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Mehr Freiheiten für Geimpfte

Gesundheitsminister Spahn will, dass Geimpfte bald wieder mehr Freiheiten haben. Wie sehen das die Menschen in der Region? Was spricht dafür, was dagegen? Die Redaktion der WÜMME-ZEITUNG hat sich umgehört.
10.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Petra Scheller
Mehr Freiheiten für Geimpfte

Fee Lindemann

Petra Scheller

Lilienthal/Tarmstedt/Borgfeld. Das Robert Koch-Institut geht nach neuen Erkenntnissen davon aus, dass vollständig gegen Corona Geimpfte das Virus nicht mehr übertragen können. Nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) können Menschen, die zweimal die Immunisierung durch ein Vakzin erhalten haben, in den kommenden Wochen bestimmte Freiheiten zurückgewinnen. „Wer geimpft ist, kann ohne weiteren Test ins Geschäft oder zum Friseur“, sagte der CDU-Politiker der „Bild am Sonntag“. Die Diskussion ist entflammt. Sollen Corona-Geimpfte mehr Freiheiten zurückbekommen, um das öffentliche Leben wieder anzuschieben? Was sagen die Menschen aus der Region?

Fee Lindemann und ihre Tochter Mila treffen wir vor einem Grasberger Supermarkt. „Die Wirtschaft muss wieder angeschoben werden. Ich bin dafür, dass Geimpfte die Sache schon mal ankurbeln“, sagt die 37-Jährige. „Auch wenn ich auf der Impfliste wohl ganz hinten stehe.“ Es werde noch eine ganze Weile dauern, bis die Gesellschaft zu 60 Prozent geimpft und damit die sogenannte Herdenimmunität erreicht sei, meint Lindemann. Da sei es wichtig, Perspektiven zu eröffnen. „Wenn das Ansteckungsrisiko durch Geimpfte gering ist, kann man für sie bedenkenlos die Geschäfte aufmachen und Restaurants öffnen - natürlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln.“

Yesica Alvarez

Yesica Alvarez

Foto: Petra Scheller

Ähnlich sieht das Yesica Alvarez. Die Spanischlehrerin an der Tarmstedter Kooperativen Gesamtschule (KGS) treffen wir in Lilienthal. Die 36-Jährige plädiert für die Öffnung von Geschäften, Restaurants, Museen und Sportvereinen für Geimpfte. „Um wieder ein bisschen mehr Normalität zu bekommen“, sagt sie. Ihr Blick fällt dabei auf Israel. Es gebe den Menschen Hoffnung zu sehen, wie ein freies Leben wieder möglich sei. „Wenn ich sehe, dass die Menschen dort wieder in Bars gehen, finde ich das gut, auch wenn ich nicht dabei sein kann“, sagt Alvarez. „Diejenigen, die noch nicht geimpft sind, müssen eben noch warten. Ich gehöre dann ja auch dazu.“

Martha Behr

Martha Behr

Foto: Petra Scheller

Christoph Poppen ist bereits einmal geimpft. Der 27-Jährige Grundschullehrer ist jedoch dagegen, dass Geimpfte bestimmte Freiheiten zurückbekommen. Seine Gründe: „Um die Unzufriedenheit der Menschen nicht noch weiter zu pushen, um auch ein bisschen solidarisch zu sein, um zu zeigen, hej, ich bin geimpft, warte aber trotzdem ab, wie alle anderen auch“, sagt Poppen. Für ihn sei der Verzicht auf Privilegien ein Zeichen von Solidarität. Als weiteren Grund gegen die Vergabe bestimmter Freiheiten für Geimpfte nennt Poppen die geringe Impfquote von nur 12,5 Prozent. „Ein großer Teil der Bevölkerung wäre so benachteiligt.“ Das sieht auch Karl-Heinz Stelljes so. „Dann gäbe es eine Zweiklassengesellschaft“, sagt der Tarmstedter. „Es müssen erst mal alle geimpft sein, bevor irgendjemand überhaupt daran denkt, mehr Freiheiten zu genießen als ein anderer.“

Angelika Holtmann

Angelika Holtmann

Foto: Petra Scheller

Dem schließt sich Martha Behr an. Die 33-Jährige nimmt das Voranschreiten der Impfkampagne allerdings als Maßstab: „Wenn das so weiter stockt wie bisher, wäre die Vergabe von Privilegien für Geimpfte, für mein Gefühl, zu unfair“, sagt die Studentin. Behr befürchtet, die Vergabe von Freiheiten nur für Geimpfte könnte zum Nichteinhalten der Impfreihenfolge führen. „Ich bin davon überzeugt, dass sich einige Leute vordrängeln würden und Leute wie ich, die abwarten, würden ganz zum Schluss drankommen.“ Sobald die Impfkampagne richtig laufe, sähe die Sache anders aus. „Aber da muss die Politik erst mal zeigen, dass sie was kann“, sagt Behr.

