Kunst

Frei, aber nicht ausreichend geschützt

Der Beitrag, den die Künstler für die Gesellschaft leisten, ist der Syker Künstlerin Ruth Cordes zu wenig sichtbar. Im Interview spricht sie unter anderem über Artikel fünf Absatz drei des Grundgesetzes.
05.01.2021, 10:06
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Gerald Weßel

Teils mehr als 1000 Corona-Tote am Tag. Hat Kunst ihre Berechtigung zu Zeiten der Pandemieeindämmung verloren?

Ruth Cordes: Keine Antwort kann der Frage gerecht werden. Wir leben in einer Ausnahmesituation und müssen alle unseren Beitrag leisten. Aber obwohl die Situation enorm angespannt und für alle neu ist, meine ich, dass Kunst und Kultur nicht nur eine Berechtigung hat, sondern echte Möglichkeiten bietet. Kultur eint die Menschen. Es wäre zwar ein gewaltiger Spagat zwischen „stay home“ und „come and see“, aber machbar. Denn neue Wege gehen, ist des Künstlers täglich Brot. Sie sind gut darin.

Man vergisst die seelenstützende Natur von Kunst und Kultur?

Ja, man vergisst bei der Stilllegung die sinnstiftende Bedeutung für unser Ganzes. Und auch, dass Kunst und Kultur ihren Teil zur Wirtschaft beitragen. Ein fairer Umgang mit Kulturschaffenden birgt also auch Chancen für andere. Und fair heißt: wie er manch einem Industriezweig zugestanden wird. Oder die Form von Sicherung, die religiöse kirchliche Institutionen erfahren. Eine Verhältnismäßigkeit ist für mich zurzeit nicht erkennbar. Nach Artikel fünf Absatz drei des Grundgesetzes ist Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre frei, aber offensichtlich nicht ausreichend geschützt.

Was sind die finanziellen Folgen für ihre Zunft?

Sie sind schwerwiegend, denn wir arbeiten meist ohne Netz und doppelten Boden. Die meisten von uns befinden sich eh am unteren Rand des Einkommens. Und dann sind 75 Prozent von wenig weniger als nichts. Die Kultur wurde durch die Natur der Pandemie und durch Entscheidungen in der Politik auf unter Null gesetzt.

Unter dem Hashtag "#ohnekunstistallesgrau" machten Ruth Cordes und weitere Künstler darauf aufmerksam, was dem Leben und der Gesellschaft ohne Kunst verloren geht.

Unter dem Hashtag "#ohnekunstistallesgrau" machten Ruth Cordes und weitere Künstler darauf aufmerksam, was dem Leben und der Gesellschaft ohne Kunst verloren geht.

Foto: fr
Sind Sie wütend auf letztere?

Wut ist mir zu emotional für Politik. Wut frisst schnell auch mal Seele, und die brauch‘ ich für was anderes. Viel lieber würde ich das Problem gelöst sehen, als es nur zu beschreien. Ich war fassungslos, wie wenig die Entscheider über die Arbeitsweise und den wirtschaftlichen Background von freien Kreativen Bescheid wissen. Diese Hilflosigkeit der Politik, Künstler monetär in das kapitalistische Wirtschaftssystem einordnen zu wollen, war beängstigend. Die Politik muss in dieser Situation kreative Lösungen finden. Regional geht das offensichtlich besser als national. Trotzdem meine ich, der Schutz der Kultur sollte ins Grundgesetz.

Was vermuten Sie: Wie entwickelt sich die Kulturszene? Sollte es nicht niedrigschwellige Förder- und Schutzmaßnahmen geben?

Ohne Kultur sterben die Städte aus. Das wäre tragisch – für alle. Nicht nur für Kulturschaffende. Es ist also wichtiger denn je, diejenigen zu schützen, die die Stadt und unser Leben bunt und divers gestalten. Die, die unsere Städte zum Vibrieren bringen und unsere Seele streicheln. Die, die ein Stolpern unserer Gedanken herbeiführen und unseren Blick erweitern. Kurz gesagt, unsere Gesellschaft zu dem machen, was sie im Wesen ist: unsere Kultur.

