Betroffene erzählen bei Infonachmittag von ihren Erfahrungen als funktionaler Analphabet / Volkshochschule bietet spezielle Kurse an „Man zerbricht fast an so einem Leben“

Grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Computer-Bedienung beherrschen deutsche Bürger nur mittelmäßig. Das geht aus den Ergebnissen des PISA-Tests für Erwachsene hervor. An der Delmenhorster Volkshochschule ist das ein bekanntes Problem. Seit Jahren versucht sie, Betroffenen mit speziellen Angeboten zu helfen. Bei einem Infonachmittag zum Thema Alphabetisierung haben zwei von ihnen von ihrem Leidensweg erzählt.
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„Man zerbricht fast an so einem Leben“
Von Mareike Meyer

Grundlegende Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen und Computer-Bedienung beherrschen deutsche Bürger nur mittelmäßig. Das geht aus den Ergebnissen des PISA-Tests für Erwachsene hervor. An der Delmenhorster Volkshochschule ist das ein bekanntes Problem. Seit Jahren versucht sie, Betroffenen mit speziellen Angeboten zu helfen. Bei einem Infonachmittag zum Thema Alphabetisierung haben zwei von ihnen von ihrem Leidensweg erzählt.

Buchstaben zu sehen, die Bedeutung der Worte aber nicht erfassen zu können, sodass

die Informationen des Textes ein Rätsel bleiben: So ging es Brigitte van der Velde bis zu ihrem 45. Lebensjahr. Heute ist sie 61 Jahre alt und spricht offen über ihre Vergangenheit als sogenannte funktionelle Analphabetin, was bedeutet, dass sie sich damals auf einem Lese- und Schreibniveau wie Grundschüler in der ersten oder zweiten Klasse befand. „Ich habe im Prinzip zwei Leben: eins vor und eins mit der Schrift“, sagt sie. Und das Zweite sei etwas ganz Besonderes für sie.

Von ihren Erfahrungen berichtete Brigitte van der Velde jetzt im Rahmen einer Infoveranstaltung, zu der die Volkshochschule neben Betroffenen auch den Vertreter eines Oldenburger Projektes eingeladen hatte – zwecks des Austausches und auch aus eigenem Interesse, um Anregungen zu erhalten. Gesprochen wurde über Ursachen, Zielgruppenansprache, erfolgreiche Methoden, neue Arbeitsmaterialien sowie Finanzierungsmöglichkeiten der Alphabetisierungsarbeit und Selbsthilfegruppen-Einbeziehung.

„Ich war unglücklich und abhängig von Menschen, die lesen und schreiben können“, erzählte van der Velde, die deshalb mit Ernst Lorenzen vor zwei Jahren die ABC-Selbsthilfegruppe Oldenburg gegründet hat. „Für Betroffene ist der erste Schritt zu uns oft leichter, als direkt in einen Lernkurs zu gehen“, erklärte Lorenzen die Idee hinter der Gruppe.

„Eines der großen Probleme ist, an die Betroffenen heranzukommen“, bestätigte Annegret Helmers, die pädagogische Leiterin der VHS Delmenhorst. Diese können für 50 Cent pro Stunde in der Delmenhorster Einrichtung zwei Mal wöchentlich an Lese- und Rechtschreibkursen für Erwachsene teilnehmen.

Der kürzlich veröffentlichten Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zufolge schneiden 17,5 Prozent der Deutschen bei der Lesekompetenz unterdurchschnittlich ab. „7,5 Millionen Menschen in Deutschland scheitern an der Textebene, aber weniger als ein Prozent der Betroffenen, zwischen 18 und 64, nehmen an Lernkursen teil“, fasste Achim Scholz, der Lesekurse für Erwachsene in Oldenburg gibt, das Problem zusammen.

Um den Betroffenen die Angst zu nehmen und um zu informieren, sind van der Velde und Lorenzen mit ihren Lebensgeschichten an die Öffentlichkeit gegangen. „Es ist schade, dass ich erst so spät damit begonnen habe, lesen und schreiben zu lernen“, findet Lorenzen. Auch vor den Kindern habe er seinen funktionalen Analphabetismus zu lange verheimlicht. „Meine Tochter hat in Berlin angewandte Literaturwissenschaften studiert. Das muss man sich mal vorstellen“, erzählte er lächelnd. 55 Jahre lebte der heute 58-Jährige ohne Schrift. Heute weiß er: „Man zerbricht fast an so einem Leben. Mittlerweile ist mir klar, dass ich kein Einzelfall bin.“

Weil die Betroffenen sich oft dafür schämen, nicht richtig Lesen und Schreiben zu können, entwickeln sie Strategien, um dies zu verbergen. Auch Brigitte van der Velde ist dieses Verhalten nicht fremd, wie sie an dem Nachmittag schilderte: „Ich habe mich in Hecken versteckt, damit niemand sieht, dass ich auf die Sonderschule gehe.“ Wenn sie später auf der Arbeit etwas schreiben musste, habe sie ihren Mann angerufen, damit dieser ihr die Worte buchstabierte. „Als ich einmal Protokoll führen sollte, bin ich sogar ohnmächtig geworden“, erklärte sie. Der Druck sei einfach zu groß gewesen.

Helmuth Hahner, Dozent für Alphabetisierung an der VHS Delmenhorst, berichtete seinerseits von seinen Kurserfahrungen. „Die meisten sind das Lernen nicht mehr gewohnt und müssen erst einmal an ihrer Aufnahmefähigkeit arbeiten“, sagte er. Ernst Lorenz erinnert sich noch gut an seinen Intensivkurs und erzählte, dass er es unbedingt habe schaffen und sich nicht mehr habe verstecken wollen. Die Ferien hasste er, „weil es in dieser Zeit mit dem Lernen nicht voranging“. Mit ihren Geschichten wollen van der Velde und Lorenzen die fast 800000 Betroffenen in Niedersachsen dazu ermutigen, nochmals die Schulbank zu drücken.

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