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Rollstuhlbasketball
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Dann halt der nächste Traum

Patrick Hilmes 19.07.2019 0 Kommentare

Jana Bozek fährt jedes Mal mit einem Lächeln in die Halle, wenn das Training mit den Achimer Lions ansteht.
Jana Bozek fährt jedes Mal mit einem Lächeln in die Halle, wenn das Training mit den Achimer Lions ansteht. (Jonas Kako)

Man stelle sich vor, man darf als Athlet an einem der größten Turniere seiner Sportart teilnehmen und die Farben seines Landes vertreten. Ein Traum geht in Erfüllung – aber kurz davor kommt es anders, auf beinahe schon tragische Weise. Als Fußballer dürfte Marco Reus einen Roman darüber schreiben können, als Rollstuhlbasketballerin kann dies nun Jana Bozek vom TSV Achim.

Ihre Geschichte ist eine erstaunliche: Im Januar 2019 wurde Jana Bozek zur Nationalmannschaft eingeladen. Da war es gerade mal ein Jahr her, dass sie überhaupt von Rollstuhlbasketball gehört hatte. Im Dezember 2017 hatte sie bei den TSV Achim Lions die Sportart erstmals mit ihren eigenen Augen gesehen – und sie leuchteten. „Ich bin dann gleich am nächsten Tag zum Training gegangen und danach war klar, dass ich immer kommen will. Das ist so ein cooler Sport“, erinnert Bozek sich zurück.

Der Sprung vom Anfang bis in die Nationalmannschaft war somit bereits ein erstaunlich schneller. Noch erstaunlicher: Jana Bozek ist gerade mal 14 Jahre. Und nein, die Rede ist nicht von dem Junioren-Nationalteam, sondern wirklich dem der Damen. Und die Jugendliche schaffte auch gleich den Sprung in den Kader für die Europameisterschaft in Rotterdam. „Das war mega cool. Ich hätte nie gedacht, dass ich es direkt schaffe. Ich habe mich mega gefreut, so ein schönes Gefühl“, berichtet Bozek freudestrahlend von dem Anruf des Bundestrainers zu Ostern.

Der Anruf im Juni war aber kein so erfreulicher. Bundestrainer Martin Otto sagte Jana Bozek für die EM wieder ab. „Es hat mir sehr leidgetan, dass ich diese schwere Entscheidung treffen musste“, sagt Otto heute. Am Telefon blieb Bozek trotz ihres jungen Alters gefasst und freute sich für die an ihrer Stelle nominierte Spielerin. Später, als der Hörer aufgelegt war und sie sich im Kreise ihrer Freunde befand, brach die Enttäuschung über sie herein. „Ich hätte das so gerne miterlebt.“ Doch das war’s, mehr ist von der Enttäuschung im Nachhinein nicht geblieben. Die 14-Jährige zeigt hingegen eine Reaktion, die gar so mancher Erwachsener nicht zustande gebracht hätte: „Es hätte nichts gebracht, in ein Loch zu fallen. Ich habe noch so viele Möglichkeiten vor mir.“

Aber wie kam es überhaupt zu der Absage? Darin versteckt sich die Tragik der Geschichte: Beim Warmmachen für ein Vorbereitungsspiel mit der Nationalmannschaft bekam Jana Bozek einen Ball an den Kopf. „Ich war noch in der Bewegung und der Pass war ein sehr harter“, schildert sie. Am Tag danach folgte im Training eine ähnliche Szene, wieder prallte der Basketball gegen ihren Kopf. Zunächst schien alles in Ordnung zu sein – kein Erbrechen, kein Schwindelgefühl. Erst als sie zu Hause erzählen sollte, was an den Tagen davor geschah, kamen die Gedächtnislücken Bozeks zum Vorschein. „Ich konnte mich nicht erinnern.“

