Reaktionen aus dem Landkreis Osterholz Das sagen Händler zur Mehrwertsteuersenkung

Von 19 auf 16 Prozent: Die reduzierte Mehrwertsteuer soll Kaufanreize schaffen. Für manche Händler und Handwerker ist damit allerdings auch viel Aufwand verbunden.
20.06.2020, 07:00
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Das sagen Händler zur Mehrwertsteuersenkung
Von Felix Wendler

Ab dem 1. Juli sinkt die Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent. Diese bis zum Jahresende befristete Maßnahme hat die Bundesregierung vergangene Woche beschlossen. Das erklärte Ziel dabei ist es, den Konsum in der Corona-Krise wieder anzukurbeln. Die Umstellung auf eine niedrigere Mehrwertsteuer stößt in Politik und Wirtschaft auf viel Zuspruch, ruft jedoch branchenübergreifend auch Probleme hervor.

Ein gemischtes Stimmungsbild ist auch aus dem Landkreis Osterholz zu vernehmen. Grundsätzlich sei die Maßnahme eine gute Sache, sagen viele Geschäftsinhaber. Den Aufwand dürfe man jedoch nicht unterschätzen. Problematisch ist die Umstellung vor allem für Händler, die ein großes Warensortiment haben. Mike Ernst, Inhaber vom Edeka in Grasberg, will nur so viel dazu sagen: „Es ist ein Riesenaufwand für uns.“ Für alles weitere verweist er an die regionale Pressestelle von Edeka.

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Dort heißt es, man gebe die steuerlichen Vorteile vollumfänglich an die Kunden weiter. Jedes der durchschnittlich 20.000 verschiedenen Produkte pro Markt werde neu ausgezeichnet, so eine Sprecherin. Damit sei natürlich ein großer zeitlicher Aufwand verbunden.

Keine Pflicht für neue Preisschilder

Verunsicherte Einzelhändler, von denen es angesichts dieser Dimensionen aktuell eine Menge gibt, dürfte zumindest die Erklärung vom Handelsverband Nordwest etwas beruhigen. Deren Hauptgeschäftsführer Jan König teilt auf Anfrage der WÜMME-ZEITUNG mit: „Die Senkung der Mehrwertsteuer führt nicht zu einer Verpflichtung der Einzelhändler, die Preisauszeichnung am Regal zu verändern.“ Auf den Bons und Rechnungen müsse allerdings die gesenkte Mehrwertsteuer ausgewiesen werden, so König.

Angesichts des relativ kurzfristigen Beschlusses beginnen viele Einzelhändler gerade erst damit, neue Konzepte zu entwerfen. „Wir machen das alles sehr spontan“, sagt Mike Meyer vom Elektrofachgeschäft Viohl in Grasberg. Man plane auf jeden Fall, die gesparte Steuer an den Kunden weiterzugeben. Wie genau das dann in der Praxis aussieht, sei noch unklar. Aktuell warte er auf Rückmeldung vom Hersteller Metz – der Hauptmarke im Grasberger Geschäft, das zur Euronics-Gruppe gehört. „Deren Preise müssen wir ja weitergeben“, sagt Meyer. „Wenn die sich für eine Rabattaktion entscheiden, werden wir das natürlich übernehmen und auch bewerben.“

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Meyer gibt sich, trotz des knappen Zeitfensters für die Umstellung, entspannt. Aktuell bespreche er das Thema mit seinem Steuerberater. Einen hohen logistischen Aufwand erwarte er nicht. Im Buchhaltungsprogramm sei das nur ein Klick, sagt Meyer. Auch neue Preise zu etikettieren dauere höchstens zwei Stunden. „Vielleicht machen wir stumpf Aufkleber mit vier oder fünf Prozent Rabatt“, überlegt Meyer. Das sei aber alles noch offen, in der Planung.

Ob es Kunden gibt, die größere Käufe bis zum Juli aufschieben, um Geld zu sparen? Diese Befürchtung hatte kürzlich Mark Alexander Krack, Hauptgeschäftsführer vom Handelsverband Niedersachsen-Bremen, gegenüber dem WESER-KURIER geäußert. Gegenteiliges berichtet allerdings der Handelsverband Nordwest, regionaler Ableger des übergeordneten Verbandes Niedersachsen-Bremen. Nach Rückmeldung von den Mitgliedern sei aktuell kaum Kaufzurückhaltung erkennbar, teilt Hauptgeschäftsführer Jan König mit.

