Neuer Moscheenverband in Niedersachsen Muslime lösen sich von der Türkei

Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 und dem verschärften Vorgehen der türkischen Regierung gegen ihre Kritiker sind Politik und Gesellschaft in Niedersachsen zunehmend die Gesprächspartner innerhalb der muslimischen Gemeinden abhandengekommen.
18.03.2019, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Muslime lösen sich von der Türkei
Von Martin Wein

Nach dem Putschversuch in der Türkei 2016 und dem verschärften Vorgehen der türkischen Regierung gegen ihre Kritiker sind Politik und Gesellschaft in Niedersachsen zunehmend die Gesprächspartner innerhalb der muslimischen Gemeinden abhandengekommen. Höhepunkt dieser Entwicklung war Ende November der geschlossene Rücktritt des Ditib-Landesvorstandes. Der bisherige Vorsitzende Yilmaz Kilic und seine Kollegen hatten damit die Konsequenz aus der gewachsenen Einflussnahme aus der Kölner Deutschland-Zentrale des türkischen Moscheenverbandes gezogen. Dieser wird direkt von der türkischen Religionsbehörde Diyanet gesteuert.

Schon vor drei Jahren war der zweite Moscheenverband Schura als Gesprächspartner ausgefallen. Kurz vor der Unterzeichnung eines Staatsvertrages mit der Landesregierung hatte der Verein, der über vielfache Beziehungen und Doppelmitgliedschaften der Mitgliedsgemeinden ebenfalls mit Ditib verbandelt ist, seinen Gründungsvorsitzenden Avni Altiner abgewählt. Der Staatsvertrag landete in der Schublade.

Nun will ein Teil der niedersächsischen Muslime sich von türkischen Interventionen unabhängig machen. Im Februar haben Altiner und seine Mitstreiter einen neuen Verband unter dem Namen „Muslime in Niedersachsen“ gegründet, der keine Beziehungen ins Ausland pflegen soll. „Wir warten aktuell noch auf die Eintragung ins Vereinsregister“, sagt Altiner. Dann werde die Verbandsarbeit mit einer eigenen Homepage und anderen Aktivitäten beginnen.

Altiner ist in der niedersächsischen Politik kein Unbekannter. 1980 im Alter von zwölf Jahren nach Hannover gekommen, fühlt der Band-Arbeiter bei VW sich längst heimisch. „Wir müssen hier die Probleme der Muslime in Niedersachsen lösen“, sagt er, „die Politik im Ausland interessiert uns nicht.“ Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff soll sich für Altiner verwendet haben, damit dieser nur noch in der Frühschicht eingesetzt wird, um anschließend als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Mit Ministerpräsident Stephan Weil ist er per Du. Unter anderem setzte er sich für eine Gesetzesänderung ein, damit verstorbene Muslime auch ohne Sarg bestattet werden dürfen.

„Es gibt jetzt eine Generation, die hier ihre Heimat sieht“, sagt er. Wie andere Religionsgemeinschaften müssten sich muslimische Gemeinden darum verstärkt um soziale Belange kümmern von der Kita bis zum Altenheim. Auch interreligiöser Dialog sei wichtig. Zehn Gemeinden aus Hannover, Braunschweig, Osnabrück, Nienburg und Cloppenburg gehören dem neuen Verband an. Darunter sind Muslime aus der Türkei, aber auch aus Nordafrika, Kurdistan oder Arabien. Für weitere Mitglieder sei man offen, werbe aber nicht dafür. Trotzdem wurde Altiner aus den beiden bestehenden Verbänden heftig kritisiert. Aus dem Kreis der Schura wurde er in die Nähe des türkischen Predigers Fetullah Gülen gerückt, was er selbst als Diffamierung betrachtet. „Wir lassen uns aber nicht einschüchtern“, sagt er. Dass sich Gemeinden aus dem Kreis der Ditib anschließen, glaubt Altiner indessen nicht. „Die bekommen ihre Imame weiterhin von der Türkei geschickt und finanziert, und sie wollen daran nichts ändern“, sagt er. Die Gemeinden des neuen Verbandes bezahlen ihre Prediger aus Spenden, oder diese arbeiten ehrenamtlich.

Langfristig müsse es dafür aber eine andere Lösung geben, deutet Altiner an. Er wirbt für ein Pilotprojekt des Landes, bei dem einige Imame aus öffentlichen Kassen bezahlt würden. „Man könnte es evaluieren und sehen, ob sie dann besser zu Niedersachsen passen“, sagt er. Die Landesregierung steht dem Verein auffällig positiv gegenüber. Zwar habe es noch keine Gespräche gegeben, erklärt Regierungssprecherin Anke Pörksen: „Sollten solche Gespräche gewünscht werden, sind jedoch Ministerpräsident Weil und der zuständige Kultusminister gerne dazu bereit.“

Einen Staatsvertrag, der etwa Regeln zum islamischen Religionsunterricht, zur Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen sowie zum Moscheebau und Bestattungswesen enthalten könnte, könne sich die Landesregierung nur mit allen Verbänden gemeinsam vorstellen, um nicht einseitig Partei zu ergreifen.

Derzeit komme allerdings „vor allem mit Ditib wegen der direkten Weisungsabhängigkeit aus der Türkei kein Vertragsschluss in Betracht“, betont Pörksen. Mit Ditib und Schura arbeitet das Land dennoch weiterhin zusammen. Lediglich in Niedersachsens Gefängnissen dürfen seit vergangenem Jahr keine Ditib-Imame mehr predigen.

Der Osnabrücker Religionspädagoge Rauf Ceylan sieht die Gründung des neuen Verbandes als normalen Prozess der Pluralisierung innerhalb der sehr heterogenen muslimischen Gläubigen im Land. „Im Islam ist eine Staatskirche theologisch nicht angelegt, auch wenn sich in der Türkei eine entwickelt hat“, erklärt er.

Zwar sei es für die Politik einfacher, mit einem Partner zu kooperieren, „aber wir können nicht künstlich vereinheitlichen, was plural ist“. Das Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück werde selbstverständlich auch mit dem neuen Verband zusammenarbeiten.

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