Der Amerikaner JeConte nimmt in Mali während des Militärputsches eine CD auf und tourt jetzt durch Europa

Musik im Angesicht des Kriegs

Der Desert-Blues kommt aus Mali. Dort nahm der amerikanische Musiker JeConte seine CD "Mali Blues" auf, während das Militär 2012 putschte. Jetzt bringt er diese Musik zusammen mit seinen afrikanischen Freunden nach Europa.
19.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer
Musik im Angesicht des Kriegs

Boubacar Sidibé (links) und JeConte sind zurzeit auf Europa-Tournee. Der Musiker aus Mali und sein amerikanischer Freund lernten sich bei einem Festival in Timbuktu kennen. Während des Militärputsches im März 2012 nahmen sie zusammen die CD "Mali Blues" auf.

Henning Hasselberg

Der Desert-Blues kommt aus Mali. Dort nahm der amerikanische Musiker JeConte seine CD "Mali Blues" auf, während das Militär 2012 putschte. Jetzt bringt er diese Musik zusammen mit seinen afrikanischen Freunden nach Europa.

Lilienthal. Was treibt einen Amerikaner in die afrikanische Wüste? JeConte, der eigentlich Joe Conte heißt, wollte einfach nur weg. Weg von seiner Familie, die in kürzester Zeit zwei Mitglieder an den Krebs verloren hatte, weg von seiner kalifornischen Heimat und all seinen Problemen. Die Weite der Wüste schien ideal, in Mali fand er Abstand und neue Nähe.

Der Musiker traf 2010 beim "Festival au desert" in Timbuktu Kollegen, die ihn beeindruckten und mit denen er begann, gemeinsame Projekte zu verfolgen. Aber er merkte auch bald, in Mali kam er von seinen persönlichen Problemen zwar weg, traf aber auf viel komplexere und nachhaltige Schwierigkeiten. Als im März 2012 das Militär putschte und der Krieg ausbrach, nahmen JeConte und seine neuen Freunde wie Boubacar Sidibé gerade ihr erstes Album "Mali Blues" in der Hauptstadt Bamako auf.

"Coup d‘etat" nennen die Musiker dieses Ereignis in dem Sprachgewirr aus Französisch, afrikanischen Vokabeln und Englisch, in dem sie sich verständigen. Jetzt sind die beiden auf Europatournee zusammen mit dem Bassisten Sil Matadin, der in Paris lebt, wo das multinationale Ensemble häufig zusammen kommt. Eigentlich sollte E-Gitarrist Adama Dramé, einer der Hauptakteure der "Mali Allstars" sie ebenfalls begleiten, aber er bekam wie so viele Bürger des westafrikanischen Landes kein Einreisevisum. Viele Staaten befürchten, dass Menschen aus Kriegsregionen nicht wieder ausreisen wollen und lassen sie daher nicht ins Land. Andere Staaten haben ihre Botschaften in Mali geschlossen. Täglich hoffen JeConte und Sidibé, dass es noch klappt mit dem Visum für Dramé und er für den Rest der Tour zu ihnen stoßen kann.

Nur mit Glück entkommen

Noch rund drei Wochen sind die Mali Allstars in der Region unterwegs auf Einladung der Macher der Konzertserie Songs & Whispers. So sind sie auch ins Alte Amtsgericht nach Lilienthal gekommen, wo sie am Nachmittag vor ihrem Auftritt mit vier jungen Lilienthalern an Gitarre, Gesang, Keyboard und Schlagzeug Musik spielen und ins Gespräch kommen – genauso wie auch am Abend mit den Konzertgästen im gut besuchten Jugendzentrum.

Sidibé spricht wenig, aber seine kurzen Sätze und die Tiefe in seiner Stimme deuten an, wie sehr ihm die Situation in seiner Heimat zusetzt. Er stammt aus Bamako im Süden Malis, im Vergleich relativ wenig betroffen von dem Krieg, der vor allem im Norden des Landes, wo Nomaden-Stämme wie die Tuareg leben, tobt. JeConte ist da offener, er sucht den Kontakt mit den Menschen, die er trifft, auf der Bühne ebenso wie im persönlichen Gespräch abseits davon. Seine Mission ist nicht nur eine musikalische, er ist genauso wie von der Kultur der Afrikaner auch von den Menschen selbst und deren Haltung fasziniert.

"In Afrika lebt man vor allem im Augenblick", musste der Kalifornier lernen. Alles ist gegenwärtig. Dennoch geht es ihm auch um Nachhaltigkeit; er versucht, indem er seinen Musikern Jobs verschafft, auch dafür zu sorgen, dass sie so ihre Familien zu Hause unterstützen können. Gleichzeitig führten JeContes Reisen an die Wiege aller populären Musik. Der sogenannte Desert Blues, wie ihn malische Künstler wie Boubacar Traoré spielen, ist die Grundlage dessen, was später im Süden der USA entstand und heute als Grundlage jeglicher Rockmusik gilt. Sidibé will aber die Kultur seiner Heimat nicht darauf beschränken, für ihn ist Blues nur ein Teil einer vielschichtigen Musikszene, die in jedem Dorf anders ausgeprägt ist und die auch jetzt weiter besteht, unter noch schwierigeren Vorzeichen als vor 2012. "Es war schon hart vor dem Krieg", sagt JeConte, "das Leben in Westafrika ist aus westlicher Sicht sowieso kompliziert. Jetzt ist vieles einfach unmöglich. Straßen existieren nicht mehr, es gibt fast keine Konjunktur mehr."

Für den Amerikaner, der außer in Kalifornien auch in New Orleans lebt, stand nicht im Vordergrund, ein Album dort aufzunehmen. Er hatte eigentlich keinen Plan, als er nach Afrika kam, sagt er: "Ich ging da nur meinetwegen hin und dann haben sich all diese großartigen Kooperationen ergeben." Die CD ist eher eine Werkschau dieser Zusammentreffen, ein offenes Projekt mit vielen Gastmusikern, die eigene Lieder mitbrachten und zusammen spielten.

Dass dieses Projekt überhaupt in die Welt getragen werden konnte und so auch auf die Situation in Mali aufmerksam machen kann, hing am seidenen Faden. JeConte war am am 21. März 2012, dem Tag des Putsches, in einem großen Hotel in Bamako festgesetzt worden: "Wir dachten erst, es wäre ein Manöver oder so etwas, was die Militärbewegungen draußen erklären würde. Ich wollte dann mit meinem Laptop und meiner Kamera, mit der ich die Aufnahmen dokumentiert hatte, zum Studio gehen und wurde nicht mehr rausgelassen. Ich hatte die kompletten CD–Aufnahmen auf der Festplatte und begann jetzt Szenen des Putsches zu filmen. Jemand hat das den Militärs gesteckt und am nächsten Tag wollten mich Soldaten filzen. Ich konnte vorher alles verstecken, aber es kam zum Handgemenge, sie hielten mir ein Gewehr an den Kopf und wollten mich abführen. Ich habe gesagt: ,Ihr könnt mich jetzt hier erschießen, aber ich komme nicht mit! Ich bin nur Musiker, ich habe nichts verbrochen.’ Schließlich hat das jemand bestätigt und ich durfte gehen."

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