Krötenwanderung im Landkreis Diepholz

Das große Quaken hat begonnen

Um Kröten, Frösche und Molche im Landkreis Diepholz davor zu bewahren, überfahren zu werden, bringen Mitglieder des Nabu sie über die Straßen. Allein in Weyhe werden jährlich etwa 2000 Tiere eingesammelt.
28.03.2021, 15:46
Lesedauer: 4 Min
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Von Ina Ulbricht
Das große Quaken hat begonnen

Heiko und Dorle Janßen vom Nabu Weyhe helfen den Amphibien bei ihrer Wanderung.

Ina Ulbricht

Landkreis Diepholz. Ein leises Quaken ist am Wegesrand der Böttcherei zu hören. Heiko und Dorle Janßen vom Naturschutzbund (Nabu) Weyhe streifen sich Handschuhe über, schnappen ihre Eimer und marschieren los. Das Wäldchen an der Böttcherei ist von einem niedrigen Zaun mit einigen Lücken umgeben. Aus den dort eingegrabenen Eimern kommt das Quaken - sie sind das Ziel von Heiko und Dorle Janßen. Beherzt greifen sie hinein und holen eine Handvoll Kröten hervor, die beim Versuch, die Straße zu überqueren, hier gelandet sind. Die beiden Nabu-Mitglieder bringen ihre Beute auf die andere Straßenseite und graben die Kröten locker unter etwas Laub ein. „Damit sie im Sonnenlicht nicht austrocknen oder von Fressfeinden gefunden werden“, erläutert Heiko Janßen. Am Abend wandern die Tiere dann weiter in die Gewässer des Böttchers Moor, um sich dort fortzupflanzen. Wie an der Böttcherei hat derzeit auch an vielen anderen Stellen im Landkreis Diepholz die diesjährige Krötenwanderung begonnen.

„Auf der anderen Seite des Moores haben wir auch jahrelang gesammelt“, erzählt Heiko Janßen weiter. Als im Jahr 2000 jedoch der Wald gepflanzt wurde, seien die Tiere dort immer weniger geworden. Die Kröten leben in dem Wäldchen, zum Laichen müssen sie allerdings ein Gewässer aufsuchen, und zwar das, in dem sie geboren sind. Das ist ihre genetische Programmierung. Dafür müssen sie in Weyhe und auch in vielen anderen Gegenden eine Straße überqueren. Damit sie dabei nicht von Autos überrollt werden, stellen die Naturschützer Zäune auf, graben Eimer ein und sammeln die Tiere morgens und abends ein, um sie sicher über die Straße zu bringen. Wichtig ist, dass die Tiere direkt auf der anderen Straßenseite abgesetzt werden. Bringen die Naturschützer sie zu weit in die eine oder andere Richtung, würden sie aufgrund ihrer eingeprägten Wege zurücklaufen.

Früher habe es in Weyhe mehrere Zäune gegeben, weiß das Ehepaar Janßen. Diese seien aber in Teilen nicht mehr nötig. „Im Weyher Bruch wurden Ausweichgewässer angelegt, sodass die Tiere nicht mehr über die Straße müssen“, so Dorle Janßen, die abwechselnd mit anderen Nabu-Mitgliedern seit etwa sechs Wochen täglich hierher kommt, um die Amphibien einzusammeln, die in den Eimern landen. „Es wird sich noch hinziehen, weil es zwischendurch immer wieder kalt wird“, sagt sie. Sobald die Temperaturen unter fünf Grad sinken, stellen die Kröten das Wandern ein.

An einem besonders warmen Tag vor zwei Wochen habe er 240 Kröten, 20 Frösche und vier Molche eingesammelt, erzählt Heiko Janßen. In den Wochen danach sei wegen des Temperatureinbruchs gar nichts gewesen. Nachgeschaut werde trotzdem jeden Tag.

Wenn die Tiere nach dem Laichen zurückwandern, brauchen sie keine Hilfe von den Naturschützern. „Sie wandern dann nicht so geballt und sind schneller“, erläutert Dorle Janßen. Dementsprechend ist auch der kleine Zaun gebogen, sodass die Kröten ohne Probleme zurück in ihren Wald klettern können. „Wir sammeln jedes Jahr ungefähr 2000 Tiere ein“, sagt Heiko Janßen. An diesem Tag sind es 56 Kröten.

So stark frequentiert ist der Verkehr am Krötenzaun in Stuhr bei Weitem nicht, weiß Stuhrer Nabu-Mitglied Heiner Segelken zu berichten. „Bisher hatten wir nur einen Grasfrosch“, sagt er. In guten Zeiten seien es 130 Kröten in einer Saison gewesen, vergangenes Jahr waren es 35. Gesammelt werde auf dem rund zehn Meter langem Abschnitt an der Stuhrer Landstraße auf Höhe des Rückhaltebeckens auch erst seit vergangener Woche. „Die Erdkröten werden erst nächste Woche kommen“, sagt der Naturschützer. „Dass in Weyhe jetzt schon so viele Tiere wandern, liegt wohl an dem tollen Biotop dort“, vermutet er. Generell sei die Population laut Sengelken deutlich zurückgegangen. „Das liegt an den trockenen Sommern, dem intensiven Ackerbau und den totgepflegten Gärten“, sagt er.

Früher habe es in Stuhr zwei weitere Zäune, jeweils einen in Heiligenrode und in Fahrenhorst, gegeben. In Heiligenrode habe die Gemeinde den Zaun irgendwann abgebaut, da die Population so stark zurückgegangen sei, dass es sich nicht mehr gelohnt habe. In Fahrenhorst sei der Zaun jedoch vor etwa drei Jahren von Fremden abgerissen worden, erzählt Segelken. „Die Leute wollen die Kröten in ihren Privatteichen nicht haben“, mutmaßt er. Teilweise seien die Teiche dort auch trockengelegt worden. „In diesen Gebieten sammeln wir die Kröten jetzt so von der Straße und versuchen sie in einem nahegelegenen Moor anzusiedeln“, sagt Segelken.

Auch der Nabu Syke und Umland hat nur einen Krötenzaun, berichtet der Vorsitzende Heinfried Köster. „An der ehemaligen Sandkuhle in Okel.“ Dort landen neben Kröten auch regelmäßig Grasfrösche und Knoblauchkröten in den Eimern. Ab und zu finden die Naturschützer auch mal einen Molch. „Den Zaun gibt es seit fünf Jahren“, so Köster. „Es gibt zwar noch weitere Querungsstrecken, aber die können leider nicht betreut werden, da wir nicht genug Leute sind“, erklärt er.

Dieses Jahr habe der Nabu die Begrenzung in Okel Ende Februar aufgestellt. Auch hier werden die Eimer zwei Mal täglich von den Naturschützern kontrolliert. Das Ergebnis werde der Naturschutzbehörde mitgeteilt, sagt der Nabu-Vorsitzende. Die Bedingungen seien hier für die Tiere besonders gut, da es einen See und mehrere flache Gewässer als Laichgebiete gebe. „Insgesamt sammeln wir etwa 500 Exemplare pro Jahr ein“, berichtet Köster.

Auch er sieht die Trockenheit als problematisch. „Dieses Jahr können wir uns aber nicht beklagen“, meint er. Trotzdem seien die Defizite aus den vergangenen beiden Jahren noch zu spüren. Viele sehr flache Gewässer seien deswegen ausgetrocknet. „Bei uns hat es allerdings keinen Rückgang bei den Zahlen der Tiere gegeben“, sagt er. Das liege vor allem am Gelände, wo die Gewässer zwar niedrig stünden, aber eben nicht ausgetrocknet seien.

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