Hilfe bei seelischen Erkrankungen Psychotherapeuten fordern mehr Zulassungen

Immer mehr Menschen suchen den Kontakt zu einem Psychotherapeuten, um sich wegen ihrer Ängste und Depressionen behandeln zu lassen. In Lilienthal und umzu sorgt das für lange Wartezeiten.
27.03.2021, 12:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Psychotherapeuten fordern mehr Zulassungen
Von Antje Stürmann

Lilienthal/Worpswede. Die Corona-Pandemie hat den Mangel an Psychotherapieplätzen, die von den gesetzlichen Krankenversicherungen bezahlt werden, verschärft. Das bestätigen der Präsident der niedersächsischen Therapeutenkammer, Roman Rudyk, und die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Bremen, Amelie Thobaben. Inzwischen müssen Hilfesuchende mindestens ein halbes Jahr auf einen Termin warten. Auch die Therapeutinnen und Therapeuten in Lilienthal und umzu sind voll ausgelastet und berichten über einen hohen Nachfragedruck.

„Seit Beginn der Pandemie ist die Anzahl der Anfragen gestiegen“, erklärt Psychotherapeutin Gisela Schley-Löwer aus Lilienthal. Um wie viele, darauf möchte sie sich nicht festlegen. Fest steht für sie: „Je länger die Pandemie andauert, umso größer sind die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit.“ Vor allem bei Kindern und Jugendlichen und in Familien nehme der Druck zu. Hinzu komme die finanzielle Belastung durch die Krise. „Es wird noch eine Weile so sein, dass mehr Menschen psychisch erkranken“, glaubt Gisela Schley-Löwer, denn es gebe zurzeit zu viele Stressfaktoren, zu wenig Sicherheit und zu wenig Entlastung.

Infolge der Pandemie treten nach Angaben der Kinder- und Jugendtherapeutin deutlich mehr Angststörungen, Depressionen und soziale Phobien auf - also die Angst vor Kontakten mit anderen Menschen. „Es wird vermittelt, dass man andere anstecken könnten; Kinder, die ohnehin ein geringes Selbstwertgefühl haben, ziehen sich dann zurück“, so Schley-Löwer. Weil es in Familien zunehmend Stress gebe, habe auch die häusliche Gewalt zugenommen. Die Ursachen dafür seien vielfältig. „Die Kinder können sich nicht austoben, sie brauchen andere Kinder und Jugendliche, um sich entwickeln zu können, sie haben zu wenige schöne Erlebnisse und zu viel Wut“, so die Therapeutin. Hinzu komme der Frust bei den Erwachsenen. Sorge bereiten Gisela Schley-Löwer vor allem die Mütter: „Sie sind ziemlich stark belastet.“ Einige müssten ihre Arbeit aufgeben, um zu Hause die Kinder zu betreuen oder zu beschulen. „Da kommen viele Stressfaktoren zusammen.“

Einer Umfrage der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung zufolge ist die Anzahl der Patientenanfragen für Psychotherapien im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 40 Prozent gestiegen, bei Kindern und Jugendlichen um 60 Prozent. Betroffen sind laut einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Verhältnissen oder mit Migrationshintergrund. Nur zehn Prozent der Patientinnen und Patienten könne innerhalb eines Monats ein Behandlungsplatz angeboten werden, 38 Prozent müssten länger als sechs Monate warten, heißt es. Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Bremen, Amelie Thobaben, warnte Ende Februar vor einer Chronifizierung psychischer Störungen.

Die Worpsweder Therapeutin Wenke Wurch weiß, warum längst nicht mehr nur die Anfälligen unter Depressionen und Ängsten leiden. „Wir sind jetzt ein Jahr in der Pandemie“, sagt sie, „alles, was die Menschen sonst stabil hält, fällt seit einem Jahr weg“. In ihrer Praxis meldeten sich jetzt oft auch Menschen, die sich sonst durch Sport und den Austausch mit anderen „leidlich stabilisieren konnten“, sodass die auftretenden Symptome einer psychischen Erkrankung für sie auszuhalten waren, sie im Alltag funktionieren konnten und nicht behandlungsbedürftig waren. Wurch befürchtet, dass die Anzahl der Erkrankten weiter steigen wird. Immer wieder höre sie von Patienten, wie belastend das Arbeiten im Homeoffice sei. Einige hätten ihre Arbeit verloren und wüssten nun nicht, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. „Viele sind wahnsinnig herausgefordert durch den Unterricht zu Hause.“ Es gebe Beziehungskonflikte. „Vulnerable Menschen können das nicht auffangen, sie ziehen sich zurück und die Depressionssymptomatik verschärft sich.“

Schwierig sei derzeit auch das Behandeln seelischer Erkrankungen. Gemeinsam mit den Patienten Konflikte lösen, Kontakte zu suchen, in der Gruppe Sport zu treiben - „all das funktioniert jetzt nicht“, sagt Wenke Wurch. Wenn außerdem die familiären Konflikte zunehmen, sei das nicht zuträglich. Weil die Erwachsenen selbst oft verunsichert seien, könnten sie ihren Kindern nicht immer innere Sicherheit geben, sagt Gisela Schley-Löwer. In einer Umgebung, in der es viel Angst gebe, sei es schwieriger, sich zu beruhigen. „Vielen Kindern fehlt das Vertrauen, dass alles gut wird“, sagt sie. Das alles hat laut Wurch zur Folge, dass die Therapeuten ihre Patienten zurzeit weniger gestärkt aus einer Therapie entlassen als normal.