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So richtig Gedanken habe er sich zu dem Thema nicht gemacht, sagt der Grasberger Elektronikfachhändler Mike Meyer. „Aber tatsächlich war zum Beispiel am Montag ungewöhnlich wenig los.“ Von einem Kunden wisse er auch, dass dieser auf Rabattaktionen warte. Krack bezog sich in seinen Äußerungen vor allem auf langlebige Gebrauchsgüter. Neben Fernsehern, wie sie Meyer verkauft, zählen dazu zum Beispiel auch Kücheneinrichtungen. Ob die Kunden in diesem Bereich tatsächlich abwarten, muss Karl-Heinz Flathmann wissen.

In Lilienthal betreibt er das gleichnamige Küchenstudio. „Wir saufen ab“, sagt Flathmann. Damit meint er allerdings keine wirtschaftliche Flaute. Im Gegenteil. Gegen den Andrang der Kunden komme er aktuell kaum an. Wer umziehe, warte nicht einen Monat, um etwas Geld zu sparen, meint Flathmann. Trotzdem will er die gesenkte Mehrwertsteuer an die Kunden weitergeben. Da Flathmann keine Laufkundschaft hat, muss keine Kasse umgestellt werden. Auch die Buchhaltung sei schnell angepasst, sagt er.

Viel Papierkram bei Handwerkern

Ein buchhalterisch hoher Aufwand sei die Umstellung, sagt hingegen Philipp Uphoff. Der Gartengestalter aus Worpswede bezieht sich dabei auf eine Besonderheit, die vor allem längerfristige Projekte im Handwerk betrifft. Die aktuelle Regelung sieht nämlich vor, dass auch bereits laufende Aufträge mit 16 Prozent besteuert werden, sofern diese nicht vor dem 30. Juni abgeschlossen sind. Für Uphoff, der nach eigenen Angaben aktuell über 35 Projekte laufen hat, bedeutet das vor allem organisatorische Mehrarbeit.

„Wir haben jetzt lauter Rechnungen mit falschem Steuersatz im System. Das müssen wir alles neu aufarbeiten“, sagt Uphoff. Bei bereits beglichenen Teilrechnungen könnten Kunden den zu viel gezahlten Steuersatz zurückverlangen. „Die ersten Kunden machen das schon“, sagt Uphoff. Er müsse dann in Vorkasse gehen, bis das Finanzamt ihm das Geld zurückerstatte. Auch das 5000 Euro teure Buchhaltungssystem müsse er umstellen lassen – kostenpflichtig natürlich. Trotz der Probleme stellt Uphoff klar: „Wir wehren uns nicht dagegen. Letztendlich sind wir natürlich kundenfreundlich.“

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Veränderungen gibt es auch in der Gastronomie. Im Restaurant verzehrte Speisen werden ab dem 1. Juli mit sieben statt mit 19 Prozent besteuert – befristet bis Ende Juni 2021. Carsten Rohdenburg, Osterholzer Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA), begrüßt die Senkung. „Es freut jeden Gastronomen, diese Reduzierung zu bekommen“, so Rohdenburg. Damit diese wirklich wirksam sei, sollte sie jedoch für mindestens fünf Jahre gelten. Er wolle die Gäste um Verständnis bitten, wenn von der Corona-Krise geschädigte Gastronomen die Senkung nicht weitergeben. Mit Aufwand verbunden sei zudem auch hier die Umstellung von Kassen und Buchhaltung.

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Weitere Ideen für den Einzelhandel

Unabhängig von der Mehrwertsteuer machen Branchenvertreter weitere Vorschläge, um den Handel aus der Krise zu führen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade regt in einem aktuellen Ideenpapier zum Beispiel an, dass Händler verstärkt Online-Marktplätze nutzen sollen. Auch auf verschiedene Förderprogramme wird hingewiesen.

Der Handelsausschuss der IHK Stade animiert die lokale Politik, sich beim Land Niedersachsen für eine Neubewertung der Maskenpflicht einzusetzen, die auf viele Kunden abschreckend wirke. Einer IHK-Umfrage zufolge sei jeder zehnte Einzelhändler in Niedersachsen von der Insolvenz bedroht. Knapp 80 Prozent der befragten Einzelhändler würden für das Jahr 2020 einen Umsatzrückgang erwarten.

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