12. Jahrgang der Gesamtschule Bremen Ost zeigt originell arrangierte Fotografie / Aus Rost wird Kunst Motive verstecken sich im Hintergrund

Osterholz. Weiß und gelb gekleidet sind die beiden Männer, die fast ganz in einer Wand verschwinden, die senkrecht mit verschieden breiten Farbstreifen in Weiß, Maisgelb, Terrakotta, und Froschgrün gestrichen ist. Auf einem schwefelgelb verfärbten Häuflein Erde liegen, aggressiv korrodiert, zwei Schrauben. Die kunstvoll arrangierten Bilder fesseln den Blick, reizen die Gedanken. Seit Dienstag hängen sie in der Galerie der Gesamtschule Bremen Ost in der Walliser Straße. "Mitten im Hintergrund" ist der Titel dieser Ausstellung des 12. Jahrgangs.
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Von Edwin Platt

Osterholz. Weiß und gelb gekleidet sind die beiden Männer, die fast ganz in einer Wand verschwinden, die senkrecht mit verschieden breiten Farbstreifen in Weiß, Maisgelb, Terrakotta, und Froschgrün gestrichen ist. Auf einem schwefelgelb verfärbten Häuflein Erde liegen, aggressiv korrodiert, zwei Schrauben. Die kunstvoll arrangierten Bilder fesseln den Blick, reizen die Gedanken. Seit Dienstag hängen sie in der Galerie der Gesamtschule Bremen Ost in der Walliser Straße. "Mitten im Hintergrund" ist der Titel dieser Ausstellung des 12. Jahrgangs.

Erarbeitet haben sich die Schülerinnen und Schüler die Porträt-Fotografie und inszenierte Szenen in den interkulturellen Gärten. Maßgaben waren, dass beispielsweise der Hintergrund mit der Kleidung im Vordergrund korrespondiert, oder dass Farben, Struktur oder Muster, Form oder Licht als Gegensätze oder Entsprechungen wirken. Daraus wurde eine professionell anmutende Fotoausstellung in der GSO.

Ursula Russek ist die Fachleiterin Kunst an der Gesamtschule im Bremer Osten. Nach ihrer Ausbildung in Grafik-Design hat sie Kunstpädagogik und Philosophie studiert. Das ist lange her. "Dass ich in den letzten Jahren meiner schulischen Laufbahn an dieser Schule bin, ist ein Geschenk für mich," sagt Ursula Russek. "Die starke Bereitschaft und das große Engagement der Schülerinnen und Schüler haben zu dieser Qualität und Vielfalt der Fotos geführt."

Enorme Kreativität

Was sonst gern als Grundlage für geringe Leistung herhalten müsse, sei hier der Boden enormer Kreativität. Die unterschiedlichen Nationalitäten der jungen Leute sorgen für sehr unterschiedliche Motivauswahl, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Interpretation oder Farbsinn. Und die Mädchen und Jungen sind mit Einsatzfreude und Enthusiasmus dabei. Bereits in vorangegangenen Projekten zeigten die Schülerinnen und Schüler Fotografie als Kunstform und erarbeiteten sich Technik oder Wahrnehmung von Licht und Schatten.

Steven Meisel sorgte mit seinen Fotografien im Unterricht für reichlich Gesprächsstoff. Meisel ist Hauptfotograf der Zeitschrift "Vogue" und stellt sich gern mal ins Kreuzfeuer von Kritik. Er wird dabei als einer der weltbesten lebenden Fotografen gehandelt. Viele seiner Bilder sind arrangiert und konzipiert, wie auch die Bilder dieser Ausstellung, wobei keines der Ausstellungsbilder den Ansatz eines Plagiats erkennen lässt.

