C-Juniorinnen des SV Lilienthal-Falkenberg trainieren zweimal pro Woche / Nachwuchs fehlt Mädchen diskutieren auch das Abseits aus

Lilienthal. "Plöp". Michelle Reck befördert den Lederball in Richtung Tor. Vanessa Kettenburg lächelt, tritt ihn zur Seite und schon kommen wieder Bälle geflogen. Einige sausen über das Tor hinweg, andere landen im Netz, viele werden von der Torfrau, die eigentlich Stürmerin ist, abgewehrt. Dazwischen ertönen Lachen und helle Stimmen. Die U15-C-Juniorinnen des SV Lilienthal/Falkenberg gehen ihr letztes Fußball-Training vor der Sommerpause locker an. Vier Jungen von der C-Jugend stehen am Stadionrand und schauen zu.
06.07.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Mädchen diskutieren auch das Abseits aus
Von Undine Zeidler

Lilienthal. "Plöp". Michelle Reck befördert den Lederball in Richtung Tor. Vanessa Kettenburg lächelt, tritt ihn zur Seite und schon kommen wieder Bälle geflogen. Einige sausen über das Tor hinweg, andere landen im Netz, viele werden von der Torfrau, die eigentlich Stürmerin ist, abgewehrt. Dazwischen ertönen Lachen und helle Stimmen. Die U15-C-Juniorinnen des SV Lilienthal/Falkenberg gehen ihr letztes Fußball-Training vor der Sommerpause locker an. Vier Jungen von der C-Jugend stehen am Stadionrand und schauen zu.

Trainer Carsten Timm schmunzelt. So ist es immer, sagt er. Wenn seine Mädchen spielen, finden sich bald auch Zuschauer ein, und bei Heimspielen steht ein regelrechter Fan-Club am Spielfeld.

Während des Abschluss-Trainings fühlen sich die 13 Mädchen zwischen 13 und 15 Jahren sichtlich wohl in ihren neuen Trikots - endlich keine schlabbrigen Jungen-Shirts mehr, sondern die taillierte Damenausgabe. "Und so schön blau", schwärmen die Kickerinnen. Damit werden sie im Herbst wieder in der Kreisliga starten und mit dem ewigen Rivalen aus Neu St. Jürgen wie in den Vorjahren um den Meistertitel kämpfen. Sieben Mädchen spielen dann auf halbem Feld. Mehr erlaubt die Mannschaftsstärke nicht. Nachwuchs fehlt.

Mit den Trikots verhält es sich ähnlich wie mit der Wahrnehmung des Damenfußballs im Allgemeinen. Es braucht Zeit, glauben zumindest die jungen Spielerinnen von Carsten Timm. Sie hoffen, dass irgendwann auch Frauennamen aufgezählt werden, wenn es um Fußballidole geht, und die Sportschau mehr über Frauenfußball berichten wird - nicht nur zur Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft. Fußball im Fernsehen ist der 15-jährigen Mannschaftskapitänin Vanessa Kettenburg allerdings zu wenig. Sie steht lieber selbst auf dem Platz und schaut bei der WM nur den deutschen Frauen zu. Seit fünf Jahren trainiert Kettenburg zweimal in der Woche und: "Ich kann gar nicht mehr ohne Fußball." Naheliegend, dass sie am Wochenende zusammen mit ihrer besten Freundin auch noch kickt, zumal Michelle Reck seit dem Jahr 2006 mit ihr in einer Mannschaft trainiert.

Während Vanessa Kettenburg mit neun Jahren zielgerichtet das Hobby Fußball angesteuert hatte, fand Michelle Reck es per Zufall. Neu in Lilienthal war sie auf der Suche nach einem Hobby mit Teamgeist. Da erlebte sie die Mädchen vom SV Lilienthal/Falkenberg im Schoofmoorstadion und sagt darüber: "Man hat gesehen, dass sie Spaß hatten." Wenn die beiden Mädchen heute in der Schule oder bei Freunden erzählen, dass sie Fußball spielen, wundert das keinen. Anders bei Nicole Maute. Die 15-Jährige bekennt: "Ich werde immer ausgelacht, wenn ich sage, dass ich im Tor stehe."

