Moritz Rinkes doppelte Hochzeit während der Istanbuler Revolte und im harmonischen Worpsweder Herbst

Liebe im Angesicht des Aufstands

Revolten kämen bei Schriftstellern meist nur in Worten vor, sagt Moritz Rinke. Ihm erging es anders: Der Worpsweder Autor und Dramatiker heiratete mitten in den Istanbuler Aufständen seine Frau Eylem. Gestern gaben sich beide in Worpswede ein zweites Mal das Ja-Wort.
21.09.2013, 00:00
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Von Lars Fischer
Liebe im Angesicht des Aufstands

Schriftsteller Moritz Rinke und Eylem Özdemir-Rinke haben zweimal geheiratet: Ende August, inmitten der Revolution in Istanbul und gestern im Worpsweder Rathaus. FOTO: LARS FISCHER

Lars Fischer, Lasr Fischer

Revolten kämen bei Schriftstellern meist nur in Worten vor, sagt Moritz Rinke. Ihm erging es anders: Der Worpsweder Autor und Dramatiker heiratete mitten in den Istanbuler Aufständen seine Frau Eylem. Gestern gaben sich beide in Worpswede ein zweites Mal das Ja-Wort.

„Wenn du mich heiraten willst, muss du die Revolution mitmachen.“ Ein Satz wie aus einem Stück, in Wirklichkeit aber aus dem realen Leben gegriffen. Aus dem Leben eines Dramatikers und Autors allerdings, dem berühmtesten Worpsweder Schriftsteller seit Rainer Maria Rilke: Moritz Rinke. Er hat offensichtlich mitgemacht, denn er hat geheiratet und das gleich zweimal: zuerst am 31. August in Istanbul und gestern noch einmal im Worpsweder Rathaus.

Zufällig ist nichts daran, am wenigsten die Orte. Über Rinkes Verbindung zu seinem Geburtsort, dem Spielort seines Bestseller-Romans „Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, ist viel geschrieben worden. Seine Ehefrau Eylem Özdemir-Rinke stammt aus Antalya und lebt in Istanbul, mit ihr zusammen erlebte er in diesem Sommer die Aufstände rund um den Taksim-Platz und Gezi-Park in der türkischen Metropole. Aus dem Widerstand gegen die Bebauung der Grünfläche entstand ein massiver Protest gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Bis zu 100000 Menschen kamen in dem Park zusammen, bauten eine Zeltstadt auf und zelebrierten eine bunte Widerstandskultur.

Erdogan ließ seinerseits Polizei und Militär mit gnadenloser Härte gegen die Demonstranten vorgehen, es gab Tote. Der Konflikt griff von Istanbul auf weite Teile des Landes über, es entstand eine Massenbewegung, die tatsächlich revolutionäre Züge trug. Rinke, der ein Stipendium in Istanbul erhalten hatte, ließ seine eigentliche Arbeit ruhen und begann in Blogs und Beiträgen für deutsche Zeitungen darüber zu berichten. Gerade zu Beginn der Proteste, als deutsche Medien nur sehr verhalten auf die Situation aufmerksam wurden, war es der Autor, der zum Berichterstatter der Revolution wurde.

Die Tänzerin und der Dramatiker

Eine Revolution, die sich abspielte vor dem Hintergrund seiner eigenen großen Liebe – ein Plot, den man sich kaum ausdenken kann. 2009 hat Moritz Rinke Eylem Özdemir kennengelernt – beim Fußballspielen am Hamburger Millerntor. Das Stadion von St. Pauli diente als Austragungsort für ein Länderspiel der Deutschen Autorennationalmannschaft gegen die der Türkei. Rinke stürmte für die deutschen Dichter und Denker, aber sein schönster Treffer gelang ihm außerhalb des Platzes: Die Tänzerin aus Antalya und der Dramatiker aus dem Teufelsmoor wurden ein Paar.

Vier Jahre später, Ende Mai 2013 laufen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren, als der Aufstand losbricht. Moritz Rinke beschreibt in einem seiner Artikel, wie er seinen Hochzeitsanzug durch die Massen der Protestierenden im Gezi-Park trägt, ihn die Schutzhülle vor dem Tränengas und den Wasserwerfern nur unzureichend schützt. Seine Zukünftige, deren Name auf Deutsch so viel wie „Aktion“ bedeutet, ist mittendrin. Sie sei so quasi von Geburt an Revolutionärin, schreibt Rinke, der sich immer eine Meerjungfrau wünschte und eine Kämpferin fand.

„Von ihrem Gerechtigkeitssinn muss ein Schriftsteller, dessen Revolten meist nur in den Worten leben, wirklich auf die Knie gehen“, sagt er in seiner Hochzeitrede. Geheiratet wird zunächst in Istanbul, in der Villa Tarabya, der historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters hoch über dem Bosporus, Trauzeuge ist Mario Adorf.

Die Zeremonie ist aber nicht offiziell anerkannt und so heiraten beide auf der Worpsweder Ratsdiele – standesamtlich beurkundet – ein zweites Mal. Dabei ist, um die türkisch-deutschen Verquickungen auf die Spitze zu treiben, der türkische Botschafter Avni Karslioglu, der sich gerade auf Worpswede-Besuch befindet (siehe Bericht auf dieser Seite).

Dass im Gegensatz zur rauschenden Istanbuler Nacht die Worpsweder Feier eher im kleineren, familiären Kreis stattfindet, hat auch logistische Gründe: Vier Stunden nach dem Ja-Wort steht Rinke beim Literaturfest Niedersachsen auf der Bühne – ebenfalls im Worpsweder Rathaus. Reiner Zufall sei das, so der Bräutigam. Und auch das Thema des Abends habe lange vor dem Hochzeitstermin bereits festgestanden, beteuert er. Es geht um Liebe und Freundschaft. Und vielleicht auch ein bisschen darum, wie Kunst und das wahre Leben in Einklang zu bringen sind.

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