Jugendliche verwandeln den Achimer Bahnhofstunnel in ein farbiges Kunstwerk mit lokalen Bezügen Langsam verschwindet das Einheitsgrau

Achim. "Kein Ort zum Wohlfühlen" - so beschreiben die Initiatoren eines Graffiti-Projekts den ursprünglichen Zustand des Bahnhofstunnels. Doch damit ist jetzt Schluss. Seit einigen Wochen arbeiten Jugendliche fieberhaft daran, die Unterführung mit Hunderten von Spraydosen in ein kleines Kunstwerk zu verwandeln. Neben Fantasielandschaften können Ortskundige auch lokale Straßenbilder und stadtbekannte Bauwerke erkennen.
16.07.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Butt

Achim. "Kein Ort zum Wohlfühlen" - so beschreiben die Initiatoren eines Graffiti-Projekts den ursprünglichen Zustand des Bahnhofstunnels. Doch damit ist jetzt Schluss. Seit einigen Wochen arbeiten Jugendliche fieberhaft daran, die Unterführung mit Hunderten von Spraydosen in ein kleines Kunstwerk zu verwandeln. Neben Fantasielandschaften können Ortskundige auch lokale Straßenbilder und stadtbekannte Bauwerke erkennen.

"Die Resonanz der Bahnfahrer auf das Projekt ist gewaltig. Unsere Jugendlichen werden von allen Seiten gelobt", freut sich Jan-Henning Göttsche. Der Sozialarbeiter hat für SoFa (Sozialpädagogische Familien- und Lebenshilfe) die Projektleitung übernommen. Unterstützt wird er von Sven Dankleff (künstlerischer Leiter) und Bastian Morbe (pädagogischer Mitarbeiter).

Die Drei freut es, dass sich die Bahnfahrer schon jetzt mit dem neuen Aussehen des Tunnels identifizieren können. "Jeder hat Verständnis dafür, wenn es mal nach Farbe riecht. Oft gibt es lobende Worte, und es wurden auch schon Stimmen laut, die Angst vorm Übermalen durch Chaoten haben", berichtet der Sozialarbeiter.

Die Verschönerungsarbeiten haben im Mai begonnen. Die Kacheln mussten gereinigt und angelaugt werden. Es folgten weitere Reinigungsschritte und Grundierungen. "Bei diesen zeitaufwändigen Arbeiten wurden wir von zwei Jugendlichen unterstützt, die Sozialstunden ableisten mussten", sagt Göttsche. Inzwischen steuern etwa 30 Aspiranten regelmäßig das Spray-Projekt und ihren Übungsraum im Bahnhof an. Auch die Testwand hinter dem Dröönläänd wird gut angenommen. "Wirklich an der Spraydose aktiv ist aber nur die Hälfte", schätzt Göttsche.

Heimische Motive auf den Kacheln

Unter professioneller Anleitung haben die Hobby-Sprayer bereits einige Motive fertiggestellt. Ortskundige erkennen viele heimische Motive an den Tunnelwänden. Beispielsweise den Blick durch das Bauernviertel auf die St.-Laurentius-Kirche. Auch Windmühle und Ueser Brücke finden sich auf den Kacheln. An die aufwändige Brückenkonstruktion legt Robin Sinka gerade letzte Hand an. "Die vielen kleinen Zwischenräume ordentlich zu machen dauert seine Zeit", erzählt er. Für die Brücke hat er sich entschieden, weil sie sofort von Allen erkannt wird.

Fantasiemotive, beispielsweise einen Roboter, hat Björn Lasetzke an die Wände gesprüht. Seine Lust auf Streetart wurde bei einem Sprayprojekt vor dem Bau des Gieschen-Kreisels geweckt. "Hier im Bahnhofstunnel unterstütze ich ein gutes Projekt und mich bringt es künstlerisch weiter", erzählt der 17-Jährige aus Uesen.

Zwischen den modernen Stadtansichten sollen in den nächsten Wochen historische Achimer Motive an die Wände gesprüht werden. "Nicht in Farbe, sondern in Schwarz-Weiß", sagt Sven Dankleff. Die Vorlagen dafür stammen aus einem alten Fotoalbum, das eine Frau aus der Nachbarschaft den Sprayern zur Verfügung gestellt hat. "Nach und nach wächst alles zusammen, und die Motive wirken wie Seifenblasen, aber mehr möchte ich noch nicht verraten", so der künstlerische Leiter.

Nicht nur bekannte Bauwerke finden sich an den Wänden der Unterführung wieder. Auch ein Fahrzeug, das von Achims Straßen nicht mehr wegzudenken ist: Der 50 Jahre alte Borgward von Getränkehändler Heiko Dittmer. Den Firmenschriftzug sucht man auf dem Graffiti zwar vergebens, aber Heiko Dittmer bestätigt, dass es sich um sein Fahrzeug handelt. "Auf Wunsch der Sprayer habe ich meinen Lieferwagen gegenüber der Fußgängerzone geparkt, damit die jungen Leute die Szene auf einem Foto festhalten können", erzählt er. Viele Bekannte und Kunden haben ihn in den vergangenen Tagen auf das Graffiti angesprochen. "Die jungen Leute sagen, da kommt der Dittmer mit seinem alten Lkw. Die ältere Fraktion erkennt sofort den Borgward", erzählt Heiko Dittmer.

"Jeden Tag muss ich zweimal durch den Tunnel laufen und genieße jeden Fortschritt", erzählt Klaus-Otto Henckel. Er lobt die jungen Sprayer, richtet aber auch einen Wunsch an die Akteure: "Ihr seid wirklich gut, aber bei einigen Motiven wünsche ich mir mehr Mut zur Provokation", sagt der Achimer. Sein Lieblingsbild befindet sich etwa in der Tunnelmitte. Es zeigt den Achimer Bahnhof bei Nacht. Ein Zug fährt mit hoher Geschwindigkeit durch die Station. Im Hintergrund ist der markante Lieken-Turm deutlich zu erkennen. "Ein super Motiv", sagt der 52-Jährige.

Die Arbeiten in der Unterführung werden noch einige Wochen andauern. Für den 27. August planen die Organisatoren und die jugendlichen Sprayer dann eine große Einweihungsparty.

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