Wohnungsversiegelung in Berne Landkreis will Familie nicht in ihr Haus lassen

Vor etwas mehr als einem Jahr hat die Familie Heil einen Resthof an der Neuenkooper Straße in Berne übernommen und entrümpelt. Jetzt ist das Haus versiegelt, es ist laut Verwaltung einsturzgefährdet.
15.08.2018, 09:32
Lesedauer: 4 Min
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Landkreis will Familie nicht in ihr Haus lassen
Von Barbara Wenke

Kai Heil steht zwischen Unmengen von Müllsäcken, Bauschutt und Containern – und vor dem Ruin. Vor etwas mehr als einem Jahr hat der 41-Jährige einen Resthof an der Neuenkooper Straße übernommen. Dort wollte er mit seiner sechsköpfigen Familie seine Husky-Ranch neu aufbauen. Am 1. August zog die Familie samt 35 Hunden von Hatten nach Berne um. Doch die Freude währte nur kurz. Die Kreisverwaltung verbot den Heils nach nur einer Woche, ihre Immobilie zu betreten. Der Grund: Einsturzgefahr. Das Haus ist am Dienstagabend von der Bauaufsicht des Landkreises versiegelt worden.

„Wir sind obdachlos“, klagt Kai Heil. Da habe er ein Haus und den festen Willen, etwas daraus zu machen, doch er dürfe nicht. „Eine sechsköpfige Familie mit 35 Hunden. Wo sollen wir denn hin?“, fragt er konsterniert. Die Gemeinde Berne habe ihnen eine Notunterkunft im Ortskern angeboten, berichtet der Familienvater. Im Obergeschoss eines Hauses an der Langen Straße. Die Unterkunft kommt für Heil aber nicht in Frage.

22 Container mit Müll aussortiert

So wohnen sie provisorisch: Die drei älteren Kinder, die Töchter Nicole (16 Jahre) und Michelle (9) sowie Sohn Dominique (14), schlafen in einem großen Zelt hinter dem Haus. Christa und Kai Heil sind mit der vier Wochen alten Samantha in den Hundeanhänger, einen großen Lastwagen mit Schlafkoje, gezogen.

Dem Neubürger ist bewusst, dass Haus und Grundstück verwahrlost sind. Als die Familie einzog, hatte das Haus zehn Jahre lang leer gestanden. Obwohl „leer“ nicht wirklich die richtige Bezeichnung ist, denn auf der Diele türmten sich Müllsäcke bis unter die Dachbalken. „Hier hat vorher ein Entrümpler gewohnt“, berichtet Kai Heil. „Der hat einfach alles hier rein geschmissen.“ Den Abfall habe er beim Auszug zurückgelassen. Nun muss Heil für den Abtransport zahlen. „Wir haben bereits 300 Kubikmeter Müll entsorgt. 22 Container. Jeder kostet uns zwischen 1200 und 2000 Euro“, stöhnt der neue Besitzer.

Noch immer türmen sich die blauen Säcke auf der Diele. Der nächste Container, der einen Stellplatz in der Hofauffahrt gefunden hat, ist bereits wieder gefüllt. Dass der Hof nicht nur viel Gerümpel bietet, sondern auch wirklich einsturzgefährdete Bereiche, ist Kai Heil klar. „Die Scheune ist abgesperrt und wird nicht mehr betreten. Sie kommt später auch weg“, betont der Familienvater.

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Aber der Wohnbereich am hinteren Ende des Hauses ist seiner Meinung nach bezugsfähig. „Wir haben die Küche neu aufgebaut und den Fußboden mit 9,2 Tonnen Estrich gefüllt.“ Ein erstes Zimmer sei zum Wohnen hergerichtet und die Fußböden im Wohnbereich erneuert worden. „Wir wissen, dass das eine Lebensaufgabe ist“, sagt Kai Heil und Ehefrau Christa nickt zustimmend.

Freilaufgehege ist in Schuss

Eins A in Schuss sind derweil die beiden Freilaufgehege der Huskys. Sie sind in den vergangenen Monaten als erstes eingerichtet worden. 220 Kubikmeter Sand haben die Heils für ihre Schützlinge auffahren lassen. Im Raum hatte jüngst die Androhung gestanden, dass das Veterinäramt die Tiere abholen würde, erzählt Kai Heil. Doch so weit werde es nicht kommen. „Die Hunde sind sicher“, stellt er sichtlich erleichtert fest. „Das Veterinäramt hat gesagt, dass alle Tiere gut aussehen.“ In den Wohnbereich hat der Kfz-Mechaniker in Eigenarbeit neue Fenster eingesetzt. Einige Fundamente wurden erneuert und Mauern verstärkt. „Wir haben jetzt 70 Zentimeter dicke Außenmauer“, stellt Kai Heil fest. Den maroden Eingangsbereich des Bauernhauses haben Heil und Bekannte in den vergangenen Monaten abgetragen. Dort, wo der verkommene hölzerne Vorbau stand, ragen OSB-Platten in die Höhe und bilden einen neuen Vorbau.

Jetzt möchte der Hausherr in der Diele weiter arbeiten. Doch genau da liegt das Hauptproblem. An einem Stützbalken fehlen die Kopfbänder, Streben die zur Stabilisation zwischen dem horizontalen Pfosten und dem vertikal darüber verlaufenden Balken angebracht sind. Auch die Stütze selbst ist kein Original. Heil sieht die Konstruktion nicht als einsturzgefährdet an. „Da liegt seit 28 Jahren ein Eichenstamm drauf“, sagt der 41-Jährige. „Da ist in der ganzen Zeit nichts dran passiert und da wird auch jetzt nichts dran passieren.“ Er habe sich bereits mit einem Statiker unterhalten, der seine Meinung teile. Nichtsdestotrotz wolle er den Balken erneuern. Nur, Heil will die Arbeiten selbst ausführen. Gemeinsam mit Freunden. „Das Amt sagt aber, wir müssten eine Fachfirma beauftragen.“ Heil schluckt. „Wer soll das bezahlen“, fragt er konsterniert. Zumal er und seine Frau Christa bereits jetzt 100 000 Euro in die Immobilie investiert haben. Weitere 5000 Euro sind für das Dach eingeplant, das Heil selbst reparieren möchte.

Nicht nur finanziell, auch körperlich am Ende

Das Haus hat die Familie als Mietkauf erworben. Nach einer vertraglich festgeschriebenen Anzahl an Mietzahlungen werde die Immobilie in seinen Eigentum übergehen, erläutert Kai Heil. Doch die Familie schießt nicht nur Geld in ihr neues Domizil. Sie hat auch viel Arbeit und Bares in ihre ehemalige Bleibe in Hatten gesteckt. Rund 250 000 Euro rechnet der Familienvater vor. Dafür hatten sie sich in den vergangenen drei Jahren eine Husky-Ranch geschaffen. Kaum sei alles fertig gewesen, hätten sie die Kündigung erhalten, berichtet Heil.

Von Dezember bis April boten die Hundebesitzer Touristen Hundeschlittenfahrten durch die Geest an. Die Fahrten hätten dabei so viel Geld eingebracht, dass er seine Kfz-Werkstatt aufgegeben habe, sagt Kai Heil. Da die Farm noch nicht wieder aufgebaut sei, fielen diese Einnahmen derzeit allerdings weg. Nicht nur finanziell, auch körperlich sei die Familie jetzt am Ende, sagt Kai Heil.

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