Virale Mathematik Mit Bruchrechnung zum Youtube-Star

Lehrer Kai Schmidt aus der Grafschaft Bentheim gewinnt mit Mathe-Videos 170.000 Abonnenten auf Youtube. Gedacht war sein Mathematik-Angebot anfangs nur für seine Schüler.
08.06.2019, 21:19
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Mit Bruchrechnung zum Youtube-Star
Von Martin Wein

Handgeschriebene Notizen. Ein Zeigefinger rutscht ins Bild, dann ein Geodreieck zum Unterstreichen. Dazwischen ist ein Mann mittleren Alters zu sehen, der etwas erklärt. Der Mann hat keine blauen Haare, sondern schüttere. Und er verspricht auch nicht wie Youtube-Star Rezo „die Zerstörung der CDU“ oder testet vegane Müsliriegel. Seine Aufnahmen erinnern eher ans Schulfernsehen der 1970er-Jahre. Und es geht tatsächlich um Mathematik – in diesem Fall genauer gesagt ums schriftliche Dividieren. Wer allerdings glaubt, mit derart analogen Techniken und Inhalten sei anno 2019 kein Staat zu machen, beziehungsweise keine Fangemeinde aufzubauen, der liegt schwer daneben. Das Video zum Teilen wurde bei Youtube schon 289.000 Mal abgerufen. 169.000 Nutzer haben den Kanal von Lehrer Schmidt sogar abonniert.

Während die Kultusminister der Länder seit Jahren die Digitalisierung der Schulen versprechen und individuelle Lernangebote ebenso einfordern wie lebenslanges Lernen, hat der Dorflehrer Kai Schmidt aus der Grafschaft Bentheim längst Fakten geschaffen. „Ich habe inzwischen den gesamten Lernstoff der Klassen eins bis zehn online“, verrät der 39-Jährige in einer Unterrichtspause. 1600 Videos habe er in den vergangenen drei Jahren aufgenommen. Eine Art Sucht, wie er zugibt. Für Fernsehen bleibt ihm keine Zeit mehr.

Von Berufs wegen unterrichtet Schmidt Mathematik, Physik und Politik an der Oberschule der Samtgemeinde Uelsen. Vor einem Jahr ist er dort Schulleiter geworden. Und hat trotzdem noch Zeit, als Youtuber aufzutreten. „Ich filme gewissermaßen meine normale Unterrichtsvorbereitung“, sagt Schmidt. Auch im Duktus bleibe er sich treu. „Nur so bin ich authentisch“, sagt er. Nur das Schneiden und Hochladen der Aufnahmen koste zusätzliche Stunden.

Genauso pragmatisch hat Schmidt sich 2016 mit dem neuen Medium erstmals befasst. „Meine Schüler kamen immer wieder ohne Hausaufgaben in den Unterricht, weil sie den Stoff angeblich nicht verstanden hatten“, erinnert er sich. Das wollte Schmidt auf Dauer nicht gelten lassen. Mit der Smartphone-Kamera in der einen Hand rechnete er mit der anderen erste Beispielaufgaben vor und stellte das Ergebnis auf den Schulserver. „Der war dann allerdings rasch voll.“ Auf der Suche nach mehr Platz kam Schmidt zu Youtube und traf dort auf seine Schüler.

Mehr Abrufe als Schüler

Nur zwei Wochen blieb das Angebot eine geschlossene Gruppe. Schon bald gab es mehr Abrufe als Schüler in Schmidts Lerngruppe. So wurde aus der virtuellen Nachhilfestunde ein Angebot für die Masse. Bruchrechnung, Prozentrechnung, Rechnen mit Klammern – unter jedem Stichwort erscheint inzwischen der Uelsener mit seinem roten Poloshirt. Auch er hat längst gelernt, sich als Marke mit Logo und Wiedererkennungswert zu verkaufen. Sogar T-Shirts und Hoodies vom „Team Schmidt“ sind im Angebot.

Zwischen 500 und 1000 Kommentare bekomme er am Tag auf seinem Kanal, verrät der Pädagoge – und davon nur ein bis zwei unflätige. Auf die Likes seiner Fangemeinde legt er großen Wert. Auch seine Kollegen haben sich inzwischen an die mediale Präsenz von „Lehrer Schmidt“ gewöhnt. „Anfangs habe ich wirklich viel Hohn und Spott geerntet. Jetzt hat sich das Bild von Youtube geändert. Dort gibt es ja auch viele seriöse Inhalte. Und es ist für die Kids eben nur ein Klick von Rezo zu Bruchrechnung“, sagt Schmidt.

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Mit Mathematik hat sich der Pädagoge ein medial gut geeignetes Feld ausgesucht. „Es gibt dabei nur eine richtige Lösung“, freut er sich. Seine Testvideos zu deutscher Grammatik findet Schmidt selbst weniger gelungen: „Es gibt zu viele Ausnahmen. Da ist der Stoff schwer zu komprimieren.“ Den Unterricht können die Videos aus seiner Sicht nicht ersetzen. Jede Lerngruppe sei schließlich anders zusammengesetzt. Je nach Bedarf stellt er deshalb auch bis heute neue Videos für seine eigenen Schüler zusammen. Dabei sind seine Zuschauer längst nicht mehr nur Minderjährige. Wie die Auswertung von Google Analytics zeigt, ist ein Drittel älter als 18 Jahre.

Einnahmen durch Werbung

In der Landesschulbehörde weiß man um Schmidts Engagement, das dem Pädagogen dank vorgeschalteter Werbung inzwischen auch gewisse Einnahmen beschert. Auf seine Erfahrungen mit den neuen Medien habe allerdings noch niemand zurückgegriffen, berichtet er.

Dabei wären Videos wie seine eine zeitgemäße und zudem fast kostenfrei produzierte Ergänzung zu herkömmlichen Lehrbüchern und dem mündlichen Unterricht. Zumal, wenn der Lehrer – ohne sich im Tonfall irgendwie anzubiedern – den Schülern am PC konspirativ erklärt, wie Lehrer selbst sich das Kopfrechnen einfacher machen. Das Video mit diesem Geheimwissen wurde inzwischen 1,1 Millionen Mal abgerufen.

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