Radführung rund um den U-Boot-Bunker Rüstungsprojekte auf engstem Raum

Wulf Böcker führt per Rad durch das Umfeld des U-Boot-Bunkers „Valentin“. Der Politikwissenschaftler informiert über Rüstungsprojekte des NS-Regimes.
22.06.2020, 09:55
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt

„Leider steht jeder, der am Wochenende den Bunker ,Valentin' besuchen möchte, vor verschlossenen Türen“, sagt Wulf Böcker. Als Politikwissenschaftler aus Bremen führt er seit 2018 per Fahrrad durch die Rüstungs- und Lagerlandschaft um den U-Boot-Bunker „Valentin“ in Farge.

Dank der Initiative Gedenkstättenservice Nord sind allerdings auch am Wochenende Touren möglich, die vom Bunker bis nach Schwanewede reichen und an die Zeit der Nazi-Diktatur erinnern. In Absprache mit der Bundeswehr darf bei der geführten Radtour auch der Standortübungsplatz Schwanewede betreten werden.

„Auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern finden sich gleich drei Rüstungsprojekte“, sagt Wulf Böcker: „Zum einen ließ die Luftwaffe des NS-Regimes im Wald der Rekumer Geest ein großes Treibstoffdepot errichten – Röhren mit einem Fassungsvermögen von 320 000 Kubikmetern. Das ist vom Volumen her, als würde der Blumenthaler Wasserturm 80 mal im Boden eingegraben werden“, sagt Besucherführer Böcker.

Das zweite Rüstungsprojekt wurde unter der Nazi-Herrschaft von der deutschen Marine initiiert, denn für die Kriegsschiffe wurde im großen Maßstab Schweröl gebraucht, das in Reichsölhöfen gelagert werden sollte. Da Deutschland jedoch bereits 1940 Frankreich erobert hatte, wurde das Depot nur zu einem Drittel erstellt.

Und weiterhin gab es ein Lager zur Unterbringung der Zwangsarbeiter, die für den Bau des U-Boot-Bunkers eingesetzt wurden. „Dieses Konzentrationslager in Farge war das drittgrößte Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg“, führt Wulf Böcker aus, der auch erklärt, warum der U-Boot-Bunker „Valentin“ überhaupt gebaut wurde: Nachdem es den Alliierten gelungen war, ihre Ortung deutscher U-Boote zu verbessern und den Funkverkehr der Deutschen zu entschlüsseln, konnten sie gezielt Jagd auf deutsche U-Boote machen – ein modernes U-Boot vom Typ 21, das von der AG Weser gebaut wurde, sollte so schnell wie möglich in großem Maßstab hergestellt werden. „So entstand die Idee einer U-Boot-Werft mit Massenproduktion modernster Boote. Für den Bau in der verbunkerten Werft wurden rund 8000 Zwangsarbeiter herangezogen“, berichtet Wulf Böcker.

Vom Bunker „Valentin“ aus geht es die Lagerstraße entlang – durch eine Landschaft, in der Maisäcker das Bild bestimmen. Vorbei an Windkraftanlagen gelangen die acht Teilnehmer in eine Wildnis, in der einst viele Lager auf einer kleinen Fläche versammelt waren. „Ab Sommer 1943 wurde auf diesem Terrain ein Arbeitserziehungslager der Gestapo eingerichtet“, erzählt Böcker, und beleuchtet die Hintergründe: „Denn in der Hochphase des Zweiten Weltkriegs wurden aus den besetzten Gebieten wie in Polen oder Russland viele Menschen einfach von der Straße geholt und als Zwangsarbeiter eingesetzt. Wer dabei bummelte oder die Arbeit verweigerte, kam für sechs Wochen in ein Arbeitserziehungslager und musste in der Regel schwere Bauarbeiten übernehmen – Prügeln war an der Tagesordnung.“

Die Baracken wurden nach dem Krieg zwar noch für die zahlreichen deutschen Flüchtlinge genutzt, später jedoch abgerissen. Nur ein unterirdischer Bau ist noch erhalten: Die Teilnehmer stehen auf einer asphaltierten Fläche, unter der ein Keller mit vielen Räumen liegt. „Man fand da unten auch einen Fleischerhaken, der auf Foltermethoden der Gestapo hindeutet“, weiß der Politikwissenschaftler Böcker.

Weiter geht es mit dem Fahrrad durch eine etwas unwegsame Heide der Geest, bestanden mit Kiefern, Eichen und Birken. Vor einem Waldstück steigt die Gruppe ab. „Jetzt befinden wir uns mitten im Gelände des Reichsölhofs“, erläutert Wulf Böcker. Der Wald wurde damals komplett gerodet, um Schweröldepots anzulegen. Dort wurden im Herbst 1943 in einem unterirdischen Rundbunker, der ursprünglich für Öltanks vorgesehen war, KZ-Häftlinge untergebracht. Als Zwangsarbeiter mussten sie auch nachts auf dem U-Boot-Bunker arbeiten, was besonders gefährlich war. Der Rundbunker wurde nach dem Krieg von den Briten gesprengt.

Die Tour führt weiter zu einem Gräberfeld: Denn ab dem Winter 1943/44 nahm die Zahl der Todesopfer immer mehr zu, und ab dem Frühjahr 1944 wurden die Leichen in dieser separaten Begräbnisstätte des KZ-Außenlagers Neuengamme verscharrt.

Am letzten Haltepunkt der Tour in Schwanewede errichtete die Organisation Todt im Jahre 1943 die großen Lager „Heidkamp I und II“. Dort wurden etwa 4500 Menschen untergebracht, zu denen im Sommer 1944 etwa 1200 italienische Militärinternierte hinzukamen.

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