Wie haben Sie persönlich abseits des Finanziellen den Beginn der Pandemie im vergangenen Frühjahr erlebt?

Ich brauchte tatsächlich Monate, um mich wirklich an neue Projekte setzen zu können, fühlte mich künstlerisch wie gelähmt. Ich habe meine Energie dann derart kanalisiert, dass ich Kollegen zu Ausstellungen eingeladen habe. Ich wollte meinen Luxus des Showrooms mit anderen teilen. Im Frühjahr waren es drei Einzelausstellungen. Und jetzt im Herbst eine wunderbar spontane Gemeinschaftsausstellung, aus der heraus gerade ein Buch entsteht: „#ohnekunstistesgrau“. Übrigens ohne Projektförderung, sie wurde abgelehnt. Das ist meine Art, mich solidarisch gegenüber Künstlern zu zeigen, denen alle Ausstellungsmöglichkeiten weggebrochen sind. Und außerdem möchte ich Solidarität sichtbar machen. Es braucht mehr Sichtbarkeit von Solidarität und Gemeinschaft – weil sie existiert.

Hatten die ersten Wochen auch etwas Gutes?

Natürlich, wie alles im Leben war auch diese Krise nicht rein schwarz. Irgendwann konnte ich die auch über den Sommer noch mittelbar anhaltende Ruhe genießen, aber das kehrte sich ja leider zum Herbst eher ins Gegenteil um. Die Leute wollten gefühlt nachholen, was ihnen im Frühjahr genommen worden war. Aber inspirierend war zum Beispiel die Verlangsamung des Lebens und der freie Himmel ohne weiße Linien.

Ich höre das oft von Künstlern. Was stört Sie persönlich derart an Flugzeugen und den von ihnen hinterlassenen Kondensstreifen?

Ich glaube, das hat mit dem Drang der Künstler zu tun, Ordnung zu schaffen. Sie arbeiten sich mit ihrer Kunst frei. Das beruht auf dem Gedanken, dass die Welt doch schöner gemeint sein muss, als wir sie erleben. Was mich antreibt, ist mein inneres Sehen einer Ordnung, die ich durch meine Malerei nach außen tragen möchte. Sie wird dadurch wahrhaftiger für mich. Und es ist ein schöner Gedanke, dass es dem einen oder anderen Betrachter einen Impuls gibt: ein besseres Leben ohne diese ganzen chaotischen Verläufe, Ausbeutungen, Ungerechtigkeiten und Bedrohungen.

Und der Himmel ist eine Art Projektionsfläche für diese Sehnsüchte?

Genau. Der Himmel hat eine besondere Aufgabe, er steht sinnbildlich für die bessere Welt. Wenn dieser Himmel also nicht durchzogen ist von unordentlichen Kerosinspuren, von lauten Start- und Landegeräuschen der Flugzeuge, von erschreckenden Überschallflügen, dann fühlt man sich dieser Welt etwas näher. Dann wird sie für alle Betrachter greifbarer.

Hätten Sie sich gewünscht, dass diese potenziellen und tatsächlichen Betrachter von Kunst für diese auf die Straßen gehen?

Ich hätte mir gewünscht, dass wir alle sinnbildlich noch enger zusammenrücken. Dafür muss man nicht zwingend auf die Straße gehen. Aber wir Künstler müssen sichtbarer, also wohl lauter werden. Man sieht uns zu wenig.

Wie wird die Kunstszene in Bremen und Umgebung Ende 2021 aussehen?

Lebendig – alles andere will ich mir nicht ausmalen. Und auf dem Weg dorthin müssen wir achtsam sein, dass die, die uns so verlässlich über lange Jahre mit Kunst und Kultur versorgt haben, nicht schmerzhaft durch das Netz fallen. Das käme einem gesellschaftlichen Versagen gleich.

Das Interview führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Ruth Cordes

ist freiberufliche Künstlerin und wohnt in Syke. Sie ist (Mit-)Initiatorin von „Nacht der schönen Künste“ im Schnoor, „Kunstraum regional“ in Syke und engagiert sich beim Verein Kunst in der Provinz.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+