Noten und Instrumente in Lilienthal Händler kämpfen gegen Umsatzeinbußen

Die Anzahl der Hobbymusiker unter den Kunden steigt, dafür bleiben die zurzeit oft arbeitslosen Profis weg. So lautet die Bilanz der Musikhändler in Lilienthal und umzu. Eine Branche im Umbruch.
20.01.2021, 18:43
Lesedauer: 3 Min
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Von Judith Tausendfreund

Lilienthal/Osterholz-Scharmbeck. Ob im Wohnzimmer oder am Küchentisch, Hausmusik ist schon vor Corona ein Thema gewesen, etwa durch Wohnzimmerkonzerte oder auf digitalen Plattformen wie „Sofaconcerts“. In Anbetracht des fortwährenden Lockdowns gehört das heimische Musizieren zu den Dingen im Alltag, die machbar sind und Spaß versprechen. Den Trend bestätigt Udo Schloen, Inhaber des Fachhandelsgeschäfts „Musikland OHZ“. Gemeinsam mit Detlef Gödicke betreibt er das Metier seit 1988 in Osterholz-Scharmbeck. „Die Kunden haben momentan Zeit und Geld“, schildert er. Geplante Urlaubsreisen mit den entsprechenden Kosten sind ausgefallen. „Das gesparte Geld nutzen jetzt viele, um ein Instrument neu zu lernen oder alte Kenntnisse aufzufrischen“, so Schloen.

Der Trend sei völlig unabhängig vom Alter. Familien mit Kindern gehören ebenso zum Kundenstamm wie ältere Menschen. Noch vor Kurzem habe er einer Rentnerin ein Klavier geliefert. Digitalpianos würden zurzeit stark nachgefragt werden, mithilfe von Kopfhörern ließe sich gut Rücksicht auf die Nachbarschaft nehmen. „Auch Ukulelen und andere Instrumente verkaufen wir“, berichtet der Unternehmer. Neben dem Verkauf von Instrumenten bietet das Musikland einen Reparaturservice an. „Wir dürfen den Laden aktuell nicht öffnen, aber wir sind da“, beschreibt er die Situation.

Das Telefon ist besetzt, so können die beiden Inhaber ihre Kunden beraten und Absprachen treffen. „Wir liefern aus, wir wollen Präsenz zeigen und sind einfallsreich - im Moment muss jeder Geschäftsinhaber für sich ganz neue Strategien entwickeln“, so Schloen. Durch verstärkte Onlineaktivitäten, etwa den Verkauf via Ebay, erreiche er nun Kunden aus einem größeren Umfeld. Doch trotz dieser an sich positiven Entwicklung stagniert der Handel: „In den Jahren zuvor waren es die aktiven Musiker, die bei uns eingekauft haben“, erklärt er. Diese wiederum hätten seit Monaten keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Dementsprechend würden sie auch nichts ausgeben wollen.

„Tote Hose“ lautet das Statement von Timo Schubert aus dem Lilienthaler Musikantenhus auf die Frage nach dem Umsatz. Nach seinem Empfinden gibt es keinen vermehrten Drang nach Hausmusik, es sei so gut wie nichts los. „Wir würden uns total freuen, wenn wir mehr Nachfrage hätten“, schildert er die Situation, die er als sehr belastend beschreibt. Es gebe kaum einen Anruf, die wenigen Anfragen laufen in der Regel per Mail. Der Kontakt zu den Menschen fehle ihm, so gehe es vielen. „Es mag schon ein gewisses Online-Geschäft geben, aber in der Regel kaufen die Leute dann eben nicht bei uns“, so Schubert. Wer am meisten für die Google-Anzeigen bezahle, stehe auf der Liste der Suchergebnisse ganz oben – und da würden die Verbraucher zugreifen.

Schubert befürchtet eine immense Pleitewelle. „Das Sterben der kleineren Geschäfte war schon vor Corona ein Thema, jetzt geht es noch schneller“, so seine These. Das Musikantenhus ist ein alteingesessener Familienbetrieb, momentan leben alle Beteiligten von den Reserven, „aber die Kosten laufen weiter und die Einnahmen fehlen“, so Schubert. Neben Instrumenten, Zubehör und einem Reparaturservice vertreiben die Schuberts Noten. „Über 600.000 Titel können wir kurzfristig liefern“, versichert Schubert. Über den Laden bietet er den Versand der Noten an, „wir können auch überall hin liefern oder mal selber was zu den Käufern bringen – aber es gibt keine Nachfrage“, schildert er seinen Frust.

Auch die Musikschule Ridder ist seit Jahren im Geschäft, Thekla Reimler kümmert sich um das Sekretariat. „Vor allem im ersten Lockdown haben viele Schüler ihre Verträge gekündigt. Aber wir haben auch neue Anfragen“, berichtet sie. Das Unternehmen ist im Landkreis Osterholz und in Bremen aktiv, dementsprechend gelten je nach Standort aktuell unterschiedliche Regeln. In Bremen ist der Musikunterricht erlaubt, in Niedersachsen hingegen nicht. So oder so hat die Schule ein breites Angebot für Online-Unterricht auf die Beine gestellt. „Bei geübten Schülern funktioniert es gut, bei neuen ist es etwas schwieriger“, schildert Reimler die Erfahrungen der letzten Monate. Vor allem wenn es darum gehe, eine bestimmte Körperhaltung beim Spielen des Instruments einzunehmen, stoße man im digitalen Bereich an Grenzen. „Aber wir haben noch im Dezember ein schönes Projekt organisiert, auf Youtube“, freut sie sich. Mit solchen Events könne man schon ein wenig animieren, „uns allen fehlen die Konzerte“. Viele Schüler würden mehr und fleißiger üben, so ein weiterer Eindruck.

„Wir merken viel Dankbarkeit für den Online-Unterricht“, weiß auch Christa Piater, Leiterin der Kreismusikschule Osterholz. Viele Eltern, aber auch die Kinder und Jugendlichen seien froh über regelmäßige Termine. „Es ist etwas Verlässliches und danach sehnen sich momentan alle“, so ihr Gefühl. Es sei ein guter Moment, um Noten oder auch Instrumente zu bestellen. „Wir haben recht viele neue Kunden, die jetzt Zeit haben und diese nutzen wollen“. Die bestehenden Schüler wollten nicht pausieren, sondern das nutzen, was eben geht.

„Hätte man mir früher gesagt, dass ich einmal Klavierunterricht am Telefon geben werde, das hätte ich wohl nicht geglaubt“, schmunzelt sie. Im Grunde sei die ganze Entwicklung auch spannend, „dennoch hätte ich gerne darauf verzichtet“, so ihr Fazit. Die Sehnsucht nach Veranstaltungen und persönlichen Kontakten bleibe.

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