Manchmal bestechen die Bilder mit schlichtem Charme: Mitten vor grauem Hintergrund posieren eine blonde Frau im schwarzen Kleid und mit weißen Schuhen, neben ihr, die Schwarzhaarige, trägt ein weißes Kleid zu schwarzen Schuhen. Sie halten einander bei der Hand. Wie sich diese Kunst beurteilen lässt, beantwortet Lehrerin Ursula Russek so: "Erst einmal muss die Aufgabe klare Grenzen, einen klaren Rahmen, haben. Wie differenziert ist die Aufgabe interpretiert? Hat das Bild Originalität? Eigenwillige Umsetzung und differenzierte Darstellung sind gewünscht." Weitere Fragen: Gibt es einen Witz, wie in dem Bild mit dem schwarzweißen Hund und der schwarzweißen Dame? Oder ist etwas dermaßen fein arrangiert, wie das Foto mit dem starken Grün einer Werbeverpackung, die auf dem Weg liegt? Das Grün findet sich da ebenso im Moos auf der Mauer, in der Kleidung der Frau, in den Blättern der Pflanzen und schattenhaft am Haus. "Großartig. Ein Bild, das nur Minimalanforderungen erfüllt, findet sich hier

nicht", sagt Russek.

"Die ersten Fotos waren schwarz-weiß", erklärt Ursula Russek. Das sei naheliegend wegen des Kontrastes. Als dann wirklich gute Fotos in Farbe dabei gwesen seien, habe das beflügelt. "Das gab einen ganz neuen Schub. Alle Bilder waren zuerst nur auf Monitoren zu sehen. Die Ausdrucke auf A-3-Papier, das war ein Aha-Erlebnis für die Schüler, und als der Ausstellungsgedanke aufkam, gab das noch mal einen ganz starken Auftrieb."

Aus Hunderten von Fotos eines Schülers, einer Schülerin oder einer Gruppe sind wenige für die Ausstellung ausgewählt worden. Ungeachtet ihrer Qualität sind Bilder nicht ausgestellt, die Frauen freizügig darstellen. Das dient dem Schutz jüngerer Mitschüler.

Selbstbewusste Dialoge

Wie selbstbewusst die jungen Leute der GSO mit Kunst und ihren Lehrern umgehen, zeigt sich während der einleitenden Worte zur Entstehung der Ausstellung von Lehrer Wolfgang Russek: "Oh, wie schön, eine Blume, sagen viele. Aber das ist keine Kunst. Das brauchen wir nicht fotografieren." "Ja, aber ich finde das schön", unterbricht eine Schülerin Russeks Ansprache. Der erklärt weiter: "Wir suchen das Besondere, zum Beispiel in den interkulturellen Gärten." Wieder ein Einspruch: "Rostige Nägel und Vergammeltes mag ich nicht, und wir fotografieren immer rostige Nägel." "Warum fotografieren wir rostige Nägel?", fragt Russek. Die Schülerin: "Wir fotografieren Gammliges, weil es geil ist? Nö, weil unser Lehrer das mag!" Sollte es einen Streit geben? Nein, der Wortwechsel ist eher Ausdruck einer Vertrautheit.

Zwischen den einleitenden Worten von Rektor Franz Jentschke, Wolfgang Russek und Ursula Russek spielt das Blasorchester der Musikklasse Sätze aus Modest Mussorgsky "Bilder einer Ausstellung". Etwa zwanzig Bläser zeigen nach einem Jahr des Zusammenspielens ihr Können .

Angedacht sei in der GSO, in Folge dieser Ausstellung eine Werkschau mit Arbeiten aus verschiedenen Klassen und ein Projekt um Land-Art Fotos, in denen Natur, zum Beispiel Sand oder Kiesel, vergänglich in "Wilder Natur" für Fotos arrangiert werden. Und Ursula Russeks Wünsche nach diesem großen Erfolg? "Ich würde gerne eine Zeit lang in unserem Partnerprojekt arbeiten, in Südafrika."

In der Gesamtschule Bremen-Ost, Walliser Straße 125, Telefon3615645, sind weitere Werke aus dem Kunstunterricht zu sehen.

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