Um mehr Hilfe suchende Menschen versorgen zu können, müssten mehr Therapieplätze geschaffen werden, sagen Gisela Schley-Löwer und Wenke Wurch. „Wenn wir zu wenige Therapieplätze haben, helfen auch die Erstgespräche nichts.“ Verantwortlich für die Aufnahme von Psychologen in das von den gesetzlichen Krankenkassen finanzierte System ist der Gemeinsame Bundesausschuss. Dieser habe dem Land Niedersachsen im vergangenen Jahr 80 zusätzliche Therapeuten zugesprochen, „eine leichte Verbesserung“, wertet der Präsident der niedersächsischen Therapeutenkammer, Roman Rudyk. Es könnten deutlich mehr sein - vor allem in den ländlichen Regionen, denn dort würden nach wie vor weniger Therapeuten zugelassen als in der Stadt. Das, so Rudyk, erhöhe den Druck bei der Nachfrage. Dass der Gemeinsame Bundesausschuss wegen der gestiegenen Nachfrage in Pandemiezeiten mehr Sitze vergibt, hält Rudyk für unwahrscheinlich. Die Krise sei ein begrenztes Phänomen, die Zusage von Sitzen aber habe langfristige Auswirkungen. Die Krankenkassen hätten jedoch die Möglichkeit, den Patienten die Behandlung in Privatpraxen zu ermöglichen. „Wenn sich die Krankenkassen da wieder flexibler zeigen, könnte man etwas Druck aus dem Kessel nehmen“, glaubt Rudyk.

Info

Zur Sache

Ressourcen stärken und wo man Hilfe findet

Jeder kann etwas dafür tun, dass die Seele gesund bleibt. Therapeutin Wenke Wurch: „Es ist erlaubt zu klagen und zu jammern, denn wir dürfen sagen, dass die Dinge schwierig sind“. Dazu gehöre aber auch die Lage zu respektieren, sie anzunehmen und zu überlegen, „wie kann ich es mir trotzdem schön machen“. Die Therapeutin rät jetzt „all das zu tun, was uns stabil hält, Kraft gibt, und wobei wir auftanken“. Was das genau ist, weiß jeder für sich selbst am besten. „Dinge, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern“, sagt die Worpswederin. „So etwas wie den ersten Schnee wieder bewusst wahrzunehmen und den Fokus darauf zu lenken, das kann man üben“. Wichtig sei es auch, Danke zu sagen - „für den leckeren Kaffee am Morgen und das freundliche Augenzwinkern der Bäckereiverkäuferin“. Beim Treffen oder Kochen per Videokonferenz könne man sich zudem auf die eigenen sozialen Ressourcen besinnen. „Es ist nicht das Gleiche wie ein persönliches Treffen“, gibt Wurch zu, „aber besser, als gar keine Kontakte zu pflegen“.

Auch Gisela Schley-Löwer empfiehlt „Freunde und gute Kontakte“, um seelische Krisen zu bewältigen. Zusammenzuhalten und sich gegenseitig zu helfen sei besonders in belastenden Zeiten enorm wichtig.

Bei starken und länger anhaltenden Symptomen sollten sich Betroffene allerdings professionelle Hilfe holen. Termine für einzelne Sprechstunden vergibt die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr unter der Telefonnummer 116 117. In den Sprechstunden suchen Psychologen und Patienten gemeinsam einen Weg. Wer sehr große Not hat, wendet sich direkt an eine Klinik.

Kinder und Jugendliche können die „Nummer gegen Kummer“ anrufen: 116 111. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe empfiehlt außerdem die Website zur psychischen Gesundheit für Kinder und Jugendliche während der Pandemie: www.corona-und-du.info

Wie der Verband der Ersatzkassen mitteilt, ist die Anzahl der Vertragspsychotherapeuten im Landkreis Osterholz innerhalb der vergangenen fünf Jahre um zwei auf 33 erhöht worden. „Als Kostenträger können wir nur darauf hinweisen, dass psychotherapeutische Leistungen außerhalb des ärztlichen Budgets vergütet werden“, so Sprecher Hanno Kummer. Der Gemeinsame Bundesausschuss habe darüber hinaus die Möglichkeiten für Videosprechstunden deutlich ausgeweitet und es seien Sonderregelungen vereinbart worden, um den Kontakt zum Therapeuten trotz Pandemie zu ermöglichen. Gruppensitzungen könnten nun auf Einzeltherapiesitzungen umgestellt werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+