Vogelschutz Landkreis sperrt Pfad am Hammeufer

Worpswede. Hinter der Brücke in Neu Helgoland folgt der breite Sandweg den Windungen der Hamme. Dann geht es seit Kurzem nicht mehr weiter. Dass sie den gewohnten Weg am Fluss nicht weitergehen dürfen, ärgert Spaziergänger.
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Von Michael Wilke

Worpswede. Hinter der Brücke in Neu Helgoland folgt der breite Sandweg den Windungen der Hamme. Bäume spiegeln sich im schwarzbraunen Wasser, Blätter und Schilfhalme rauschen im Wind. Links und rechts dehnt sich die Wiesenlandschaft bis zum Horizont. An der Hamme geht es plötzlich nicht mehr weiter. Nach einem Kilometer sperrt ein Metallgatter den Weg am Ufer, daneben steht ein Verbotsschild. Links knickt ein breiter Schotterweg ab; er führt hinein in die Hammeniederung, die unter Naturschutz steht. Dass sie den gewohnten Weg am Fluss nicht weitergehen dürfen, ärgert Spaziergänger.

Den Stacheldraht zwischen den Rundhölzern links vom Metallgatter hat einer mit der Zange durchgeschnitten. Wer weiterwill, kann sich zwischen den Hölzern durchzwängen. Früher konnte man hier noch kilometerweit laufen, wenn man wollte, bis zum Gasthaus Schamaika an der Teufelsmoorstraße. Die meisten schlugen den Bogen früher, gingen über die Pionierbrücke und kehrten über Weyerdeelen zum Dorf zurück. 'Auf der einen Seite machen sie Werbung mit ihrem Naturschutzgebiet', grollt einer, der namentlich nicht genannt werden will. 'Auf der anderen Seite schließt man die Leute aus.' Nahe der Pionierbrücke steht eine Metallpforte mit Zacken am oberen Rand. 'Die Benutzung des Weges ist rechtlich verboten', steht auf den Schildern. 'Wir bitten um ihr Verständnis.' Spaziergänger schütteln den Kopf. Sie sehen keinen Sinn in der Sperrung. Schließlich machen sie keinen Lärm, der die Vogelwelt erschreckt. Sie werfen keinen Müll in die Landschaft und bleiben auf dem Sandweg an der Hamme.

'Es gibt viele, die sich darüber beschweren und ihr Unverständnis äußern, dass sie die gewohnten Wege nicht mehr gehen dürfen', sagt Bürgermeister Stefan Schwenke. Er kann den Ärger der Bürger verstehen. Sie haben die Hammeniederung vor der Haustür, dürfen aber längst nicht alle Wege nutzen.

Jochen Semken, Ratsherr der den Grünen nahestehenden Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG) im Worpsweder Rat, hat Verständnis dafür, dass der Landkreis einzelne Wege schließt, um die Natur und ihre Vogelwelt zu schützen. Dass der Weg an der Hamme gesperrt werden würde, sei von Beginn an klar gewesen, sagt Semken, seit den ersten Planungen für das 'gesamtstaatlich-repräsentative' Naturschutzgebiet (GR-Gebiet) in der Niederung zwischen Osterholz-Scharmbeck und Worpswede. Kein Verständnis hat der Kommunalpolitiker dafür, dass der neue Weg, vom Hallenbad zur Pionierbrücke nur für die Landwirte mit ihren Treckern freigegeben ist. Das sei vielen in der Bevölkerung ein Dorn im Auge, sagt er.

