Theaterstück der Grundschule Schönebeck Märchenstunde in voller Besetzung

193 Schüler als Darsteller bei einem Theaterstück: Dieses ambitionierte Projekt hatte sich die Schule Schönebeck vorgenommen. In vier Aufführungen haben sie gezeigt, was sie in einem halben Jahr gelernt haben.
29.01.2019, 17:29
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Bösch

Wenn eine Schule ein Theaterstück aufführt, ist die Anzahl der Darsteller meist überschaubar. Das war bislang auch bei den kleinen Kabinettstückchen so, die die Schule Schönebeck regelmäßig vor allen Schulferien aufführt. Dieses Mal aber hatte die Schulleitung eine andere Idee – nämlich alle 193 Schüler in eine große Aufführung einzubinden.

Das Ergebnis dieses ambitionierten Projekts konnte sich das Publikum nun bei vier Aufführungen des Musiktheaterstücks „De 12 Maanden“ an zwei Tagen im Cinema auf dem Gelände der Jacobs University anschauen. „Wer sich an schönen Dingen freuen kann, geht mit anderen Augen durch die Welt“: Dieses Motto hatten Rektorin Britta Riethmüller und Konrektorin Myriam Kolbe für das Projekt gewählt. Mit dem Theaterstück wollte man den Schülern ein gemeinschaftliches Erlebnis ermöglichen, das ihre Persönlichkeit nachhaltig prägen sollte. Riethmüller und die auf Plattdeutsch spezialisierte Kolbe hatten das russische Märchen ins Plattdeutsche übertragen und in zwölf Kleingruppen mit den Schülern eingeübt.

Ein halbes Jahr lang ist fachübergreifend an der zertifizierten Profilschule für Niederdeutsch im Musik- und Kunstunterricht geprobt worden. Wer nicht im Chor mitsang, tanzte Ballett oder versuchte sich als Schauspieler. Andere Schüler durften im Orchester mitspielen. Dieses musizierte vor der Bühne in einer Art improvisiertem Orchestergraben. Selbst Kinder, die nie zuvor ein Instrument gespielt hatten, machten mit. Auf kleinen Schemeln hatten die Nachwuchsgitarristen, -geiger und -pianisten Platz genommen. Unter professioneller Anleitung von Pädagogen der Kunst- und Musikschule Plam spielten sie ihre Akkorde und Griffe. Erwachsene Solisten der Musikschule vervollständigten das Klangbild.

In dem entfernt an „Aschenputtel“ erinnernden Märchen „De 12 Maanden“ geht es um die liebreizende, aber arme Marie. Sie wird von ihrer herrschsüchtigen Schwester und ihrer nicht minder hartherzigen Schwiegermutter gezwungen, mitten im Winter im Wald allerlei saisonuntypische Blumen und Gemüsesorten zu besorgen.

„Hest all hört, din Sister will Veilchen hebben, go nach buten!“, herrscht die Schwiegermutter Marie an. Ihr verzweifelter Verweis, draußen sei es doch „bannig kalt“, „alles voller Is und Schnee“ und ohnehin würden Veilchen erst im März wachsen, nützt dem in Lumpen gekleideten Mädchen nichts. Bringe sie keine Veilchen mit, brauche sie „go nich erst nach Huus trüchkommen“. Im Wald angekommen, erspäht die Gedemütigte den Schein eines Feuers, um das zwölf Männer sitzen. Sie entpuppen sich als die zwölf Monate – eben jene „12 Maanden“.

Schon bringt der Monat März den Schnee mit seinem Stab zum Tauen und ermöglicht Marie, die geforderten Veilchen mitzubringen. Das Szenario wiederholt sich. Zunächst will die Stiefschwester partout Erdbeeren, dann sind es Äpfel. Erneut kann der entsprechende Monat dem Mädchen helfen. Erst als sich das habgierige Schwester-Stiefmutter-Gespann auf die Suche nach den vermeintlich im Wald auf sie wartenden Schätzen in die Eiseskälte aufmacht und nie mehr zurückkehrt, ist Marie befreit. In den Ballettszenen illustrierten die Darsteller der Tanzgruppe die innere Zerrissenheit des Mädchens und ihren Kampf nach Freiheit. Zu den auf Platt umarrangierten Titeln gehörten „Morning has broken“ von Cat Stevens, das Volkslied „Es war eine Mutter“, ein origineller „Mai-Rap“ sowie „Here comes the sun“ von den Beatles. „Nu schient de Sünn op mi und warmt mi. Sün Sün Sün-Ik bün free!“, sang der mit bunten Tüchern wedelnde Chor. Der in Schönebeck aufgewachsene Künstler Olaf Kock hatte zusammen mit seiner Gruppe eine Winterlandschaft auf hölzernen Bergen und schneebedeckten Tannenwipfeln kreiert.

„Es war ein unglaublicher Aufwand für das Kollegium, aber es hat sich gelohnt“, sagte Riethmüller. Bei der Suche nach einem Ort sei die Jacobs University der Schule beim Mietpreis entgegengekommen. Bis zum Jahresende waren 900 Karten für die vier Vorstellungen verkauft worden. Während der halbjährigen Vorbereitungszeit sind die Mitarbeiter der Musikschule Lina Plam regelmäßig an die Schule gekommen und haben mit den Kindern in ihren jeweiligen Gruppen geübt. „Wer sich für die Hauptrollen eignet, hat sich erst später herauskristallisiert“, schildert Myriam Kolbe.

Mit der kleinen Solistin Leonie und ihren geradezu opernhaften Koloraturen hatte Chorleiterin Coca Joura gar ein Gesangstalent entdecken können. Dank der Sponsoren konnte das Projekt trotz eines Jahresbudgets von nur 15 000 Euro für sämtliche Schulaktivitäten umgesetzt werden. „Das hat großen, großen Spaß gemacht, obwohl ich noch lieber Schlagzeug spiele“, sagte der siebenjährige Gitarrist Hagen nach der Vorstellung.

Bürgerschaftspräsident Christian Weber lobt das Projekt. „Ihre Schule schafft es immer wieder, mich zu überraschen. Die Schule Schönebeck ist für mich schon lange eine Vorzeigeschule; weil sie mit viel Herz und Engagement Kinder und Eltern mitnimmt“, schreibt Weber im Vorwort zum Programmheft und schwärmt von der „Neugier, dem Ausprobieren und Zusammenmachen“, für das die Schule stehe.

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