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Kunstrasen
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Flammender Appell

Michael Kerzel 12.06.2019 0 Kommentare

Rund um Delmenhorst gibt es diverse Allwetter-Plätze. Die hiesigen Vereine geraten deshalb immer stärker unter Druck, weil sie ihren Mitgliedern weniger bieten können, als das in der Nachbarschaft der Fall ist – eine unbefriedigende Situation.
Rund um Delmenhorst gibt es diverse Allwetter-Plätze. Die hiesigen Vereine geraten deshalb immer stärker unter Druck, weil sie ihren Mitgliedern weniger bieten können, als das in der Nachbarschaft der Fall ist – eine unbefriedigende Situation. (Christian Kosak)

Delmenhorst. Die Delmenhorster Fußballvereine nehmen einen neuen Anlauf, Verwaltung und Politik von einem Kunstrasenplatz zu überzeugen. Am Donnerstag, 20. Juni, steht die nächste Sitzung des Sportausschusses an. Ein Thema ist der Antrag von Ratsherr Murat Kalmis (FDP), der den Bau eines Kunstrasenplatzes beziehungsweise die Einstellung von Finanzmitteln in den Haushalt der Jahre 2020 und 2021 fordert. Los geht es um 17 Uhr in der Mensa der Oberschule Süd, Brendelweg 66. Die Sitzung ist öffentlich.

Es ist ein enorm wichtiger Tag für alle Fußballer in Delmenhorst, auch wenn zunächst nichts entschieden wird. Das betonen Marco Castiglione, Fußballchef beim TV Jahn, und Jürgen Schulenberg, der sich dem Projekt verschrieben hat und in der Delmenhorster Fußballszene gut vernetzt ist. Die Entscheidung über einen Kunstrasenplatz obliegt letztlich dem Rat der Stadt. Doch wenn sich schon der Sportausschuss gegen den Bau entscheidet, ist das Projekt quasi begraben. Alle Rasenplätze und Fußballanlagen gehören der Stadt, kein Verein – auch nicht alle zusammen – können einen Allwetterplatz finanzieren. Daher liegt es an den Politikern und der Verwaltung.

Die Vereine wollen sich aber beteiligen und die Pflege und Instandhaltung beziehungsweise die Erneuerung nach zehn bis 15 Jahren tragen. Dafür sollen, so steht es im Konzept der Vereine, pro Training 20 Euro Nutzungsgebühr in einen Topf fließen.

Nach 15 Jahren sollen auf diese Weise rund 250 000 Euro zusammengekommen sein. Die Erstausstattung müsste jedoch die Stadt übernehmen. Maximal 800 000 Euro würde das Ganze laut Castiglione kosten.

Zwischen Hoffnung und Angst

Wo genau der Platz entstehen soll, ist Sache der Verwaltung, sagt der Jahn-Fußballobmann stellvertretend für die Gruppe. „Das ist uns egal. Wir wollen betonen, dass es ein Delmenhorster Kunstrasen ist. Nicht der eines Vereins“, erklärt er. Seit Wochen werben die Vereinsvertreter bei Treffen mit allen politischen Fraktionen und der Verwaltung um Unterstützung. Seit zwölf Monaten treffen sich die Vereine und erarbeiteten ein mehrseitiges Konzept, das die Entscheider überzeugen soll. Nun schauen sie zuversichtlich, aber auch bange auf die Sitzung in einer Woche. Denn bei einer ablehnenden Haltung rückt der Kunstrasenplatz in weite Ferne. „Die Gelder müssten jetzt in die kommenden Haushalte eingestellt werden. 2021 sind Kommunalwahlen, dann sind wieder ganz andere Leute da. Dann wäre alles Erarbeitete erst mal wieder weg“, meint Schulenberg.

