Imposante Orgel in der St.-Anna-Kirche Twistringen würde heute eine Million Euro kosten / Bau hat sich gelohnt Melodien aus 3001 Pfeifen

Twistringen. Nicht aus dem letzten Loch sondern aus 3001 Pfeifen pfeift die Orgel in der Twistringer St.-Anna-Kirche. Vor rund 15 Jahren wurde das Instrument, das damals von einem recht unerfahrenen Orgelbauer konstruiert wurde, eingeweiht. Um die neue Orgel gebührend darzustellen, wurde eine CD aufgenommen, die dann während eines Konzerts vorgestellt wurde. Daraus entstand der Twistringer Orgelherbst, der heute eine sehr willkommene Veranstaltung ist.
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Von Julia Soostmeyer

Twistringen. Nicht aus dem letzten Loch sondern aus 3001 Pfeifen pfeift die Orgel in der Twistringer St.-Anna-Kirche. Vor rund 15 Jahren wurde das Instrument, das damals von einem recht unerfahrenen Orgelbauer konstruiert wurde, eingeweiht. Um die neue Orgel gebührend darzustellen, wurde eine CD aufgenommen, die dann während eines Konzerts vorgestellt wurde. Daraus entstand der Twistringer Orgelherbst, der heute eine sehr willkommene Veranstaltung ist.

'Der Orgelbau war eine riskante Entscheidung, denn der Orgelbauer hatte so etwas Großes noch nicht vorher gebaut', erläutert Johannes Schäfer, Hausorganist der St.-Anna-Kirche. Michael Becker hieß der begabte Orgelbauer und das Wagnis war erfolgreich. 'Er machte sich mehr Arbeit, als es andere gemacht hätten. Es war schließlich ganz neu für ihn', sagt Schäfer, der immer noch begeistert von der Leistung ist. Etwa drei Jahre dauerte die Fertigstellung des imposanten Instrumentes.

Gebaut wurde die Orgel nach dem bekannten Gottfried Silbermann Prinzip. Zeitgleich mit der Fertigstellung bildete sich der Förderverein der Kirchenmusik. 'Unsere erste Aufgabe war Spenden zu sammeln. Damit ermöglichten wir den Bau einer zusätzlichen Pfeifenreihe', erklärt Peter Steverding, Vorsitzender des Fördervereins und Gründungsvater.

Die Orgel besteht aus einem Pedalgehäuse, einem Rückpositiv und aus dem Hauptgehäuse, das wiederum in ein Unter- und Obergeschoss unterteilt ist. Die Pfeifen sind in insgesamt 42 Registern (Pfeifenreihen) untergebracht. An drei Manualen (Tastaturen) wird sie gespielt. Die Pfeifen bestehen je nach Klangfarben aus unterschiedlichen Materialien wie Holz oder Metall und sind unterschiedlich groß. 'Heute würde so eine Orgel ungefähr eine Million Euro kosten', erläutert Organist Schäfer. Was jedoch die Twistringer Orgel gekostet hat, verrät er nicht.

Nachdem Michael Becker das Musikinstrument in seiner Werkstatt fertiggestellt hatte, wurde sie komplett demontiert und in der St.-Anna-Kirche mühsam erneut zusammengebaut. Bei dem Arbeitsaufwand sollte sie dann gebührend zur Geltung kommen. Wie schon erwähnt, wurde eine CD aufgenommen, die dann in einem Konzert wiedergegeben wurde. 'Das kam so gut an, dass wir uns überlegten ein Festival zu veranstalten', sagt Johannes Schäfer. So kam es im Oktober 1995 zum ersten Orgelherbst.

Vor Anfragen von Künstlern, die an der Orgel spielen möchten, können sich die Veranstalter kaum retten, erzählt Schäfer. 'Uns rufen so viele an, aber wir können den Musikern nicht so hohe Gagen zahlen, wobei das eigentlich in dem Fall bei den Künstlern auch nicht im Vordergrund steht.' Das große Interesse ermöglicht es den Veranstaltern, immer neue Musiker einzuladen. So kann das Programm sehr abwechslungsreich gestaltet werden.

In der Bedienung des imposanten Instruments finden sich einige Unterschiede im Gegensatz zu anderen Orgeln. Die Tonöffnungen an den Pfeifen sind breiter als normal, was beim Spielen einen hohen Winddruck erfordert. Die hohe Anzahl der Pfeifenreihen bietet viele Möglichkeiten, die verschiedensten Töne zu erzeugen. 'Die Musiker brauchen viel Einspielzeit, da muss man sich erstmal dran gewöhnen', erläutert Hausorganist Schäfer. So wird jeder Auftritt zu einem Experiment.

In den vergangenen 15 Jahren haben sich bereits einige große Namen von Organisten in der Twistringer St.-Anna-Kirche eingefunden. Simon Preston, der unter anderem auf der Trauungszeremonie von Prinz Charles und Lady Diana 1981 die Orgel spielte, war auch schon zu Gast. 'Den hätten wir nie angesprochen, aber im Rahmen der niedersächsischen Musiktage wurde uns sein Auftritt in der St.-Anna-Kirche ermöglicht', so Schäfer. Andere Künstler reisten aus Polen, Italien, der Schweiz, Russland oder Österreich an.

Rund 60 Konzerte wurden bereits auf der besonderen Orgel gespielt. Die Darbietungen sind aber immer wieder etwas besonderes, wie Johannes Schäfer und Peter Steverding finden, denn: 'Die einen spielen sehr emotional und leidenschaftlich, andere eher aufdringlicher und die Norddeutschen spielen sehr steril und genau', sind sich die beiden einig.

Am 14. November findet zum Abschluss des Orgelherbstes ein Orgel-Plus-Konzert statt. Dabei wird das Instrument von Block- und Querflöte sowie von einer Violine begleitet. 'Solche Veranstaltungen sind wegen ihrer Vielfalt immer sehr beliebt', erzählt Johannes Schäfer. Es gibt aber auch kritische Stimmen: 'Manche Gemeindemitglieder meinen, dass die Orgel nur dafür gebraucht werden sollte, wofür sie bestimmt ist. Das heißt, den Gottesdienst zu begleiten', sagt Schäfer und bedauert diese Einstellung, denn durch diese Konzerte kämen Menschen in die Kirche, die sonst keinen Fuß in die Einrichtung setzen. Zudem sollten die Möglichkeiten, die das Instrument besitzt, voll zur Geltung gebracht werden, findet der Twistringer Hausorganist.

Am kommenden Sonntag, 31. Oktober, sitzt dann der Mailänder Paolo Springhetti ab 17 Uhr an den Tasten der Orgel. Er möchte sein Publikum mit alter französischer Musik begeistern. Johannes Schäfer selbst wird am 14. November das Instrument bedienen. Meist begleitet er die Gottesdienste in der St.-Anna-Kirche musikalisch. Der Eintritt zu den Konzerten beträgt sechs Euro pro Person, Kinder zahlen drei Euro.

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