Die Diagnose: schwere Gehirnerschütterung. Die Therapie: vier Wochen kein Sport. Das kam aber nicht in Frage, denn zwei Wochen später stand die EM an. Also verordnete ihr der Arzt, eine Woche im Bett zu bleiben, zu schlafen und in Dunkelheit zu leben. „Das war verdammt anstrengend. Ich wollte trainieren oder am Handy sein und Freunden schreiben, aber das ging alles nicht. Aber ich habe es durchgezogen.“ Bozek glaubte anschließend, fit zu sein. Zudem winkte ihr doch auch mehr Einsatzzeit als zunächst gedacht. Ein bis zwei Minuten wurden ihr in den Testspielen in Aussicht gestellt, auf dem Feld stand sie aber sechs bis sieben. Warum? Weil sie so gut ist. Dennoch war das Risiko für den Bundestrainer zu groß. „Unsere Ärztin konnte nicht sagen, ob sie rechtzeitig fit wird, daher musste ich leider die Notbremse ziehen“, betonte Martin Otto. Somit zerplatzte Bozeks Traum.

Im Anschluss kam die Frage auf: Sollte sie als Zuschauerin nach Rotterdam reisen? Tickets und Hotel waren schließlich gebucht, doch sie war niedergeschlagen und unsicher. Letztendlich entschloss sie sich aber dafür. Bozek reiste mit Familie an, wurde freudig von allen in Empfang genommen, jubelte beim Erreichen des dritten Platzes kräftig mit und bekam im Anschluss gar die Bronzemedaille vom Bundestrainer geschenkt. „Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass sie eine tolle Zukunft vor sich hat. Davon bin ich überzeugt. Ich hoffe, sie nutzt ihr Talent und dass sie in den kommenden Jahren, wenn nicht sogar Jahrzehnten, dem Rollstuhlbasketball treu bleiben und uns viel Freude bringen wird.“

Genau das ist Jana Bozeks Plan. Sie hat sich vollends in den Sport verliebt und ihr Talent, mit dem Rollstuhl umzugehen, war schon immer vorhanden. Spina bifida (umgangssprachlich ein offener Rücken), deshalb sitzt Jana Bozek seit jeher im Rollstuhl. Ihren ersten bekam sie mit drei Jahren. Berührungsängste, die gab es nicht. Stattdessen setzte sie sich rein, testete ihr neues Gefährt zehn Minuten und wusste gleich rückwärts einzuparken. Zusätzlich leidet Bozek auch an einer Störung ihrer Feinmotorik. Beispielsweise kann sie beim ausgestreckten Arm nicht gleichzeitig die Finger durchstrecken. Stört das nicht beim Basketball? Scheinbar nicht.

Zunächst hatten ihre Eltern Bedenken, spielen bei den Achimer Lions doch Erwachsene und das Training findet entsprechend spät statt. Aber diese Bedenken lösten sich schnell in Luft auf, beflügelt sie der Sport doch sogar. „Wenn ich beim Training war, dann habe ich anschließend bessere Noten geschrieben.“ Bozek erklärt, dass der Druck ein geringerer wurde. Der Sport wirkt also befreiend und entspannend auf sie.

Und was das Wichtigste ist, er macht sie glücklich. „Es ist mega toll für mich beim TSV Achim, man kommt immer mit einem Lächeln in die Halle. Es ist so eine schöne Zeit und extrem wichtig für mich.“ Ihr nächstes Ziel heißt Tokio. Dort, wo 2020 die Paralympischen Spiele stattfinden werden. Deutschland ist durch Platz drei bei der EM bereits qualifiziert. Dann will Jana Bozek wieder zum Nationalteam gehören, dann soll einer ihrer Träume in Erfüllung gehen. Doch was passiert, wenn das Schicksal wieder zuschlägt? „Dann trainiere ich halt weiter.“ Dann verfolgt sie einfach ihren nächsten Traum.


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Sporttabellen & Ergebnisse
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Leserkommentare
heinmueckausbremerhaven am 21.10.2019 20:47
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Bremen99 am 21.10.2019 20:41
Das Parken in Wild-West-Manier rund um den Freimarkt hat Tradition. Vor über 40 Jahren konnte man auch schon regelmäßig beobachten wie dreiste ...