Debatte über Schulöffnung in Niedersachsen Lehrer kritisieren „Mauer des Schweigens“

Werden die Corona-Vorgaben für Schulen und Kitas gelockert? Und wenn ja, für wen? Bevor Bund und Länder darüber beraten, herrscht in Niedersachsen Rätselraten - auch, wenn sich eine Tendenz abzeichnet.
14.04.2020, 16:20
Lesedauer: 4 Min
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Lehrer, Schüler und Eltern fordern Klarheit, wann und wie es an Niedersachsens Schulen und Kindertagesstätten in der Corona-Krise weitergeht. Die Vorschläge der Wissenschaftsakademie Leopoldina für Lockerungen haben im Land ein geteiltes Echo hervorgerufen, bevor Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs am Mittwoch über das weitere Vorgehen beraten wollen.

Ministerpräsident Stephan Weil warnte am Dienstag vor vorschneller Hoffnung auf umfassende Lockerungen. „Niemand von uns sollte die Illusion haben, dass wir ab nächster Woche unser altes Leben zurückbekommen“, sagte der SPD-Politiker. Man könne allenfalls über „erste, vorsichtige Schritte“ reden - und auch danach sei nur ein stufenweises Vorgehen vorstellbar.

Vor diesem Hintergrund erscheint es unwahrscheinlich, dass alle Schüler am kommenden Montag wieder zum Unterricht gehen können. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hält eine Rückkehr zum Schulunterricht in Niedersachsen nur schrittweise für umsetzbar. „Das Kultusministerium sollte endlich Farbe bekennen und nicht so tun, als ob ein kompletter Neustart noch eine Option wäre“, forderte die Gewerkschaft. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) müsse „die Mauer des Schweigens durchbrechen und Klarheit über das weitere Vorgehen schaffen“, sagte VBE-Landeschef Franz-Josef Meyer.

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Nur wie soll die Rückkehr aussehen? Der Philologenverband spricht von einem „Blick in die Glaskugel“, wenn es um die Auswirkungen von Lockerungen auf die Pandemie geht. Der Grundsatz müsse daher auch für die Schulen lauten, „nicht so früh wie möglich, sondern so sicher wie nötig zu handeln“, sagte Landeschef Horst Audritz.

Die Leopoldina hatte sich zu Wochenbeginn dafür ausgesprochen, die Schulen zunächst für die unteren Jahrgänge wieder zu öffnen, da ältere Schüler besser mit dem selbstständigen Lernen zu Hause klarkämen. Das Robert Koch-Institut argumentierte dagegen am Dienstag, dass ältere Schüler sich in der Schule eher an die Mindestabstände halten würden und daher zuerst zurückkehren könnten.

Die Landeschefin der Bildungsgewerkschaft GEW hält die Frage, in welcher Reihenfolge die Schüler zurückkehren, dabei für zweitrangig. „Am wichtigsten ist der Gesundheitsschutz aller Schulbeschäftigten, Eltern und Kinder“, betonte Laura Pooth. Neben dem Abstandsgebot sei daher die Ausstattung der Schulen mit Waschbecken, warmem Wasser und Seife sowie Desinfektionsmitteln entscheidend. „Es rächt sich in diesen Krisenzeiten, dass unser Bildungssystem so lange kaputtgespart wurde“, kritisierte sie.

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Doch auch den Eltern brennt die Frage unter den Nägeln, wie es weitergeht - nicht zuletzt, weil viele von ihnen selbst berufstätig sind. Das öffentliche Rätselraten sei dabei nicht hilfreich, sagte die Vorsitzende des Landeselternrats, Cindy-Patricia Heine: „Das verunsichert die Eltern ungemein. Das Telefon läuft heiß.“

Die Vorschläge der Leopoldina kritisierte sie als „vom Schreibtisch aus gemacht“, der Schulalltag sei ein ganz anderer. Wer solle denn die Abstände in den Schulen überwachen, fragte sie: die Lehrer, die eigentlich unterrichten sollen? Wie lasse sich der Verkehr mit den Schulbussen organisieren, wenn auf einmal nicht mehr 60, sondern nur noch 20 Schüler hinein dürfen? Und was passiert, wenn sich doch ein Schüler infizieren sollte - müssen dann wieder alle in Quarantäne?

Heines Fazit: Für Lockerungen sei es noch zu früh, denn auch Kinder könnten das Virus weitertragen. „Ich wüsste nicht, was dafür spricht, dass wir unsere Schulen am 20. April wieder öffnen können.“

Aus Sicht der Unternehmen wäre es dagegen eine Erleichterung, wenn berufstätige Eltern von Schul- oder Kitakindern sich wieder voll auf den Job konzentrieren könnten. „Für die niedersächsische Wirtschaft ist es am wichtigsten, dass die Eltern wieder arbeiten gehen können“, sagte Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände (UVN). „Daher sollte die Betreuung der kleineren Kinder sichergestellt sein. Darüber hinaus sollten aber auch die, die Abschlüsse machen müssen, möglichst schnell wieder zur Schule.“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) betonte, dass die derzeitige Situation für viele Eltern von Kita-Kindern eine Belastungsprobe sei. „Gleichzeitig zu Hause zu arbeiten und die Kinder zu betreuen, wie es viele derzeit tun, ist ein Kraftakt“, sagte Landeschef Mehrdad Payandeh. Man müsse daher alles daran setzen, die Möglichkeiten zur Kinderbetreuung wieder zu eröffnen - allerdings ohne gesundheitliche Risiken einzugehen.

Auch der Sprecher des Städte- und Gemeindebunds, Thorsten Bullerdiek, bezeichnete es als „wünschenswert“, die Kitas wieder zu öffnen. Allerdings müssten die Risiken dabei genau abgewogen werden.

Der Deutsche Kitaverband lehnt die Empfehlungen der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zur Wiederöffnung der Kitas in Deutschland ab. Die Bundesvorsitzende Waltraud Weegmann nannte den Vorschlag, Kitas vorerst für Fünf- und Sechsjährige wieder zu öffnen und für alle anderen Kinder bis zum Sommer nur Notbetreuung anzubieten, einen „weitreichenden Eingriff“. Eine Schließung bis zu den Sommerferien würde die Eltern in große Nöte bringen, sagte Weegmann der „Heilbronner Stimme“ und dem „Mannheimer Morgen“ (Mittwoch). Viele Eltern hätten Berufe, in denen sie nicht im Homeoffice arbeiten könnten. „Bleiben die Kitas zu, stellt dies die Familien vor unlösbare Probleme.“

Die Wissenschaftler der Leopoldina hatten für die Wiederöffnung der Kitas einen Betrieb mit reduzierten Gruppengrößen von maximal fünf Kindern je Raum ab einem Alter von fünf Jahren empfohlen. Weil kleinere Kinder sich nicht an Distanzregeln und Schutzmaßnahmen hielten, sollten die Kitas für sie bis zu den Sommerferien im Notbetrieb bleiben.

Die Schüler selbst wiederum werben dafür, dass die diesjährigen Abschlussprüfungen nur freiwillig stattfinden. Wer wolle, solle ein Recht darauf haben, die Prüfungen abzulegen, forderte der Landesschülerrat. Standard solle in diesem Jahr aber ein „Durchschnittsabschluss“ sein. Die Abschlussnote ergebe sich dann aus den Leistungen der letzten Halbjahre. (dpa/rab)

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