Mühlendreieck Handwerk in verschiedenen Facetten

Vier Müllerinnen und Müller aus Bruchhausen-Vilsen, Sulingen und Neubruchhausen haben das Mühlendreieck gegründet. In den drei Mühlen soll zukünftig gezeigt werden, wie einst Mehl hergestellt wurde.
25.03.2021, 14:56
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Von Dagmar Voss

Selten sind sie geworden, die Müller. Und daher aufgenommen worden als einziges Handwerk in das immaterielle Kulturerbe der Unesco (siehe unten). Vier von ihnen – ein hauptberuflicher, drei ehrenamtlich-nebenberufliche – haben sich im Landkreis Diepholz zusammengeschlossen zum sogenannten Mühlendreieck. Da ist der gelernte Müller Florian Butt, der sich in der Wassermühle und im Mühlenverein Neubruchhausen engagiert, außerdem Bea Tilanus, Mitbesitzerin der Wassermühle Bruchmühlen in Bruchhausen-Vilsen, sowie Aileen und Helmut Hansing, Inhaber der Labbus-Windmühle in Sulingen.

Einiges an Gesprächen und Nachdenken darüber ist dieser Partnerschaft vorausgegangen. So erklärt Bea Tilanus, die ihr Handwerk in den Niederlanden gelernt hat: „Die kooperierenden Müller sahen mit Trauer, dass die Mühlen in ihrer Gegend mit viel Geld restauriert wurden, dann aber nicht mehr als Mühle genutzt wurden, höchstens als Hochzeitsmühle, manchmal aber noch nicht mal das.“

Alle Facetten kennenlernen

Sie, die aktiven Müller des Mühlendreiecks, wollen „ihre Mühle in einen guten Zustand bringen, wenn sie es noch nicht ist, und ihre funktionierende Mühle gemeinsam an festen Tagen im Monat für die Öffentlichkeit öffnen“. Das sei sehr faszinierend, denn Besucher, die an den Arbeitsmühlen vorbeifahren, können stoppen und dort alle Facetten der Mühlentechnologie, Wind, Wasser und einen historischen Dieselmotor kennenlernen. Jedenfalls zu einer entspannteren Zeit als im Moment.

Das bedeute konkret, dass Besucher sich an den drei Orten ganz unterschiedliche Aktionen ansehen können, denn schließlich ist auch der Hintergrund der Müller verschieden. Florian Butt in Neubruchhausen absolvierte die Berufsausbildung als Müller in Braunschweig; und obwohl diese Ausbildung hauptsächlich für die moderne, computergesteuerte Lebensmittelindustrie ausbildet, nutzt er dieses Wissen jetzt, um in einer historischen motorgetriebenen Mühle zu arbeiten. Viel hat sich hier getan in den vergangenen Jahren, der Förderverein hat sich schwer ins Zeug gelegt, um einiges präsentieren zu können. „Allerdings“, so erklärt der 32-jährige Butt, „wird es bei uns leider keinen Wasserantrieb mehr geben“.

Dafür aber die sonstige Technik. So soll den Besuchern unter anderem gezeigt werden, wie damals Müller gearbeitet haben. Da sind die Riemenantriebe, die von einem alten, aufgepeppten Dieselmotor bewegt werden, ein Walzenstuhl und Maschinen für den Schrotgang. Auch Dezimalwaagen haben die engagierten Ehrenamtlichen gesammelt und nach Neubruchhausen gebracht. Butt sagt: „Wir richten die Anlage so her, dass wir lebensmitteltaugliches Mehl produzieren können.“ Nachverfolgen, wie das geht, können dann auch die Gäste des benachbarten Hotels direkt durch ein Fenster.

Anfang der 90er-Jahre war Schluss

Wesentlich schneller werden Besucher in der Labbus-Windmühle und in Bruchmühlen ähnliches erleben können. Sprich, wie Korn damals gemahlen wurde. Aileen und Helmut Hansing haben alle Kurse für freiwillige Müller in Deutschland absolviert. Sie freuen sich, ihrer historischen Mühle wieder Leben einhauchen zu können. Die Windmühle in Labbus prägt seit 1851 die flache Geestlandschaft rundum und zählt zu den ansehnlichen Wahrzeichen der Stadt Sulingen. Erbaut wurde sie vom Mühlenbauer Fahlenkamp aus Bruchhausen-Vilsen. Die ehrenamtliche Müllerin und Englisch-Dozentin Hansing erläutert: „Die Flügel des Galerieholländers haben sich zuletzt Anfang der 1990er-Jahre gedreht. Damals wurde mit der Mühle ein letztes Mal für Mischfutter geschrotet, bis beide Mischer voll waren.“

Im Jahr 2006 kaufte Familie Hansing das Mühlenanwesen und sanierte das Müllerhaus. Hansing sagt: „Im Juli 2007 wurde der Verein zur Förderung und Erhaltung der Windmühle von engagierten Personen mit dem Ziel gegründet, die Windmühle wieder betriebsfähig und als Kulturgut der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zurzeit hat der Mühlenverein drei qualifizierte freiwillige Wind- und Wassermüller im Team; drei weitere befinden sich aktuell in der Ausbildung.“ Sie nehmen seitdem am jährlichen deutschen Mühlentag teil, und das Interesse sowie die Begeisterung für die alte Mühle lockten Hunderte von Menschen nach Labbus, östlich von Sulingen.

Pakete für Touristen angedacht

In Bruchmühlen, wo Bea Tilanus gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Romke Schievink zuletzt die Welle des Mühlrads wieder leicht gängig gemacht haben (wir berichteten), kann es schnell losgehen. Denn es soll ja nicht nur museal zugehen, sondern vor allem jungen Menschen nahegebracht werden, wie alles funktioniert. „Eine Mühle sollte einfach auch arbeiten und betriebsfähig sein, etwas zum Anfassen, nicht nur angucken – wir würden uns sehr freuen, wenn wir eine neue junge Generation von Müllern beraten und begeistern könnten, denn eine Mühle gehört einfach zum Leben“, sind sich die vier Müller einig. Man wolle – so lautet ihr Anliegen – gemeinsam auch ganze Pakete für den Tourismus anbieten, also Übernachtungen und Einblicke ins Mühlengeschehen. In Sulingen und Neubruchhausen – Fremdenzimmer gibt es in der Windrose oder im Hotel Zum Mühlenteich – ist Ersteres schon möglich, in Bruchmühlen soll es ab April losgehen können.

Info

Zur Sache

Zur Erklärung der Unesco

Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization hat als Sonderorganisation der Vereinten Nationen die Aufgabe, durch Förderung der internationalen Zusammenarbeit in Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation zur Erhaltung des Friedens und der Sicherheit beizutragen.

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