Kantor Sören Tesch neu im Kinderhospiz Aus Musik wird Therapie

Musiklehrer, Kantor in der Leester Kirchengemeinde und noch musiktherapeutisches Arbeiten im Kinderhospiz Löwenherz in Syke: Sören Tesch aus dem Jeebel ist auf mehreren Wegen unterwegs.
04.08.2020, 17:51
Lesedauer: 3 Min
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Von Maike Plaggenborg

Weyhe/Syke. Schon immer ist Sören Tesch aus dem Weyher Ortsteil Jeebel von Menschen umgeben. In dem Pastorenhaushalt, in dem er nahe Bad Bederkesa aufwächst, geht es um Eine-Welt-Arbeit, Umweltprojekte, auch im Ausland. Das christliche Zuhause ist besucht von Obdachlosen, Asylbewerbern, Pflegekindern, psychisch Kranken – Menschen, die andere Menschen brauchen. Das Tausendsassa-Dasein seines geistlichen Vaters hat Tesch übernommen. Er ist Musiker, Kantor in Leeste, Sozialpädagoge und nun auch noch musiktherapeutisch im Syker Kinderhospiz Löwenherz unterwegs. Dabei hätte er beinahe Karriere mit einer seiner acht Bands gemacht.

Als Tesch 15 Jahre alt ist, geht es für seine Familie und ihn nach Syke. Der Vater will sich seinerzeit noch einmal versetzen lassen und ist dort 20 Jahre lang Pastor. Er ist dort „großer Netzwerker in Sachen Politik und Soziales“ – ein Pastor, „zu dem ich immer hochgeschaut habe“, sagt Tesch. „Er war mehr Sozialarbeiter“ und so versteht der Jeebeler die Aufgabe eines solchen Geistlichen, wie er sagt. „Als er vor fünf Jahren gestorben ist, war ich dann der Herr Tesch“, sagt der Kantor über seinen Vater – und der Filius ist da bereits ebenso bekannt, „wie ein bunter Hund“. Er selbst wird einer, der viel ausschwärmt: in der Jugend für ein Jahr in ein Internat nach London, er reist viel, oft nach Simbabwe, zieht nach Bremen, studiert in Oldenburg. „Ich habe viel gesehen“, sagt er.

Immer mit dabei: die Musik. Im niederländischen Groningen, in der Schweiz, in Dortmund, Hamburg – überall hat er eine Band. Auf acht kommt er insgesamt. Mit allen Gruppen bringt er es über die Jahre auf insgesamt 800 Konzerte. „Die Groninger Band war am erfolgreichsten“, sagt er. Mit ihr verkauft er konstant weltweit Songs. Zwölf Jahre im Tourbus allerdings verbringt er mit Schwarz auf Weiß, zu der damals auch Weyher gehören – „kommerziell am erfolgreichsten“, sagt Tesch. Bläser aus der Gruppe spielten auf Platte in der Band von Herbert Grönemeyer, sie waren Vorband der Toten Hosen, Kettcar wiederum war ihre Vorband. Sie waren mit Fehlfarben zwei Jahre lang auf Tour, deren Sänger sie wegen ihrer Texte als „wichtigste deutsche Band“ bezeichnet haben soll. Mit der Band rund um Ska und auch Punk haben sie deutsche Texte gesungen. „Wir haben Spaßmusik gemacht, aber wir hatten immer was zu sagen.“

„In diesem ganzen Gerödel habe ich meine Frau kennengelernt“, sagt Tesch. Und er wird Vater. Den Erfolg begräbt die Gruppe schließlich wegen der veränderten deutschen Strukturen in der Poplandschaft, wie der 43-Jährige sagt. CDs wurden privat gebrannt, dann kamen die Streaming-Plattformen dazu, die Gagen wurden weniger. Finanzielle Durststrecken und die Versorgung der eigenen Familien der Musiker führten zum Ende der Band.

Viel Zeit für die Musik, wenig für das Studium: Der Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Musik und Religion an der Uni Oldenburg kehrt er nach 13 Semestern den Rücken. Seit 2005 unterrichtet er in der Musikschule Rothaus. Er wird geprüfter Kirchenmusiker für Popularmusik – „die einzige abgeschlossene Ausbildung“, sagt Tesch lachend. 2015 wird er Kantor in Leeste, orgelt dort jeden Sonntag, macht aber auch Kirchenmusik auf Jazz, Pop und Rock, steht mit der E-Gitarre vorne. Bewusst setzt er auf Popmusik im Gottesdienst. Und er sieht den Erfolg: „Die Hütte ist jeden Sonntag voll“, sagt er über die Anzahl der Kirchgänger, die er als dreimal höher als in anderen Gemeinden einstuft. Noch dazu leitet er den Kirchenchor mit rund 50 Sängern wie auch die Leester Chorwürmer – den Kinderchor, der während seiner Arbeit an der Grundschule Erichshof entsteht. Mit Jugendlichen gründet er das Kirchenrockband-Projekt We Stamp mit früheren Konfirmanden.

Nun also auch noch das Kinderhospiz. „Wie kann man das freiwillig machen?“, werde er häufiger gefragt. Tesch aber kann das nicht verstehen. „Ich fliege da mit bester Laune hin und genauso zurück“, sagt er über sein wöchentliches Musikangebot für die todkranken Kinder. „Ich mag die Vorstellung nicht, dass da Leute terminiert werden“, meint Tesch, der seinen Fokus auf das Positive legt: die gemeinsame Freude. Die Einrichtung fand den Musiker als passend, weil er eben unkonventionell ist, eher harte Töne anschlägt – auf Wunsch zumindest. Oft schwanken die Kinder zwischen den Extremen. Heißt: Helene Fischer oder ACDC. „Das Therapeutische ist, da Sonne reinzuzaubern“, sagt Tesch, der Gitarre, Bass und Schlagzeug kann, sich aber hauptsächlich als Pianisten sieht. Und er feiert wieder Erfolge. Einmal habe sich ein Kind das Lied „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen gewünscht, das sie gemeinsam gespielt haben. Dabei hatten sich die spastischen Hände des Kindes geöffnet, wofür gewöhnlich drei Pfleger benötigt werden, damit die Innenflächen gepflegt werden können. Tesch ist sich seiner Sache sicher und stellt mit seiner neuen zusätzlichen Aufgabe fest: „Ich wollte schon immer Musiktherapie machen.“

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