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Fahradmanufaktur Hartje feiert 125. Geburtstag

Corona hat der Hoyaer Fahrradmanufaktur Hartje nichts anhaben können. Pünktlich zum 125. Geburtstag sind die Auftragsbücher voll und das Unternehmen setzt weiterhin auf Mobilität.
23.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Fahradmanufaktur Hartje feiert 125. Geburtstag
Von Jörn Dirk Zweibrock
Fahradmanufaktur Hartje feiert 125. Geburtstag

In der Pulverbesichtigungsanlage erhalten die Rahmen ihre Farbe.

Mathis Körner

Die ersten Fahrräder hat Hermann Hartje, Großvater des heutigen Eigentümers, um die Jahrhundertwende auf Schützen- und Erntefesten verkauft. Er fuhr mit dem Fahrrad hin, hat das neuartige Gefährt an den Mann gebracht und ging nach einer feuchtfröhlichen Feier zu Fuß nach Hause.

Recht bald verkauften Bekannte von Hartje aus den umliegenden Dörfern Fahrräder gegen Provision und verrichteten Reparaturen. So entstand die Grundlage für den starken Fahrradarm der Firma, die auch in den Bereichen Autoteile und Motorradzubehör aktiv ist. An diesem Wochenende feiert das Unternehmen seinen 125. Geburtstag.

Tochterfirmen in vier Ländern

Der Fahrradhersteller aus der Grafenstadt Hoya mit Marken wie Victoria und Conway zählt heute zu den größten in Europa. Hartje unterhält Tochterfirmen in vier Ländern (Dänemark, Österreich, Tschechien und Taiwan). In so genannten Experience-Centern in Deutschland und den Niederlanden erleben die Kunden das Sortiment in einer ganzjährigen Ausstellung. Eine eigene E-Bike-Fabrik in Tschechien hat die Firmengruppe ebenso.

Das Thema Fahrrad ist aktuell auf einem Vormarsch wie selten. Der Anteil von E-Bikes am Gesamtmarkt betrug 2019 laut Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) 31,5 Prozent – Tendenz steigend. Wie sehr sich in der Zweirad-Industrie ein Wandel vollzogen hat, beweist Hartje-Sprecher Tristan Zerdick anhand von zwei Modellen – einem antiquierten Prinzenrad aus den 1950er-Jahren und einem modernen E-Bike der Marke Victoria.

Zu leeren Auftragsbüchern hat die Corona-Pandemie in Hoya jedenfalls nicht geführt. Von Leerlauf keine Spur. „Weil die Menschen in diesem Sommer nicht so viel reisen können, steht bei vielen der Kauf eines guten Fahrrads auf dem Plan“, freut sich Tristan Zerdick über die steigende Nachfrage nach Fahrrädern und E-Bikes aus dem Premium-Segment.

Gestern und heute: Hartje-Sprecher Tristan Zerdick präsentiert ein modernes E-Bike (l.) und ein altes Prinzenrad.

Gestern und heute: Hartje-Sprecher Tristan Zerdick präsentiert ein modernes E-Bike (l.) und ein altes Prinzenrad.

Foto: Mathis Körner

Rund 900 Mitarbeiter zählt das Traditionsunternehmen mittlerweile. Insgesamt 35 Auszubildende beschäftigt der Fahrradhersteller. Der Bereich Export kümmert sich um die Lieferung von Fahrrädern und Zubehör in bislang 23 Länder im europäischen Ausland und darüber hinaus. „Im Schnitt halten Hartje-Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber mindestens 15 Jahre die Treue. Das ist schon eine Zahl, über
die man glücklich sein kann“, sagt Tristan Zerdick.

In der hauseigenen Pulverbeschichtung erhalten jährlich 25.000 Rahmen, 17.000 Gabeln und 15 000 Kettenkästen ihr farbliches Kleid. Früher wurde noch eine Lackiererei damit beauftragt. Der Mann an der Pulverpistole, Pascal Bürger, tüncht die Rahmen vor Ort in Beryll-Blau. „Wenn wir zu zweit sind, schaffen wir zwischen 300 und 400 Rahmen pro Tag“, rechnet er vor. Das Spektrum erstrecke sich dabei quer durch den RAL-Farbfächer.

In der Einbrenn-Anlage werden die mit Pulver beschichteten Rahmen schließlich rund 20 Minuten lang bei 165 Grad „gebacken“. In der Endabnahme warten die fertigen Rahmen darauf, von der Qualitätskontrolle in Augenschein genommen zu werden. Einige Meter weiter poliert Sebastian Eickhoff aus Martfeld die Rahmen. Schließlich sollen Endkunden keinen einzigen Makel darauf finden.

200.000 Laufräder pro Jahr

Ist das Dekor in Handarbeit aufgebracht, wandern die Rahmen anschließend in die Fahrradmontage. Auf die Frage, wie viel Wasser die Weser hinunterfließt, bis das Fahrrad gemäß den Wünschen des Kunden zusammengeschraubt ist, entgegnen die Mitarbeiter aus der Manufaktur: „Wir verrichten hier keine Akkord-Arbeit, sondern setzen auf Qualität.“ Wer im Internet den entsprechenden Hartje-Konfigurator aufruft, kann sich dort ganz nach seinen Wünschen einen Drahtesel – mit oder ohne Elektroantrieb – basteln. Musste früher ein neues Fahrrad der Überzeugung nach erst noch hundert Kilometer eingefahren werden, wird heute bereits maschinell alles ausgerichtet. 200.000 Laufräder werden in der Laufrad-Montage in Hoya pro Jahr angefertigt.

„Meinen Großvater hat alles fasziniert, was mit Mobilität zu tun hatte, auch wenn man es damals noch nicht so genannt hat“, sagt Hermann Hartje, Enkel des Gründers Hermann Hartje senior. „Diese Faszination treibt uns bis heute an“. Wer hätte bei der Einführung der Eigenmarke Weserwoge zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich im Traum daran gedacht, dass hundert Jahre später einmal Fahrräder mit Elektroantrieb durch Bremen und umzu rollen würden. Sein Vater Friedrich habe ihm beigebracht, Menschen zu vertrauen und ihnen Verantwortung zu geben, betont Hermann Hartje. Genau dieses Vertrauen sei ein für den Erfolg der Firma nicht wegzudenkender Leitgedanke.

Übrigens: Hartje-Fahrzeuge sind im vergangenen Jahr insgesamt 11.600.000 Kilometer gefahren. Das entspricht 290 Umrundungen der Erde.

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