja, halt eben „festlich“. Da war Jean-Baptiste Senaillés „Allegro Spirituoso“ mit seiner spielerischen Virtuosität schon hörenswerter. Natürlich auch sein so hoher Schlusston! Honnigfort hatte mit Präludium und Fuge C-Dur den virtuosen Bach gewählt und tat auch einen Griff in die Raritätenkiste: Da entpuppte sich Albert Renauds „Toccata d-Moll“ als echter Reißer. Manch einem war das wohl zu spät geworden, denn es waren nur noch etwa 50 Zuhörer übrig geblieben. Die klatschten aber noch einmal kräftig Beifall bevor sie mit „Der Mond ist aufgegangen“ im Ohr nach Hause gingen.

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