Kunsthistorikerin Verena Borgmann spricht im Haus im Schluh über Paula Modersohn-Beckers Kinderbilder Konzentration auf das Wesentliche

Worpswede. Von rund 700 Gemälden Paula Modersohn-Beckers sind mehr als 250 Kinderbildnisse. In ihrem Vortrag "Vom Dorf-Idyll zur Avantgarde - Die Kinderbilder Paula Modersohn-Beckers" griff die Kunsthistorikerin Verena Borgmann diese Thematik auf Einladung des Freundeskreis Haus im Schluh Worpswede auf. Aufgrund der Umbauarbeiten wurde der Vortrag in das ehemalige Wohnhaus Martha Vogelers auf das Flett verlegt.
23.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von SABINE VON DER DECKEN

Worpswede. Von rund 700 Gemälden Paula Modersohn-Beckers sind mehr als 250 Kinderbildnisse. In ihrem Vortrag "Vom Dorf-Idyll zur Avantgarde - Die Kinderbilder Paula Modersohn-Beckers" griff die Kunsthistorikerin Verena Borgmann diese Thematik auf Einladung des Freundeskreis Haus im Schluh Worpswede auf. Aufgrund der Umbauarbeiten wurde der Vortrag in das ehemalige Wohnhaus Martha Vogelers auf das Flett verlegt.

Borgmann stellte fest, dass in den Werken Paula Modersohn-Beckers von Beginn ihrer künstlerischen Entwicklung während der Studienzeit bis in die letzten Schaffensmonate die Darstellungen von Kindern einen großen Raum einnahmen. "Es war ein Motiv, das die Künstlerin zeitlebens interessierte", so Borgmann.

"An den Kinderbildnissen kann man sehr gut die künstlerische Entwicklung der Worpsweder Künstlerin ablesen", erläuterte die Kunstgeschichtlerin, die in Karlsruhe und Oldenburg studierte und seit 2007 als wissenschaftliche Mitarbeiterin in den Kunstsammlungen Böttcherstrasse tätig ist. Anhand von Gegenüberstellungen zeitgenössischer Künstler verdeutlichte Borgmann die künstlerische Entwicklung Paula Modersohn-Beckers.

Von der Ambition zur Profession

Um die herausragende Leistung der jungen Künstlerin besser bewerten zu können, gewährte Borgmann Einblicke in die Sozialgeschichte der Malerinnen ab dem 16.Jahrhundert. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus den als Freizeitbeschäftigung geltenden künstlerischen Ambitionen von Frauen eine Profession. Dabei bot Paris als Metropole und europäisches Kunstzentrum einzig akzeptable Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen. Sie nutzten Privatunterricht, aber auch Akademien erteilten Frauen Unterricht. 1899 besuchte Paula Modersohn-Becker die Académie colarossi, belegte Kurse im Aktzeichnen und schlug damit eine freie künstlerische Laufbahn ein.

Um den Bremer Staub von den Füßen zu schütteln, reiste sie insgesamt viermal nach Paris und ließ sich neu inspirieren. Die künstlerische Entwicklung Paula Modersohn-Beckers vollzog sich zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Polen Worpswede und Paris. Anhand des traditionellen Motivs der Kinderbildnisse sowie Abbildungen von Mutter und Kind verdeutlichte Borgmann den Einfluss, den die französische Metropole und die französische Avantgarde nahmen. In der französischen Malerei lag der Fokus zu der Zeit auf Farbe und Form wie Borgmann mit Bildern von van Gogh, Cezanne und Gauguin belegte.

Obwohl die Künstlerin in einem kleinen Moordorf arbeitete, standen im Gegensatz zu ihren Worpsweder Künstlerkollegen nicht Harmonie, Idylle und Naivität im Vordergrund ihrer Bilder. Paula Modersohn-Becker war darum bemüht, die Persönlichkeiten und Befindlichkeiten der Bauernkinder auszudrücken. Waren ihre Arbeiten vor 1900 noch von akademischen Einflüssen bestimmt, ging die Worpsweder Malerin im Zuge ihrer künstlerischen Entwicklung noch einen Schritt weiter. Ihr Interesse für physiognomische Merkmale gipfelte in der Darstellung kranker und behinderter Kinder. Sie stellte sie in einer schonungslosen, modern reduzierten Art dar, mit einer den Kindern innewohnenden Würde, die für die damalige Zeit ungewöhnlich war. Bei den Betrachtern führten diese Bilder Anfang des 20. Jahrhunderts zu Irritationen. Sentimentalität, Lieblichkeit und Genrehaftigkeit waren Paula Modersohn-Becker fremd, damit grenzte sie sich von der traditionellen Darstellung ab, wie Borgmann anhand von Beispielen zeigte.

Hohe Horizonte, kühne Perspektiven, enge Bildausschnitte und das liebevolle Erfassen der Psyche mit der Konzentration auf das Wesentliche rücken Paula Modersohn-Becker in die Nähe Pablo Picassos.

Borgmann verdeutlichte die Pariser Tendenzen, die die Künstlerin aufnahm und mit in das Dorf im Moor nahm und damit in ihren Kompositionen und der erdigen Farbgebung im Gegensatz zur wilhelminischen Salonmalerei stand. Bei den Kinderbildern handelt es sich nicht um Portraits im eigentlichen Sinne, sondern um etwas Zeitloses und "ganz Worpswedisches", wie Rilke feststellte.

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