Der Schutz der Vögel im Breiten Wasser, wo im Winter mehrere Zehntausend Enten, Tausende Wildgänse und Hunderte von Schwänen rasten, ist Jochen Semken wichtig. 'Es geht immer um die Fluchtdistanz', sagt der Kommunalpolitiker. 'Wie weit kann man an die ran, ohne dass die sich gestört fühlen?' Den Konflikt zwischen den Schutzbedürfnissen von Pflanzen und Tieren und den Bedürfnissen der Menschen, die die freie Natur genießen wollen, sieht Semken. 'Was nicht geht, ist, dass man die Menschen aussperrt und sagt: Ihr dürft da gar nicht mehr rein. Wir leben hier schließlich auch.' Wer Menschen für den Naturschutz sensibilisieren wolle, müsse ihnen die Möglichkeit geben, Natur zu erleben.

Das sieht Johannes Kleine-Büning, Leiter des Planungs- und Naturschutzamts im Osterholzer Kreishaus, auch so. Immerhin habe der Landkreis im 2700 Hektar großen Schutzgebiet in der Hammeniederung 'sage und schreibe' 50 Kilometer an neuen Wander- und Wirtschaftswegen anlegen lassen, auch als Angebot an die Bevölkerung. 'Diese Wege sind günstiger und in vielen Bereichen besser als vorher.' Als herausragendes Beispiel nennt Kleine-Büning die neue Radwegeverbindung zwischen Osterholz-Scharmbeck und Worpswede mit der Hammebrücke bei Melchers Hütte. Der Wegebau und die damit verbundenen Eingriffe in den Naturhaushalt seien nur möglich gewesen, 'weil wir an anderen Stellen die notwendigen Ruhezonen geschaffen haben', erklärt Kleine-Büning.

Das Breite Wasser ist so ein Bereich. Im Uferbereich der Hamme brüten nach Angaben des Amtsleiters bedrohte Wiesenvögel wie Uferschnepfe, Brachvogel und Rotschenkel. 'Die sehen im Menschen den Feind und reagieren mit Fluchtverhalten', erklärt Kleine-Büning, 'potenziert, wenn Hunde mitgeführt werden und noch mehr potenziert, wenn Hunde frei laufen.' Das Gleiche gelte für große Vögel wie nordische Wildgänse und die nordischen Sing- und Zwergschwäne. Sie brauchten mehrere Hundert Meter Sicherheitsabstand zum Menschen. Bei Treckern oder Autos ist das anders. 'Sobald Menschen in Fahrzeugen oder Gebäuden verborgen sind, werden sie nicht als Feinde wahrgenommen', sagt der Leiter des Planungs- und Naturschutzamts im Kreishaus. 'Ein Trecker löst keine Feind- und Fluchtreaktion aus.' Ein Spaziergänger widerspricht. Er habe in der Niederung öfter Schwärme von Wildgänsen aus einiger Entfernung beobachtet. Sie seien nicht weggeflogen, hätten sich an die Spaziergänger gewöhnt.

Rechtlich gebe es keine Alternative zur Sperrung des Weges am Hammeufer, betont Kleine-Büning. Die Wiesenlandschaft zwischen dem Künstlerdorf und der Kreisstadt ist nicht nur Schutzgebiet von nationaler Bedeutung, sondern auch europäisches Schutzgebiet. 'Natura 2000' heißt das Programm; in ganz Europa entsteht ein Netz von Natur- und Landschaftsschutzgebieten. 'Das ist der Beitrag der EU zur globalen Erhaltung der Artenvielfalt', erklärt Kleine-Büning. Natura 2000 umfasst die gesamte Hammeniederung zwischen Ritterhude, Osterholz-Scharmbeck und Worpswede, zirka 4500 Hektar.

Für Fußgänger und Radfahrer gesperrt bleibt auch der neue Wirtschaftsweg vom Hallenbad zur Pionierbrücke. Der sei für Landwirte angelegt worden, sagt Kleine-Büning. 'Wir brauchten zwingend eine landwirtschaftliche Verbindung im Bereich der Pferdeweiden.' Das sei das Ergebnis der Flurbereinigung im GR-Gebiet gewesen. Wegen der Naturschutz-Auflagen änderte sich für Bauern die Wegeführung.

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