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Timo Conrad von der Atlas-Fangruppe Block H
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„Wir sind unpolitisch und bleiben es auch“

Michael Kerzel 12.08.2019 4 Kommentare

Atlas-Spieler Marvin Osei (rechts) und Werders Maximilian Eggestein kämpfen in dieser Szene um den Ball.
Atlas-Spieler Marvin Osei (rechts) und Werders Maximilian Eggestein kämpfen in dieser Szene um den Ball. (Nordphoto)

Herr Conrad, wie ist die Partie des SVA gegen Werder aus Fansicht gelaufen?

Timo Conrad: Entspannter im Ablauf als gedacht. Der Vorlauf war allerdings stressig durch die Brisanz wegen des Schals (Werder Bremen stoppte den Verkauf des gemeinsamen Fanschals mit Atlas, da auf diesem ‚Auf gute Freunde‘ stand. Einige Werder-Fans monierten, dass dieser Slogan politisch rechts sei; wir berichteten) und des Buten-un-Binnen-Interviews (Jan Krieger von „Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus für Demokratie“ sagte in diesem, dass Atlas ein Problem mit Rechtsextremismus habe; Anmerkung der Redaktion). Wir sind aber letztlich ganz entspannt mit der Bahn angereist und sind zu Fuß an die Schlachte, wo wir gemütlich mit Atlas- und Werder-Fans zusammen getrunken, geredet und gesungen haben. Es verlief alles friedlich. Auch die Rückreise war problemlos und es gab keine Zwischenfälle.

Wie gestaltete sich die Organisation?

Es gibt bei uns ein paar Leute, die sich um die Organisation kümmern. Es wurde ein Shirt für das Spiel kreiert, in Druck gegeben und verteilt. Es wurden blau-gelbe Fischerhüte besorgt. Dann muss geklärt sein, welche Banner im Stadion aufgehängt werden, wer den Capo macht, ob es eine Choreografie gibt. Wie und wann kommen wir zum Stadion und zurück? Welche Züge werden wir nehmen? Dann wird ein Zeitplan mit Sammelpunkten für den Tag erstellt. Wir starteten mit circa 150 Leuten in Delmenhorst und wurden auf dem Weg immer mehr, bis unsere Gruppe gut 300 Leute umfasste. Zudem sind wir immer im Kontakt mit Vereinsverantwortlichen. Dank der genannten Brisanz saß dieses Mal die Polizei mit im Boot, die uns nicht alleine zum Stadion gehen lassen wollte. Die Beamten waren daher durchgehend präsent, aber sehr zurückhaltend und haben uns einfach machen lassen. Mit Erfolg. Alles blieb friedlich.

Warum hat Block H keine Choreografie im Stadion gemacht?

Man darf die Größenordnung in der Westkurve nicht unterschätzen. Bei uns im Delmenhorster Stadion brauchen wir zum Beispiel ein Dutzend Leute, um ein großflächiges Banner hochzuhalten. In der Westkurve hätte man für eine große Choreo ein x-faches an helfenden Händen gebraucht. Schließlich will man sich ja auch nicht blamieren wie der HSV, der dann groß „Dazke“ hochhält statt „Danke“. Also haben wir uns dazu entschieden, das „Düsternort“- und unser Block-H-Banner aufzuhängen. Man unterschätzt oft, wie viel die unterstützenden Fangruppen in Planung, Organisation, Geld und Durchführung investieren. Profivereine haben da deutlich größere Fanszenen als wir beim SV Atlas und können sich in Bundesliga-Stadien besser präsentieren.

"Viele der Atlas-Fans sind auch Werder-Fans", sagt Timo Conrad (l.).
"Viele der Atlas-Fans sind auch Werder-Fans", sagt Timo Conrad (l.). (Patrick Hilmes)

Was sagen Sie denn zu dem Vorwurf, dass Atlas ein Problem mit Rechtsextremismus hat?

Jan Krieger ist für uns kein Unbekannter. Wir hatten mal einen unterhaltsamen Infoabend bei der AWO zum Thema „Rechtsextremismus ins Abseits stellen“. Es war ein guter Austausch unter den Anwesenden. Leider kam da aber auch heraus, dass er bis dahin noch kein Spiel von Atlas gesehen hatte und wir viele Vorwürfe an diesem Abend zudem in Luft auflösen konnten. Die Polizei in Delmenhorst sagt, dass es keine rechte Szene in Delmenhorst und beim Delmenhorster Fußball gibt. Dadurch, dass Werder den Schalverkauf abgebrochen hat, war das vermutlich eine Art Untermauerung, dass es doch Rechtsextremismus bei Atlas geben soll. Ob Herr Krieger inzwischen mal bei Atlas war, stelle ich in Frage. Viele Leute stört es einfach, dass wir uns nicht klar abgrenzen. Wir sind eine unpolitische Gruppe und bleiben es auch.

