Worpsweder Künstlerhäuser VIII: Maler erbaute um 1902 sein repräsentatives Haus am Westhang des Berges

Mackensen - Begründer der "Villencolonie"

Worpswede. Zweifelsohne haben die Künstler das Ortsbild von Worpswede mitbestimmt. Als die ersten fünf Maler 1895 im Münchner Glaspalast ihren sensationellen Erfolg feierten, kamen sie nicht nur mit Lorbeeren, sondern auch mit Renommee nach Worpswede zurück. Sechs Jahre war das Dorf am Weyerberg für sie ein Rückzugsort gewesen - um der Kunst willen. Nun galt es, in Worpswede sesshaft zu werden. So begannen sie, mehr oder weniger anspruchsvolle Künstlerdomizile zu errichten oder alte Bauten zu solchen umzugestalten. Fritz Mackensen ließ kurz nach der Jahrhundertwende am Westhang des Weyerberges eine überdimensionierte Villa errichten.
17.03.2011, 05:00
Lesedauer: 8 Min
Zur Merkliste
Von Gudrun Scabell

Worpswede. Zweifelsohne haben die Künstler das Ortsbild von Worpswede mitbestimmt. Als die ersten fünf Maler 1895 im Münchner Glaspalast ihren sensationellen Erfolg feierten, kamen sie nicht nur mit Lorbeeren, sondern auch mit Renommee nach Worpswede zurück. Sechs Jahre war das Dorf am Weyerberg für sie ein Rückzugsort gewesen - um der Kunst willen. Nun galt es, in Worpswede sesshaft zu werden. So begannen sie, mehr oder weniger anspruchsvolle Künstlerdomizile zu errichten oder alte Bauten zu solchen umzugestalten. Fritz Mackensen ließ kurz nach der Jahrhundertwende am Westhang des Weyerberges eine überdimensionierte Villa errichten.

Heinrich Vogeler zog in seinen weißgiebeligen Barkenhoff in Ostendorf, Hans am Ende bezog sein großzügiges Wohn- und Atelierhaus in direkter Nachbarschaft, Otto Modersohn sein Haus gegenüber dem "Gasthof zum Hembarg" und Fritz Overbeck sein neu erbautes Haus in der Nähe des Hotels "Stadt Bremen", das er neu erbauen ließ. Es existiert heute nicht mehr. Vermutlich war es Mackensens Villa und die bereits um 1880 entstandene Monsees'sche Villa in der Bergstraße, die Heinrich Vogeler veranlasste, die architektonische Entwicklung im Dorf zu beklagen. Im Frühjahr 1900 schrieb er an Paula Becker in Paris: "Dabei ist hier alles trostlos geworden. Worpswede wird Villencolonie."

Allerdings ist davon auszugehen, dass Mackensens Villenbau zu diesem Zeitpunkt erst in den Anfängen steckte; gemeinhin werden für den Bau die Jahre 1900 bis 1903 angegeben. 1896 hatte der Künstler ein Grundstück von Bauer Georg Behrens für die Errichtung eines Ateliers erworben. Bis ins Jahr 1908 arrondierte Mackensen dieses Grundstück immer wieder, indem er den Hofbesitzern in der Bauernreihe nach und nach Flurstücke abkaufte.

Der Bau eines Atelier wird für den Maler Vorrang gehabt haben, denn so weit lag die Zeit noch nicht zurück, da er sein Bild "Gottesdienst im Freien" wegen der Übermaße außen an der Backsteinwand der Zionskirche befestigen und unter freiem Himmel arbeiten musste. Das vielfigurige Gemälde, das auf der Münchner Glaspalastausstellung die "Goldene Medaille I. Classe" errang, vollendete er im Berliner Atelier von Professor Bokelmann, einem seiner Lehrer.

Zu Beginn des Jahres 1897 war das Atelier am Westhang fertig. Rainer Maria Rilke erwähnte es in seiner im Frühjahr 1902 in Westerwede entstandenen "Monographie Worpswede". Der Dichter erwähnte das "neue Haus", aus dessen Fenstern Mackensen die breiten, großen Ackerschollen in ihrer schweren Dunkelheit sehen und malen werde, wie er spekulierte. Die Villa war da noch im Bau. Die Entwürfe stammten von Albert Mackensen, dem Architekten und Bruder von Fritz Mackensen. An das vorhandene Atelier wurde sie, nach städtischem Vorbild mit Erkern, Vor- und Rücksprüngen gestaltet, angefügt.

Die Villa sei "ein Ärgernis für jeden Natur- und Landschaftsfreund" gewesen, schreibt Heike Albrecht in ihrer Diplomarbeit zur baulichen Entwicklung Worpswedes. Mackensen habe den unpassenden Bau auf den damals noch unbewaldeten Susenbarg setzen lassen. Er zeugte von der Unsensibilität des Künstlers, zumal Mack-ensen das riesige Haus nie richtig nutzen konnte, auch nicht, als er 1907 seine Malschülerin Herta Stahlschmidt heiratete und eine Familie gründete. 1908 wurde Tochter Alexandra geboren. Die Villa war und blieb ein Protzbau ohne jegliches gesellschaftliches Leben. Im "Haus Susenbarg", wie sie genannt wurde, fanden keine Künstlertreffen oder Konzerte wie auf dem Barkenhoff Heinrich Vogelers statt. Das Haus "blieb praktisch leer", wie Klaus Dede in seinem Buch über Mackensen feststellt.

