Ärztliche Versorgung in Stuhr

Mehr Anreize für Ärzte

Die ärztliche Versorgung in Stuhr sieht rechnerisch gut aus, sagt Michael Schmitz von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Doch das allein genügt vielen Bürgern nicht.
11.04.2019, 17:33
Lesedauer: 3 Min
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Von Kaya Leimann

Stuhr. Teils müssen Patienten in der Gemeinde Stuhr weite Wege zurücklegen, um ihren Hausarzt erreichen zu können. Mediziner wiederum fühlen sich mit ihren stark ausgelasteten Praxen oft alleingelassen. Dieses Bild ergab sich am Mittwoch im Moordeicher Seniorenheim Haus am Deichfluss bei einer Diskussion zum Thema Ärzteversorgung, zu der die Stuhrer CDU eingeladen hatte. In seinem Vortrag eröffnete Michael Schmitz von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) den Zuhörern jedoch ein anderes Bild.

„Um Ihnen einmal die grundsätzlichen Zahlen zu erläutern: Von einer Überversorgung an Ärzten sprechen wir bei einem Grad von über 110 Prozent, eine Unterversorgung herrscht bei unter 75 Prozent“, so Schmitz, Unternehmensbereichsleiter der KVN in Verden. Stuhr werde in einem Bereich mit Delmenhorst, Ganderkesee und Weyhe aufgeführt. „Hier liegen wir bei einem Versorgungsgrad von 97,2 Prozent – und damit im Normalbereich. Die Versorgung ist also okay, es liegt keine Situation vor, in der Förderprogramme zum Tragen kommen müssen“, führte Schmitz aus. Es gebe Bezirke weiter südlich, die sich in einer viel gravierenderen Lage befänden. So habe Syke einen Versorgungsgrad von 89,2 Prozent, Sulingen liege bei 84,2 Prozent.

Das sahen die vielen Ärzte und Bewohner der Gemeinde Stuhr, die zur Informationsveranstaltung erschienen waren, jedoch ganz anders. Im Verlauf des Abends kam unter anderem auch der Weggang der drei Hausärztinnen Yvonne Indorf, Anette Cheaib und Susanne Neumann aus Alt-Stuhr zur Sprache (wir berichteten). Vor mehr als einem Jahr mussten sie ihren Standort an der Blockener Straße aufgeben und praktizieren seitdem in ihrer Gemeinschaftspraxis am Brinkumer ZOB. Für viele Alt-Stuhrer, die die Praxis vorher zu Fuß erreichen konnten, war das ein herber Schlag.

Auch Schmitz nahm die Sorgen der Bürger ernst. „Im Durchschnitt sehen die Zahlen natürlich erst mal gut aus, aber so kann man nur schwer rechnen. Lässt man alle Ärzte außen vor, die über 63 Jahre alt sind, liegen wir hier vor Ort nur noch bei einer Versorgung von rund 80 Prozent“, so Schmitz. In Syke sind es 59,5, in Sulingen 62 Prozent.

Doch welche Gründe gibt es für den vorherrschenden Ärztemangel? „Die künftige Altersstruktur ist uns vor zehn, 15 Jahren aufgefallen. Aus der Ärzteschwämme in den 1980er-Jahren wird nun nach und nach ein Defizit“, so Schmitz. Vor allem in der hausärztlichen und in der fachärztlichen Versorgung werde es ein immer deutlicheres Nachwuchsproblem geben. Ein Grund hierfür ist die zunehmende Spezialisierung, doch auch die in den vergangenen Jahren rückläufigen Studienplätze tragen zum Nachwuchsmangel bei. Schmitz: „Dieser Umstand war bisher nicht transparent nachzuvollziehen, jetzt wollen wir dagegenwirken.“ So soll es laut Volker Meyer, Landtagsabgeordneter der CDU und ebenfalls Teilnehmer der Veranstaltung, künftig 200 Studienplätze mehr pro Jahr in Niedersachsen geben. „Die Wirkung zeigt sich natürlich erst später. Aber gerade in Oldenburg und Hannover arbeiten wir daran“, sagte Meyer.

Ein weiteres Problem seien die unterschiedlichen Vorstellungen der jüngeren und der älteren Ärzte. „Sucht ein Arzt für seine Praxis einen Nachfolger, strebt der Nachwuchs eher eine Kooperation mit weiteren Ärzten an. Der Trend entwickelt sich dementsprechend hin zu mehr Gemeinschaftspraxen und weg von vielen kleinen Standorten“, erklärte Schmitz. Weiterhin würden sich viele jüngere Menschen lieber in der Stadt, als auf dem Land niederlassen.

„Es gilt, präventiv zu schauen und weitere Maßnahmen zu ergreifen“, sagte Schmitz. Dazu zählen unter anderem Niederlassungsseminare, die Jungärzte über ihre Möglichkeiten aufklären und beraten. Weiterhin werden an allen Universitäten Hausärzte in das Medizinstudium eingebunden, um den Studenten aus der Praxis zu berichten. „Mittlerweile können sich 30 Prozent der Studierenden vorstellen, Hausärzte zu werden, das sind deutlich mehr, als in den Jahren zuvor. Außerdem ist es ganz klar, dass wir Geld in die Hand nehmen und Fördermaßnahmen für die jungen Ärzte schaffen müssen“, sagte Schmitz und fügte hinzu: „Wir konnten bereits viele Pflänzchen setzen, und ich bin mir sicher, dass es wieder mehr Ärzte geben wird. Die nächsten drei bis vier Jahre werden aber nochmal schwer.“

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