Jan Krieger führt als Beleg an, dass es Fahnen der Farge-Ultras im Atlas-Block gab und dass diese unter Beobachtung des Verfassungsschutzes standen und durch Rassismus aufgefallen sind.

Vor einigen Jahren hing im Block mal eine Fahne von den Farge-Ultras. Sie kamen ins Stadion, haben sich nicht politisch geäußert, Atlas angefeuert und sind wieder nach Hause gegangen. Keine verbotenen Symbole, keine verbotenen Kleidungsmarken und keine rassistischen Aussagen, einfach nur Spaß am Fußball. Wenn das als Untermauerung eines Rassismusproblems herhalten soll, bitte schön.

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Zurück zum Spiel gegen Werder: Wie haben Sie die Stimmung des Atlas-Fanblocks erlebt?

Man muss dazu erst mal sagen, dass es circa 9900 Zuschauer in der Westkurve waren. Bei Atlas-Heimspielen sind im Durchschnitt 900 da. Wir als Gruppierung waren an dem Tag etwa 300 und haben einfach alles gegeben und versucht, so viele wie möglich einzufangen. Die meisten Leute in der Westkurve waren Delmenhorster Fußballfans, eingefleischte Atlas- und oder Werder-Fans. Die Texte von unseren Liedern, die wir normalerweise singen, kennen viele natürlich nicht. Wir haben dann nach 20 Minuten gemerkt, dass die Leute bei den einfachen Gesängen einsteigen und haben darauf reagiert. Trotzdem war es eine Herkulesaufgabe, viele Fans mitzureißen. Wir haben keinen Capo, der das in dieser Größenordnung alleine 90 Minuten hinbekommt. Das haben jetzt zwei Jungs gemacht, die an ihre Leistungsgrenzen gekommen sind. Als Trommler ging es mir nicht anders. Wir haben 90 Minuten durchgehend supportet, auch wenn man das im großen Stadionrund nicht immer hören konnte. Auf der anderen Seite standen schließlich ein paar Tausend organisierte Fans in der Ostkurve. Besonders stolz machte es natürlich, dass in den letzten zehn Minuten viele Fans im Stadion bei uns dann mitgesungen haben. Vielleicht auch, weil viele Bremer Fans gesehen haben, dass wir eine gute Mannschaft haben, die bis zum Schluss gekämpft hat, auch wenn sie keine Chance hatte und wir sportlich fair unterwegs waren. Unsere Belohnung als Fans war das Tor von Tom Schmidt nach toller Vorarbeit von Olli Rauh und der Jubelexplosion auf den Rängen. Ein Ereignis für die Ewigkeit. Da konnte man sehen, wie viele Zuschauer Atlas die Daumen drücken. Es war nicht das 1:5 oder 1:6, sondern der Anschlusstreffer, was besonders schön war. Dafür lieben wir den Fußball und fahren wöchentlich zu den Spielen.

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Im Stadion haben ja auch viele Werder-Fans die Nachnamen der Atlas-Spieler bei der Aufstellung mitgerufen.

Das zeigt auch die enge Verbundenheit der Vereine, ob sie nun wollen oder nicht. Viele der Atlas-Fans sind auch Werder-Fans. Viele besitzen Dauerkarten für Werder und fahren nach Bremen, wenn Atlas nicht spielt. Delmenhorster arbeiten in Bremen, Bremer in Delmenhorst. Die Delmenhorster haben Pizarro bejubelt und unsere Spieler waren stolz, mit so einem großen Spieler auf dem Feld zu stehen. Es war ein tolles Fußballfest und es hat sich gezeigt, dass der überwiegende Teil der Werder-Fans den SV Atlas nicht als harte Konkurrenz, sondern als den kleinen Verein aus der Nachbarschaft wahrgenommen hat, der er nun mal ist. Es war das erste Profi-Spiel nach der Neugründung und der Verein, die Funktionäre, die Fans und alle helfenden Hände werden diesen Tag nicht mehr vergessen. Ein Spiel mit zwei Gewinnern.

Das Interview führte Michael Kerzel.

Zur Person

Timo Conrad (44) gehört zu der Fangruppe Block H des Fußball-Oberligisten SV Atlas Delmenhorst. Er gehört zu den Mitorganisatoren der Fanaktionen wie der Fahrt zum Pokalspiel gegen den SV Werder Bremen.


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Sporttabellen & Ergebnisse
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Leserkommentare
elfotografo am 22.10.2019 18:55
"Es ist doch ein Märchen, dass man mit einer Loge Geschäftskontakte akquiriert oder pflegt, geschweige denn Geschäfte abschließt."

Haben ...
FloM am 22.10.2019 18:51
@gorgon1:
Abgedroschen ist es den x-ten Kommentar mit undifferenzierten Anschuldigungen zu schreiben.

Die Erkenntnis, daß man Teil ...