Während in den zitierten Worten Heinrich Vogelers Pessimismus durchscheint, ist es bei Paula Modersohn-Becker, der ehemaligen Mackensen-Schülerin, leise Ironie, die anklingt, als sie im April 1904 an ihren Ehemann schreibt: "Dann ging ich heute Morgen nach dem Gartenberge, setzte mich so hin (auf mein Skizzenbuch), daß ich Villa Mackensen nicht sehen konnte und hatte wieder eine schöne Stunde." Die WÜMME-ZEITUNG urteilte am 3. Juli 1903 voll des Lobes: "Auch durch den Anbau einiger Villen seitens unserer Künstler hat unser Ort und der Weyerberg eine bedeutende Verschönerung erfahren." An der Villa Mackensen schieden sich die Geister im Dorf.

Fritz Mackensen gilt nicht nur als Entdecker Worpswedes, sondern auch als Mitbegründer der "Künstlervereinigung", die sich 1894 formierte. Den Mythos vom Weltdorf schuf er. 1866 als ältester Sohn des Bäckermeisters Ludwig Mackensen und seiner Frau Luise in Greene geboren, äußerte sich sein Zeichentalent früh. Er hatte es vom Vater geerbt, der selbst gerne zeichnete. Einige der väterlichen Zeichnungen "hängen jetzt an der Wand meines Wohnzimmers und ich sehe sie immer gerne an", ließ der 75-Jährige in seinen Jugenderinnerungen verlauten, die die WÜMME-ZEITUNG im April 1941 druckte.

Der Weg des jungen Fritz Mackensen war somit vorbestimmt, zumal sein Lehrer Carl Büttger das Zeichnen bei ihm förderte. 1883 ging er an die Düsseldorfer Akademie, im Spätsommer 1884 reiste er zum ersten Mal nach Worpswede - auf Einladung der Kaufmannsfamilie Stolte, deren Tochter Mimi er in Düsseldorf kennen gelernt hatte. Die erste Begegnung mit dem Dorf am Weyerberg wurde für den jungen Kunststudenten eine schicksalhafte, denn Worpswede sollte sein Lebens- und Schaffensmittelpunkt werden. Hier und im Teufelsmoor fand er die Motive für seine Kunst.

Fritz Mackensen wurde nach dem Münchner Erfolg in Worpswede ein gefragter Lehrer. Eine zehnjährige Lehrtätigkeit in Weimar und viele Ehrungen unterstreichen, dass er und seine Kunst in bestimmten Kreisen hohe Anerkennung genoss. Doch vermochte er neuen Strömungen nicht zu folgen, letztlich blieb er der Kunst des 19. Jahrhunderts verhaftet. Diese Tatsache und auch seine deutsch-nationale Gesinnung isolierten ihn zunehmend im Künstlerdorf. Nach 1933 ließ er sich und seine Kunst immer wieder instrumentalisieren, vor allem die bisweilen monumental aufgefassten Bauernfiguren. 1945 wurde sein Haus von den Alliierten besetzt, die Familie musste mit einem notdürftigen Quartier vorlieb nehmen. Den 8. April 1946, seinen 80. Geburtstag, habe Mackensen im eigenen Haus feiern können, schreibt die Kunsthistorikerin Ulrike Hamm in ihrem Katalogbuch über den Maler.

Neben einigen Porträtaufträgen der Alliierten gab es in dieser Zeit kaum etwas zu malen. Nach dem Tod seiner Frau 1949 galt Mackensens Sorge seiner behinderten Tochter, die ihre letzten Lebensjahre im Pflegeheim verbrachte. Fritz Mackensen starb am 12. Mai 1953, als letzter der ersten Maler Worpswedes. Aus dem Jahre 1890 stammt sein Ausruf: "Es lebe der Weyerberg - es ist einfach herrlich hier!" Er blieb ihm ein Leben lang verbunden.

In den 1950er Jahren zogen Mieter in die Mackensen-Villa, unter ihnen Paul Ernst Wilke mit Frau und Tochter. In erster Ehe war der aus Bremerhaven stammende Künstler mit der Schauspielerin und Sängerin Lale Andersen verheiratet. Wilke lebte seit 1939 in Worpswede. Eine neue Zeitrechnung begann für das heruntergekommene Haus am Westhang des Berges 1961, als der Lilienthaler Unternehmer Conrad Naber es samt dem Mackensenschen Grundstück mit etwa neun Morgen Land erwarb, um eine persönliche Vision zu verwirklichen: den Bau von Atelierwohnungen, um sie an Künstler zu vermieten.