Die Delmenhorster sehen ihre Felle davonschwimmen. Diverse Vereine in Bremen und Oldenburg haben Kunstrasenplätze, der FC Hude ebenso. Dazu bauen der TSV Ganderkesee und der VfL Stenum aktuell solche Plätze. „Gerade in der B- und der A-Jugend werden unsere Spieler abgeworben, Kunstrasenplätze sind da mitentscheidend“, erklärt Denis Lubrich, stellvertretender Juniorenfußball-Abteilungsleiter beim TuS Heidkrug. Vereine aus dem Umland können ein nahezu ganzjähriges Training anbieten, in Delmenhorst spielen Fußballer oft nur an sechs von zwölf Monate. Von November bis Februar sind die Plätze oft witterungsbedingt unbespielbar, im Sommer mehrere Wochen zur Regeneration gesperrt. „Das demotiviert die Trainer und geht an die Substanz der Ehrenamtler in unseren Vereinen. Wir sind eine Lachnummer im Nordwesten Deutschlands. Es tut weh, dass die Politik uns nicht unterstützt“, sagt Lubrich. Aktuell müssen sich laut ihm acht Kindermannschaften einen Platz für das Training teilen. Castiglione fügt hinzu, dass Jugendliche mit dem Fußball teilweise auch einfach aufhören, wenn sie sowieso nur die Hälfte des Jahres spielen können. „Sport hat auch eine integrative Wirkung. Jugendliche brauchen eine gemeinschaftliche Zukunft. Wenn man ihnen kein Training anbieten kann, machen sie oft Blödsinn oder sitzen vor dem PC, statt Fußball zu spielen“, meint Hamid Mehrdadi, Vorstandsmitglied beim Delmenhorster TB. 

Dass ein Kunstrasenplatz nicht alle Probleme löst, ist den Beteiligten klar. Normalweise bräuchte eine Stadt von der Größe Delmenhorsts mit seinen rund 2000 Fußballern gleich mehrere. Die Initiative verweist in ihrem Konzept auf eine Kommune mit ähnlich schwieriger Finanzlage: Wilhelmshaven. Dort gibt es vier Kunstrasenplätze, ein fünfter ist in Planung. Auch Delmenhorsts Partnerstadt Eberswalde hat vier solcher Plätze, deutschlandweit gab es bereits Ende 2018, laut des Magazins DER SPIEGEL, 4500 Kunstrasenplätze. Und die Tendenz ist stark steigend. In der gesamten Bundesrepublik gibt es kaum eine Stadt in der Größenordnung Delmenhorst ohne Kunstrasenplatz. „Wir sind da hinter der Zeit“, sagt Castiglione.

Den Wettbewerbsnachteil auf sportlicher Ebene betont Bastian Fuhrken, Sportchef beim SV Atlas. „Die ersten Sieben der Tabelle in der Fußball-Oberliga haben alle Trainingszentren, in denen es Kunstrasenplätze und Fitnessräume gibt. Die Mannschaften auf den hinteren Plätzen haben so etwas nicht“, berichtet er. Gerade der Start für Delmenhorster Teams nach der Winterpause sei oft sehr schlecht, weil kaum eine Vorbereitung ohne Allwettertrainingsplatz möglich ist.

Auch die ökologischen und finanziellen Aspekte untersuchten die Vereine: So sei ein Kunstrasenplatz in der Unterhaltung und Pflege günstiger als ein Naturrasenplatz. Dazu müsse beachtet werden, dass auf solchen Plätzen mehr als doppelt so viele Stunden pro Jahr gespielt werden kann. Zudem sei die Technik deutlich weiter als vor Jahren. „Niemand spielt mehr auf alten Autoreifen“, sagt Castiglione. Granulat als Grundlage sei nicht mehr notwendig. Niemand müsse gesundheitliche Sorgen haben, auf einen Kunstrasenplatz zu gehen. Die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, sagt Castiglione, hätten es nun in der Hand, wie die fußballerische Zukunft in der Stadt aussehe: „Sie können Totengräber oder ein Stück weit Retter sein.“


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Sporttabellen & Ergebnisse
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Leserkommentare
Opferanode am 20.10.2019 15:14
@ Bunker
Bei Ihnen weiß ich nicht immer, ob Sie das ernst meinen, was Sie schreiben. Kann ja auch ironisch gemeint sein?
Wenn Sie von ...
alterwaller am 20.10.2019 15:01
INITIATIVEN !!!

Zu hoch, zu flach, zu breit, zu lang. Die Fenster passen nicht zum Umfeld und was ist mit begrünten Dächern ? Da wird ...