Niedersächsisches Sternerestaurant schließt "La Vie" in Osnabrück: Wenn Sterne erlöschen

Niedersachsen verliert mit "La Vie" in Osnabrück eines der besten Restaurants der Welt. Und wie sieht es in Bremen und umzu aus?
17.07.2018, 19:34
Lesedauer: 4 Min
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Von Marcel Auermann

Zwei Worte. In Großbuchstaben. In roter Farbe. Unübersehbar für jeden, der die Internetseite aufruft: „Geschlossen/Closed“. Wer diesen Blocker wegklickt, bekommt mehr Informationen. Das Sternerestaurant „La Vie“ in der Altstadt von Osnabrück hat geschlossen. Von einem Tag auf den anderen bleiben die Herdplatten kalt, die Stühle in dem neoklassizistischen Haus frei. Keine schmackhaften Düfte mehr, die durch die Räume ziehen. Keine Korken mehr, die beim Öffnen der edlen Tropfen ploppen. Thomas Bühner, dessen Kochkunst der Guide Michelin seit 2011 mit drei Sternen dekorierte, steht ohne Wirkungsstätte da. Der Betreiber des Lokals, das Stahlunternehmen Georgsmarienhütte-Gruppe, drehte den Geldhahn zu. Alle Reservierungen müssen nun storniert werden. Wer einen Gutschein besitzt, kann sein Geld zurückbekommen. Feiern, zum Beispiel von Firmen, die längst geplant sind, müssen abgesagt werden.

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Der Grund für das Aus des Restaurants liege in der organisatorischen Neuausrichtung der Georgsmarienhütte-Gruppe, sagte eine Sprecherin des Konzerns. Die Unternehmensgruppe habe ihren Schwerpunkt in der Stahlerzeugung und Stahlverarbeitung, zusätzlich sei die Firmen-Organisation in den vergangenen anderthalb Jahren verändert worden.

Das sind bittere Neuigkeiten für rund 30 Mitarbeiter, die ihren Job verlieren – unter anderem auch einer der besten Künstler am Herd. Thomas Bühner werde sich in Zukunft „neuen Aufgaben rund um die Gastronomieszene zuwenden“, heißt es ziemlich nüchtern in einer Pressemitteilung der Georgsmarienhütte Holding.

Das machte das Restaurant aus

Für Feinschmecker in Niedersachsen bedeutet das Aus ebenfalls ein Schlag in die Magengrube. Für sie bleiben einige Worte des „La Vie“-Teams auf der Homepage, wo sich die Mitarbeiter bei den Gästen für deren „Loyalität, Vertrauen und die vielen schönen Stunden in den vergangenen Jahren“ bedanken. Und dann folgt ein Nachsatz, der alles in sich trägt, weshalb Gourmets landauf, landab das Lokal für seine lukullischen Genüsse und seinen Grundsatz für exzellenten Service so schätzten: „Erst Sie, liebe Gäste, haben das ,La Vie’ zu dem gemacht, was es bis zum Schluss war: eines der besten Restaurants unseres Landes und auch darüber hinaus. Bleiben Sie also weiterhin dem Genuss verbunden und passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist die Wertschätzung des Gastes, die allerhöchste Priorität haben sollte und, zugegeben, für die er auch tiefer in den Geldbeutel greifen musste. Dafür entfaltete sich auf dem Teller aber auch das komplette Können, mit dem ein Koch aufwarten kann: marinierte Sardine und Ananas oder Oktopusstückchen mit Wildschwein-Emulsion und einer Kimchi-Masse, die die Restauranttester lobten.

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Das „La Vie“ (Das Leben) war neben dem Wolfsburger „Aqua“ das einzige Drei-Sterne-Restaurant in Niedersachsen und eins von bislang elf deutschen Häusern in dieser Kategorie. In der Hauptstadt Berlin gibt es zum Beispiel überhaupt kein Restaurant mit dieser exklusiven Auszeichnung. Bei der Bewertung der Gastrokritiker des „Gault Millau“ bekam die Küche 19 von 20 Punkten.

Keine Sterne in Bremen und umzu

Doch was nützen drei Sterne und 19 Punkte in einem Buch, wenn das Geschäft in der gehobenen Gastronomie in vielen Fällen enormem wirtschaftlichen Druck unterliegt. Denn hohe Ansprüche bedeuten auch hohen Wareneinsatz, viel Personal, spezielles Geschirr und hochwertige Gläser – um nur einige Beispiele zu nennen. Diese Faktoren trugen auch dazu bei, weshalb sich Wolfgang Pade aus Verden schon im Jahr 2010 dazu entschloss, den Stern verglühen zu lassen. Seit nun acht Jahren arbeitet er in seinem "Pades" entspannter, aber keinesfalls mit weniger Anspruch.

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Spitzenleistung gibt es auch ohne Sterne, Punkte, Bratpfannen – oder was auch immer die Führer gerne vergeben. Das zeigt sich in Bremen und umzu ganz deutlich. Die Hansestadt geht schon seit Jahren leer aus. Zuletzt glänzte 2013 das "La Terrasse" im Parkhotel mit einem Stern. Seither funkelt’s in der Region nicht mehr. Und dennoch finden Gäste, die auf gute Küche wert legen, Top-Restaurants, die mit exzellenten Zutaten arbeiten, außergewöhnliche Komponenten auf die Teller legen und neuartige Kombinationen wagen. Der „Bib Gourmand“ von Michelin, der Häuser mit hochwertigen Speisen in einem besonders guten Preis-Leistungs-Verhältnis auszeichnet, ging in diesem Jahr an das „Pier 6“ in Bremerhaven, an das „Kaffee Worpswede“ und an das „Pades“.

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Im "Gault Millau", der angeblich zweitwichtigsten Lektüre für Gourmets, erscheinen „Grashoff’s Bistro“ (15 von 20 Punkten), „Das kleine Lokal“ (15), das „Topaz“ (13) und die „Küche 13“ (12) aus dem stadtbremischen Gebiet. Aus Bremerhaven gesellen sich das „Natusch“ und das „Pier 6“ mit jeweils 13 Punkten hinzu.

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Wem das nicht edel genug ist, der muss eine etwas weitere Fahrt in Kauf nehmen. Sven Elverfelds „Aqua“ in Wolfsburg glänzt im Michelin mit drei Sternen. Für „Keiling’s Restaurant“ in Bad Bentheim und das „Sterneck“ in Cuxhaven vergaben die Tester zwei Sterne. Zu einer glitzernden Auszeichnung reichte es für das „Ole Deele“ in Burgwedel, das „Schlosshotel Münchhhausen“ in Aerzen, die „Genießer Stube“ in Friedland, das „Jante“ in Hannover, das „Seesteg“ auf Norderney und das „La Fontaine“ in Wolfsburg. Ein bisschen näher an Bremen liegen das „No 4“ in Buxtehude und das „Apicius“ in Bad Zwischenahn. Beide besitzen einen Stern. Aber es muss ja nicht immer Kaviar sein.

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