In diesem Konzept hatte das Mackensen-Haus anfänglich keinen Platz. "Eigentlich wollte ich die Villa abreißen. Aber als ich sie zum ersten Mal sah, sagte ich mir: Das geht nicht", berichtet der heute fast 90-jährige Naber. Und so wurde die Villa in sein Künstlerförderungskonzept integriert, sie sollte sie das Zentrum mit Ausstellungsflächen der im weitläufigen Gelände ver-streut liegenden 40 Atelierwohnungen bilden. Naber plante Wohnungen mit Ateliers für "Künstler jeglicher Couleur" wie er in seinem 2002 erschienenen Buch über die Geschichte seines Unternehmens schreibt. Doch ließ ihn "die Worpsweder Künstlerschaft im Stich", wie er betonte. "Sie hintertrieb die Bauerlaubnis für die Atelierhäuser. So konnte ich meinen Plan, ein Künstlerzentrum ins Leben zu rufen, nicht verwirklichen." Hintergrund des Konfliktes war die Tatsache, dass es zu diesem Zeitpunkt in Worpswede bereits Ideen für eine Künstlerförderung gab. Mit dem Bau der Martin-Kausche-Ateliers zu Beginn der 1970er Jahre

wurden sie realisiert. Vier Jahrzehnte boten sie Künstlern aus aller Welt die Möglichkeit, auf Zeit in Worpswede zu leben und zu arbeiten, finanziert durch Stipendien des Landes.

Da der Plan Conrad Nabers, in Worpswede einen Beitrag zur Künstlerförderung zu leisten, gescheitert war, konzentrierte er sich auf den Um- und Ausbau der Villa. Dass sie und das Grundstück zum Verkauf standen, hing mit dem Tod von Mackensens Tochter Alexandra zusammen. Sie starb im März 1961 in einem Lüneburger Pflegeheim. So kam der Hausverkauf in Gang. Allerdings, berichtet der ehemalige Unternehmer Naber, habe ihm der Amtsrichter in Lilienthal, der die Nachlasspflegschaft führte, erklärt, dass der Grunderwerb nur durch die Übernahme aller Erbanteile der Familie möglich sei. Nach langwierigen Verhandlungen und vielen Gesprächen wurde der Kaufvertrag am 1. November 1961 unterzeichnet.

Nun konnten die Sanierungsarbeiten in Kooperation mit dem Architektenbüro Klocke beginnen. Erst einmal wurde für die Mieter eine Baracke in der Nähe der Villa errichtet, wo sie übergangsweise wohnten. Der Atelierbau des Malers war so marode, dass er abgerissen wurde. Auch der wie eine Veranda wirkende Haupteingang an der Nordseite wurde entfernt. Im Innern des Hauses entstanden Wohnungen und eine Galerie. Die Idee einer Bar im Untergeschoss kam in der Bauphase auf und wurde umgehend realisiert. Am 15. September 1962 wurde das Haus in Anwesenheit von Walter Mackensen, Neffe des einstigen Hausherrn und Regierungsbaurat in Münster, eingeweiht. Es war der Tag, an dem das Unternehmen Nabertherm in Lilienthal sein 15-jähriges Jubiläum feierte.

Die Kellerbar, die in den 1960er Jahren unter anderen auch der Maler Helmut Heinken betrieb, erwarb einen legendären Ruf. Zehn Jahre gingen dort nicht nur Worpsweder Künstler ein und aus, sondern auch Gäste aus Hamburg und Bremen, unter ihnen Horst Janssen. Der Galeriebetrieb in der ersten Etage wurde nach einigen Jahren aufgegeben und die Räume wurden zur Wohnung umgebaut. Auch die Bar, in Insiderkreisen "Felsenkeller" genannt, wurde Anfang der 1970er Jahre geschlossen. Eine ihrer Wände war mit Lithosteinen gestaltet, die in anderen Zeiten dem Industriedruck gedient hatten. Diese Steine hatte Naber aus den Resten einer durch im Krieg zerstörten Bremer Druckerei geborgen. Vielleicht waren sie es, die den beiden Räumen im Souterrain den etwas bizarren Namen gaben.

Nachdem der Barbetrieb eingestellt war, dienten die Räume als Wohnung. So lebte der Grafiker Matthias Kaufmann alias Regenmacher zehn Jahre in der Kellerwohnung, in die nach ihm die Keramikerin Gisela Meyer-Kaufmann einzog, die bis heute darin lebt. Auch für die Schriftstellerin Margarete Jehn und den Musiker Wolfgang Jehn war die Mackensen-Villa für einige Jahre ein Lebens- und Schaffensort.

Die Villa ist nach wie vor ein Wohnhaus, vorrangig für Künstler. So leben und arbeiten dort seit einigen Jahrzehnten der Maler und Schmuckgestalter Reinhart Brandau, der durch sein Engagement für in Not geratene Vögel über Worpswede hinaus bekannt wurde, und der Maler und Zeichner Norbert Schwarzer. Schwarzer sagt, dass es sich für ihn als freischaffenden Künstler gut in den hohen und hellen Räumen lebe. "Meine Bilder entstehen durch Ruhe und einen großartigen Blick." Damit meint er nicht nur die stimmungsvollen Sonnenuntergänge in Richtung Westen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+