Mobiles Arbeiten

So stehen Unternehmen zum Homeoffice

Wegen der Corona-Krise sollen noch mehr Menschen zu Hause arbeiten. Das ist aber nicht überall möglich.
04.02.2021, 14:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus

Lilienthal/Grasberg/Worpswede. Mehr Beschäftigte als bisher sollen wegen der Corona-Krise zu Hause arbeiten. Mit neuen Vorgaben werden Arbeitgeber verpflichtet, ihren Mitarbeitern in bestimmten Fällen das Arbeiten im Homeoffice anzubieten. Doch ist das überall möglich? Wir haben uns umgehört.

Zum Beispiel beim Lilienthaler Unternehmen Nabertherm. Der Industrieofenhersteller, der 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, ermöglicht nach Angaben von Timm Grotheer seit März 2020 Homeoffice. Zum Pandemiemanagement gehören laut Geschäftsführer auch interne Schutzmaßnahmen, versetzte Arbeitszeiten und Kohortenbildung. Ob die Beschäftigten bei Nabertherm tatsächlich zu Hause arbeiten können, hängt von der jeweiligen Tätigkeit ab. „Im Vertrieb ist das zum Teil gut möglich“, betont Grotheer. Bei Einkaufsprozessen, etwa für Wareneingangskontrollen, sei es dagegen unumgänglich, dass Mitarbeiter zeitweise vor Ort seien. Insgesamt liege die potenzielle Homeoffice-Quote im Gesamtunternehmen lediglich bei circa 20 Prozent. Das Interesse, von zu Hause zu arbeiten, sei grundsätzlich vorhanden und werde ermöglicht, sofern betrieblich nichts dagegen spreche. Die IT-technischen Voraussetzungen seien schon seit Mitte 2019 entwickelt worden, sodass Nabertherm zu Beginn der Pandemie gut vorbereitet gewesen sei. „Nur liegt das Potenzial in einem Produktionsbetrieb eben weit unterhalb von 50 Prozent und entspricht damit im Zweifel nicht der durch Politik und Medien erzeugten Erwartungshaltung“, betont Grotheer.

Der Firmenchef hält den Eingriff der Politik in die Art und Weise, wie betrieblich Arbeit organisiert wird, für problematisch, sagt er. „Es wird auch eine Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit erzeugt, die irreal ist. Hinzu kommt, dass damit der Eindruck erzeugt wird, dass unternehmerisches Handeln ein Kernproblem der pandemischen Entwicklung darstellt. Dem ist mitnichten so.“ Es gebe sicher schwarze Schafe, aber seriöse Unternehmen, die in Pandemie-Zeiten ihren Betrieb – mit oder ohne Homeoffice – aufrecht erhielten, täten dies mit dem Blick auf das Thema Arbeitsschutz. „Kein Unternehmen hat Interesse daran, das Virus im Haus zu haben. Seriöse Firmen tun alles dafür, unternehmensintern Infektionsketten zu verhindern.“

Auch bei Zeisner in Grasberg ist bei den meisten Arbeitsplätzen Homeoffice offenbar kaum möglich, schließlich lässt sich die Ketchup-Herstellung nicht vom heimischen Schreibtisch aus fernsteuern. Von den insgesamt 25 Beschäftigten arbeiten nach Angaben von Thomas Zeisner 18 Frauen und Männer in der Produktion. Lediglich die drei Angestellten, die in der Qualitätssicherung tätig sind, könnten zeitweilig von zu Hause arbeiten, was sie schon vor Corona getan hätten, sagt der Firmenchef. Den vier Beschäftigten in der Verwaltung stünden am Firmensitz eigene Büros zur Verfügung, sie hätten somit untereinander kaum Kontakt, außerdem gelten laut Zeisner höchste Hygienevorschriften. Wünsche nach mehr Homeoffice seien nicht an ihn herangetragen worden. Heimarbeit ist für ihn „eine Stellschraube der Pandemie-Bekämpfung“, doch virtuelle Kommunikation könne physische Präsenz nicht ersetzen. Die zwanglose Interaktion, sich unverbindlich über den Weg zu laufen und ein kurzes Schwätzchen zu halten, ist in Zeisners Augen ganz unabhängig von Corona wichtig für ein gutes Miteinander im Arbeitsleben.