Blaue Flecken gehören dazu

Worte und Tritte einstecken, das haben sie alle beim Fußball gelernt. Nicht nur im Tor. Stürmerin Vanessa Kettenburg sagt fast stolz: "Ich gehe immer mit blauen Flecken vom Platz." "Ich auch", echot es in der Gruppe. Männer treten zu, heißt es über den Fußball. "Wir sind auch nicht anders", räumt die Mannschaftskapitänin grinsend ein. "Wir setzen uns gut durch", sagen die Mädchen unisono, und Trainer Carsten Timm wiederholt im Training gleich einem Mantra: "Fußball ist kein Hallenhalma." Körperkontakt gehört dazu.

Manchmal trainiert die Mannschaft auch mit Jungen. Die spielen mehr ab, haben sie beobachtet. Sie umkreisen die Mädchen "und reden nicht so viel". Nicole Maute spricht aus, was auch der Trainer als entscheidenden Unterschied zwischen Mädchen- und Jungenfußball festgestellt hat: "Jungen machen das, was man sagt. Mädchen diskutieren die Sachen aus." Auch im Punktspiel, wenn der Gegner ins Abseits gesetzt werden soll, kann dann schon mal die Frage kommen: "Warum?".

Und wenn sich die Fußballerinnen im Eifer eines Spieles wieder einmal zu sehr angebrüllt haben - hinterher geben sie sich die Hand und alles ist gut. Sie fühlen sich wie eine Familie, sagen sie, mit Trainier Carsten Timm, Betreuerin Silvia Reck, der neunjährigen Lotta als Maskottchen und dem Mannschafts-Opa Erwin Timm.

Von einer Profi-Karriere träumen einige in Timms Mannschaft. Abwehrspielerin Svenja Stelter (13) ist diesem Ziel bereits ein Stück näher - als Kreisauswahlspielerin. Zweimal pro Woche trainieren ihre Team-Kameradinnen, plus Punktspiele am Wochenende. Stelters Pensum ist höher. Vielleicht gelingt es ihr, einst der Generation Fußballerinnen anzugehören, deren Namen in einer Reihe mit denen der Männer aufgezählt werden und von denen es endlich Fan-Trikots gibt. Bisher sind diese laut Stelter fast nur im Sonderdruck zu haben.

Bei der Frauen-Fußballweltmeisterschaft 2011 haben Vanessa Kettenburg und ihre Freundin Michelle Reck klare Favoriten: Marta und Brasilien. "Die zaubern mit dem Ball", schwärmen die jungen Mädchen, und für den Bruchteil einer Sekunde huscht Verzücken über ihre Gesichter. Ihr Traumendspiel für den 17. Juli heißt: Deutschland gegen Brasilien.

Die Mädchen vom SV Lilienthal-Falkenberg suchen laut Carsten Timm noch Verstärkung. Informationen zum Training im Internet unter www.svlilienthal-falkenberg.de oder bei Trainer Carsten Timm telefonisch unter 04298/31026.

"Verlacht, verboten und gefeiert" heißt eine Ausstellung, die vom 3. bis 26. August im Foyer des Kreishauses in Osterholz-Scharmbeck, Osterholzer Straße 23, gezeigt wird. Die Präsentation spannt einen Bogen von den Anfängen des Damenfußballs im deutschen Kaiserreich um 1900 bis zum Gewinn der Europameisterschaft durch die deutschen Frauen 1989.

Eine "historische Sportschau" zum Thema als Mischung aus Vortrag und Text ist für Freitag, 19. August, ab 17 Uhr im Kreishaus geplant.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+