Tobias Mann

Tobias Mann

Foto: Petra Scheller

Dem widerspricht ein Physiker aus Worpswede, der anonym bleiben möchte. „Wir Deutschen sind Weltmeister im Schlechtreden von Dingen. Es läuft doch gut in unserem Land, und das ist auch der Politik zu verdanken.“ Für den 74-Jährigen ist es „eine Selbstverständlichkeit“, dass Geimpfte bestimmte Freiheiten zurückbekommen. „Sie sollten wieder reisen können, ins Café gehen, Konzerte und Theater besuchen“, sagt der Worpsweder. Allerdings sollte man mit der Öffnung noch ein wenig warten. „Spätestens im Sommer kann alles weitgehend geöffnet werden, für die, die geimpft sind.“ Aber auch andere sollten Freiheiten genießen: „Ich verstehe nicht, dass wir die Einschränkungen der Freiheitsrechte hinter den Datenschutz stellen.“ Die Gesellschaft solle es den Gesundheitsämtern für eine begrenzte Zeit erleichtern, auf Daten zurückzugreifen, um Freiheiten für alle zurückzugewinnen.

Meike Stolte-Murken

Meike Stolte-Murken

Foto: Petra Scheller

Freiheiten für alle fordert Angelika Holtmann. Die Worpswederin ist auf dem Weg zum Impfen. „Je nach Inzidenz sollten Geschäfte und Gastronomie wieder öffnen - für alle, die genesen, getestet oder geimpft sind. Die Konzepte haben sich bewährt.“ Dem schließt sich die Lilienthalerin Brigitte Markowsky an. „Je nach Inzidenz sollte es Öffnungen geben“, sagt die pharmazeutisch-technische Assistentin. „Für Geimpfte sowieso.“

Tobias Mann fände es gut, „wenn Geimpfte schon mal ein paar Vorteile haben, dann kommt wieder mehr Struktur in den Alltag, die Läden könnten wieder öffnen“. Der 21-Jährige wünscht sich mehr „Normalität, davon würden dann alle profitieren“. Genauso sieht es Meike Stolte-Murken. Die Betriebswirtin sitzt seit einem Jahr im Homeoffice. „Das war nicht immer einfach. Natürlich sollen Geimpfte wieder alle Freiheiten haben“, sagt die 39-Jährige. „Wir sind doch alle bald dran.“

Info

Zur Sache

Neuigkeiten zur Wirkung des Impfstoffes

Menschen, die beide Corona-Impfungen erhalten haben, sind nach neuesten Erkenntnissen des Robert-Koch-Institutes nicht mehr infektiös. Gesundheitsminister Spahn stellt erstmals öffentlich neue Freiheiten für Geimpfte in Aussicht. Grundlage ist eine Auswertung wissenschaftlicher Erkenntnisse durch das Robert Koch-Institut (RKI). In einem RKI-Bericht an Spahns Ministerium, der dem ARD-Hauptstadtstudio vorliegt und von Institutsleiter Lothar Wieler unterzeichnet wurde, heißt es: „Nach gegenwärtigem Kenntnisstand ist das Risiko einer Virusübertragung durch Personen, die vollständig geimpft wurden, spätestens zum Zeitpunkt ab dem 15. Tag nach Gabe der zweiten Impfdosis geringer als bei Vorliegen eines negativen Antigen-Schnelltests bei symptomlosen infizierten Personen.“ Das teilt die ARD unter dem Link Tagesschau mit.

„Aus Public Health-Sicht erscheint das Risiko einer Virusübertragung durch Impfung nach gegenwärtigem Kenntnisstand in dem Maß reduziert, dass Geimpfte bei der Epidemiologie der Erkrankung wahrscheinlich keine wesentliche Rolle mehr spielen. Das Risiko kann durch weitere Vorgaben wie Selbstisolierung bei Symptomen; weiter Einhalten der AHA+L-Regeln, zusätzlich reduziert werden“, schreibt das RKI. Der Bericht wurde in dieser Woche an die Länder verschickt. Die Ministerpräsidentenkonferenz hatte das RKI um die Analyse gebeten, ob und wann die Einbeziehung Geimpfter in Testkonzepte „möglicherweise obsolet“ wird, heißt es auf der Homepage der Tagesschau.

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