Protest-Kultur Künstler gehen erneut für höhere Zuschüsse auf die Straße

In Hannover demonstrierten mehr als 500 Theaterleute und Musiker, um von der SPD/CDU-Koalition versprochene finanzielle Stärkung der Kommunalen Theater einzufordern.
24.10.2018, 22:40
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Künstler gehen erneut für höhere Zuschüsse auf die Straße
Von Peter Mlodoch

Es war mehr fröhliche Party als wütender Protest, doch die Begleitmusik gab gleich die klare Botschaft vor. Gunter Gabriels „Hey Boss, ich brauch’ mehr Geld“ dröhnte am Mittwoch aus den Lautsprechern vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover. „Ohne Moos kein Schiller“, „Applaus zahlt keine Miete“ oder „Bretter, die kein Geld bedeuteten“, lauteten die Slogans auf den zahlreichen Plakaten.

Mehr als 500 Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner und Musiker waren zum Platz der Göttinger Sieben gezogen, um die von der SPD/CDU-Koalition versprochene finanzielle Stärkung der Kommunalen Theater einzufordern.

Im Gepäck hatten die Demonstranten über 19 000 Unterschriften ihrer Online-Petition „Rette dein Theater – keine Kulturwüste in Niedersachsen“. Die überreichten sie im Beisein von Landtagspräsidentin Gabriele Andretta (SPD) den kulturpolitischen Sprechern der Fraktionen von SPD, CDU, Grünen und FDP.

Freude über den landesweiten Zuspruch

„Wir sind eine riesige Bewegung“, freuten sich die Schauspielerinnen Christina Jung und Gaia Vogel vom Deutschen Theater in Göttingen über den landesweiten Zuspruch für sie und ihre Kollegen in Lüneburg, Osnabrück, Celle, Hildesheim und Wilhelmshaven.

Ihre eigene Spielstätte müsse dringend saniert werden, die in den Schulen beliebten Theaterpädagogik-Projekte stünden auf der Kippe, berichteten die Göttingerinnen Jung und Vogel. Geld fehle auch für die Digitalisierung, mit der man den neuen Sehgewohnheiten eines jungen Publikums gerecht werden könne.

„Wir müssen auch künftig Weltklassekünstler zu uns einladen können“, meinte Thomas Scholz, Erster Geiger beim Symphonie Orchester Göttingen. Jetzt aber könne man selbst eine freigewordene Kolleginnenstelle nicht mehr besetzen. „Ich bin fassungslos, dass das Land trotz hoher Steuereinnahmen seine Versprechen nicht einlöst.“

Keine festen Zusagen

Diesen Vorwurf wollte Kulturminister Björn Thümler (CDU) nicht auf sich sitzen lassen. „Es hat keine festen Zusagen gegeben“, rief er den Theatermachern tapfer zu und erntete dafür Pfiffe und Buhrufe. Zwar sei ein Mehrbedarf der Kommunalen Bühnen, die derzeit insgesamt 25,2 Millionen Euro an jährlichen Zuschüssen erhalten, durchaus berechtigt.

Aber keines der Theater stehe vor der Schließung oder sei davon bedroht. „Kultur ist der Kitt der Gesellschaft“, betonte der Ressortchef und kündigte an, langfristig seinen gesamten Kulturetat um jährlich 50 Millionen Euro erhöhen zu wollen.

Der CDU-Minister aus der Wesermarsch steckt in einer Zwickmühle. Vor einem Jahr hatten SPD und CDU in ihrem Koalitionsvertrag höhere Investitionszuschüsse für kleine und mittlere Kultureinrichtungen sowie Museen angekündigt.

Von zehn auf sechs Millionen Euro runter gehandelt

Auch von einer Stärkung der Kommunalen Theater war dort ausdrücklich die Rede. In den Verhandlungen mit diesen Häusern unter Vorsitz von Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) handelte Thümler deren Wünsche bereits von zehn auf sechs Millionen Euro runter.

Doch selbst diesen Betrag konnte er bei seinem Parteifreund und Finanzminister Reinhold Hilbers nicht durchsetzen. Im Haushaltsentwurf 2019 findet sich dafür kein Cent.

Jetzt blicken Thümler und die Theater voller Hoffnung auf den traditionellen Etat-Nachschlag im November, wenn die Koalitionsfraktionen in ihrer „politischen Liste“ noch Geld für ihre Lieblingsprojekte lockermachen dürfen. „Da sitzt dann auch noch etwas für die Kultur drin“, heißt es inoffiziell aus SPD-Kreisen.

„Die CDU wird dafür im Haushalt ein deutliches Zeichen setzen“

CDU-Kulturexperte Burkhard Jasper lehnte sich vor den Demonstranten dagegen weiter aus dem Fester. „Theater sind ein Symbol für eine offene und pluralistische Gesellschaft. Die CDU wird dafür im Haushalt ein deutliches Zeichen setzen.“

Die Göttinger Regisseurin Antje Thoms zeigte sich über die Aktion vor dem Landtag zumindest in Teilen zufrieden. „Ich finde es toll, dass der Kulturhaushalt erhöht werden soll.“ Man sei nach Hannover gekommen, um die Kulturpolitiker einschließlich des Ministers zu unterstützen. „Es macht ja keinen Sinn, hier Gräben aufzureißen.“

Grünen-Kulturexpertin Eva Viehoff aus Loxstedt mochte diesen Optimismus mit Blick auf die Große Koalition allerdings nicht teilen. Grund: Am Morgen noch hatten SPD und CDU mit ihrer großen Mehrheit einen Antrag der Grünen-Fraktion abgeschmettert.

Diese wollte ihre für Donnerstag angesetzte Aktuelle Stunde zu den Theaterzuschüssen passend zur Demonstration auf Mittwoch vorziehen. Diese Bühne aber mochte Rot-Schwarz der Opposition nicht zubilligen. „Das zeigt doch“, schimpfte Viehoff mit Blick auf die Kulturförderung, „dass der Koalitionsvertrag sein Papier nicht wert ist.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+