Sänger der Ansgari-Kantorei aus Oldenburg zu Gast im Dom Konzert zum Ewigkeitssonntag

Verden. Ein Konzert mit mehreren "Besonderen Merkmalen" erklang am Tag vor dem Ewigkeitssonntag im Verdener Dom. Und damit ist nicht nur der ungewohnte Termin gemeint: Im jahreszeitlichen Kontext der Trauer und der Auseinandersetzung mit dem Tod schienen die Psalmen "Jauchzet dem Herrn alle Welt" oder "Der Herr ist mein Hirte" aus einer ganz eigenen geistlichen Erlebniswelt zu stammen.
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Von Susanne Ehrlich

Verden. Ein Konzert mit mehreren "Besonderen Merkmalen" erklang am Tag vor dem Ewigkeitssonntag im Verdener Dom. Und damit ist nicht nur der ungewohnte Termin gemeint: Im jahreszeitlichen Kontext der Trauer und der Auseinandersetzung mit dem Tod schienen die Psalmen "Jauchzet dem Herrn alle Welt" oder "Der Herr ist mein Hirte" aus einer ganz eigenen geistlichen Erlebniswelt zu stammen.

Und schließlich werden viele der Hörer in ihren Halswirbeln noch am nächsten Tag einen gewissen "Nachklang" gespürt haben, denn wer die Musik auch mit den Augen erleben wollte, der musste sich nach hinten zur Westempore wenden. Die 80 Sänger der Ansgari-Kantorei aus Oldenburg drängten sich dort unter dem Prospekt der Romantischen Orgel gemeinsam mit Harfe und Schlagwerk, um ein optimal geschlossenes und dichtes Klangbild zu gewinnen. Und der Blick auf die Empore lohnte sich allemal: Der hochkarätige Chor unter Leitung von Landeskirchenmusikdirektor Johannes von Hoff ist auch optisch eine imposante Erscheinung. Die festlich schwarze Kleidung unterstrich den Eindruck intensivster Konzentration und Musizierfreude, so dass in diesem Ensemble würdevoller Ernst und begeisternde Lebendigkeit vereint schienen.

An der Orgel von Domkantor Tillmann Benfer begleitet, sowie mit Anke Frisius an der Harfe und Axel Fries am Schlagwerk erklangen zuerst die Chichester Psalms von Leonard Bernstein. Im Jahr 1965 vertonte er die hebräische Fassung dreier ganzer Psalmen und weiterer einzelner Psalmenteile als Auftragswerk für ein Chorfestival und fand damit nach einer Phase rein atonal-experimenteller Komposition wieder in eine eingängigere und lebendigere Tonsprache zurück. Die drei Teile des Werkes unterscheiden sich in Atmosphäre und Ausdruck vollständig. Stilistisch sind die Chichester Psalms gleichsam ein kompositorisches Menu verschiedenster Stilrich-tungen von amerikanischen Spiritual- und osteuropäischen Klezmer-Inspriationen über das Musical auf der Grenze zwischen Arie und Song bis hin zu imposant wuchtiger Atonalität mit immer wieder hineinstrahlender aufregend schöner Harmonik.

Kontrastreiche Vielfalt

Bei aller sängerischen Herausforderung durch die extremen und oft spontanen Wechsel von Tempi, Lautstärke, Harmonik und Rhythmik ging der Chor ganz offensichtlich in dieser Musik auf; gerade wegen ihrer kontrastreichen Vielfalt schien sie den Interpreten großen Spaß zu machen. Marimbaphon und Harfe und eine Fülle ausdrucksstarker solistisch agierender Orgelregister erzeugten gemeinsam mit den stets changierenden Chorklängen ein schimmerndes Kaleidoskop von Klangfarbe und Empfindung. Mit Geheimnis und Wärme bestach Kerstin Stöckers Alt-Solo in Psalm 23 ("Der Herr ist mein Hirte").

Das Requiem op. 9 von Maurice Duruflé entstand im Jahr 1947 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Durchdrungen von Themen der gregorianischen Totenmesse, ist es in ganzen Passagen reines liturgisches Zitat, wie zum Beispiel das "Sanctus"-Thema, das heute im Gottesdienst noch genau so erklingt. Diese große Klammer zwischen frühester Gregorianik, polyphon-strenger früher Messe-Komposition und immer wieder aufleuchtender spätromantischer Harmonik bildet das atmosphärische Geheimnis dieser Musik, in der sich zwar im "Libera me" der Schlund der Hölle mit Wucht öffnet, von der man jedoch am Ende nur das tröstliche und versöhnliche Element, den leuchtenden Schimmer der Hoffnung in Erinnerung behält.

Das Bariton-Solo "Hostias et preces" in dieser Aufführung von den Männerstimmen des Chores übernommen, wurde gleichsam im Duo mit einer tiefen Zungenstimme der Orgel zu einem der berührendsten Momente. Kerstin Stöcker zeigte im "Pie Jesu" begeisternde Klarheit, Höhenbrillanz und noch im Pianissimo bruchfreie Tragkraft bis in den letzten Winkel des Dom. Wunderschön gestaltet war das "Agnus Dei" mit dem ruhevollen Männerstimmen-Unisono, das herrlich mit den reibungsreichen, erregten Frauenstimmen kontrastiert, und dessen tiefes Orgelsolo die ersehnte ewige Ruhe malt. Der letzte Satz "In Paradisum" schließlich lässt die Orgel die Himmelsleiter erklimmen und ver-klingt im ruhevollen Leuchten des Chores wie ein leises Gebet.

Gern hätte man am Schluss eines Re-quiems einige Minuten still verharrt, doch einem begeisterten Publikum tut es verständlicherweise immer weh, keinen Beifall zollen zu dürfen, und die großartigen Interpreten sollten auch erkennen, wie sehr sie ihr Publikum zu bewegen und mitzureißen vermocht hatten.

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