Bei der Sparkasse Rotenburg Osterholz läuft vieles über den persönlichen Kontakt, fast die Hälfte der Beschäftigten arbeitet in der Kundenberatung, berichtet Mathias Schröder, Bereichsleiter Vorstandsstab. Für die meisten seiner Kollegen sei es deshalb schwierig, ihre Arbeit ins Homeoffice zu verlegen, was bei rund 20 Prozent der 630 Angestellten derzeit der Fall sei. Manche aus der Belegschaft habe er seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen, andere arbeiteten im Wechselmodell. „Wir haben viel ausprobiert und in den allermeisten Fällen gute Lösungen gefunden, damit beide Seiten zufrieden sind.“ Insgesamt seien der Sparkasse durch die strengen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen enge Grenzen gesetzt für das mobile Arbeiten. Zudem arbeite sie in einem Verbund mit vielen weiteren Sparkassen, sie sei mit ihnen über ein Rechenzentrum verbunden. Dafür stehe seiner Bank nur eine beschränkte Zahl an Zugängen zur Verfügung. Langfristig wolle die Sparkasse Rotenburg Osterholz aber das mobile Arbeiten ausbauen, über die Umsetzung mache sich derzeit ein Team aus verschiedenen Abteilungen Gedanken. In den Sparkassengebäuden sind laut Schröder Abstand, Hygiene, Spukschutz in den Schalterhallen und Masken wichtige Instrumente, außerdem seien Ausweichbüros gefunden worden und Arbeitsplätze an den Sparkassen-Standorten in den Landkreisen Osterholz und Rotenburg weitestgehend entzerrt worden.

Den Vorstoß der Bundesregierung, dass die Wirtschaft mit mehr Möglichkeiten zum mobilen Arbeiten bei der Pandemiebekämpfung helfen soll, findet Claudia Gemmel richtig. „Es ist eine gute Möglichkeit, die Fallzahlen von Covid-19 zu senken“, betont die Geschäftsführerin der GeMaMed GmbH, eines Dienstleisters für Ärzte-EDV und -Organisation in Lilienthal. In ihrer Firma sei die Homeoffice-Quote im letzten Jahr von circa 25 auf 75 Prozent gestiegen, „alle sind mit dem Homeofficeangebot zufrieden“, so Gemmel. Die meisten der 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien im Wechselmodell tage- oder wochenweise von zu Hause aus tätig, zwei der Frauen, die die Hotline betreuen, ständig. Fünf der Beschäftigten seien immer in der Firma, da ihre Tätigkeiten in bestimmten Bereichen – Warenannahme und Warenausgabe, technischer Innendienst oder Telefonzentrale – oder ihre häusliche Situation kein Homeoffice zuließen. Die Büros im Firmengebäude im Gewerbegebiet Moorhausen und der Sozialraum dürften nur von einer Person genutzt werden, so Gemmel.

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Zur Sache

Verwaltungen agieren flexibel

So viel Homeoffice wie möglich - das wünscht sich die Politik im Kampf gegen Corona von den Arbeitgebern. Der Appell ist auch in den Verwaltungen der Gemeinden angekommen. Die Umstellung auf mehr Homeoffice am Anfang der Pandemie habe gut geklappt, sagt Dietmar Höhn, Fachbereichsleiter bei der Gemeinde Worpswede. Denn schon in den letzten Jahren habe sie in einigen Bereichen das Arbeiten von zu Hause aus ermöglicht. Für die jungen Beschäftigten mit Kindern sei die Kombination aus Kundenbetreuung und Homeschooling allerdings nicht selten eine Herausforderung, weiß Höhn. Deshalb können die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten in Corona-Zeiten flexibel gestalten und Aufgaben auch abends erledigen, sofern sie ihre Stundenzahl einhielten. Von den rund 100 Angestellten arbeiten die meisten zumindest zeitweise zu Hause. In einigen Bereichen sei Homeoffice aber nicht möglich. Darunter fallen der Bauhof oder die Kindergärten. Auch im Standesamt sei selbstredend bei Trauungen Präsenz gefragt. Zu Hause arbeiten die Angestellten laut Höhn an Computern der Gemeinde und haben Zugriff auf das Verwaltungsnetz. Ein Sicherheitsrisiko sieht Höhn nicht. Verwaltungsmitarbeiter, die in den eigenen vier Wänden auf digitale Akten zugreifen, müssten gewährleisten, dass kein anderer Zugang zum PC hat. Außerdem müssten alle relevanten Daten durch Passwörter geschützt sein.

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