Tiet för Platt (VII): Bücher für die niederdeutsche Zukunft / Autoren engagieren sich für Erhalt der Sprache Mutiger Griff in den Wörtertopf

Der Markt für plattdeutsche Bücher ist nicht sehr groß. Wir stellen drei Autoren vor.
29.04.2013, 05:00
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Von Ulrike Schumacher

Der Markt für plattdeutsche Bücher ist nicht sehr groß. Wir stellen drei Autoren vor.

Lilienthal. Das Glück und die Liebe sind rosarot und schokobraun. Und plattdüütsch. Der Bremer Schünemanm-Verlag hat ein handliches und schmales Bilder- und Lesebuch herausgegeben, das demjenigen, der es erblickt, unweigerlich ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Im grünen Gras stehen vor hellblauem Himmel zwei knutschende Schweine. Rosalie und Trüffel heißen die beiden Helden dieses Büchleins. Katja Reider hat ihnen eine herzerquickende Geschichte auf die Schweinebäuche geschrieben, die von Ekhard Ninnemann in dat Plattdüütsche överdragen wurde und zu der Jutta Bücker wunderschöne Zeichnungen beigetragen hat.

Besonders heldenhaft fangen sie ihn jedoch nicht an – ihren Weg vun de Leev un dat Glück. Rosalie und Trüffel müssen erst einmal durch das Tal der Missverständnisse und vergeblichen Träume gehen, bis die Geschichte unterm Apfelbaum ihr schönes Ende findet. Nicht am Schluss des Buches, sondern in der Mitte, was eine pfiffige Idee ist. "En Vertellen vun de Leev" lässt sich von vorn und von hinten lesen und betrachten. Es schildert dat Bangen un Hööpen un Süchten jeweils aus Rosalies und Trüffels Sicht, bis sich die beiden Seite für Seite doch näher kommen. "Junge Leute spricht so etwas an", weiß Gabi Heinrichs vom Lilienthaler Buchladen buchstäblich, wo die Borstenvieh-Lovestory neben anderen plattdeutschen Werken im Regal steht.

Eine pfiffige Idee

Junge Leute hat auch Birgit Lemmermann in den Bann gezogen. Die Lehrerin schreibt Jugend- und Kinderbücher auf Platt und hat dafür schon einen Haufen Preise erhalten. Jüngst den Heinrich-Schmidt-Barrien-Preis, der zu Anfang eines Jahres als Wanderpreis an diejenigen verliehen wird, die sich für den Erhalt der niederdeutschen Sprache engagieren. Darauf gekommen sei sie, erzählt die Autorin, als sie nach der Geburt ihres inzwischen erwachsenen Sohnes kein plattdeutsches Kinderbuch auftreiben konnte. So entstanden die Geschichten vom weißen Bären Emil, mit dem etliche Kinder durch ihre ersten Jahre gegangen sind.

Birgit Lemmermann hat weitergeschrieben und dabei gehörig experimentiert. "Was macht die Sprache mit? Und wie kann man sie künstlerisch verwandeln?", sind die Fragen, die sie bei ihrem schöpferischen Tun antreiben. Die Autorin langt mutig in den plattdeutschen Wörtertopf und wirbelt die Begriffe durcheinander. "Wie man beim Malen auch mal Asche aufs Bild streut." Wenn es sein muss, erfindet sie Begriffe neu, ohne jedoch zu vergessen, alte Wörter zu bewahren. Black zum Beispiel, was op Platt Tinte bedeutet. "Das sagt heute schon keiner mehr." Oder Ütz für Kröte.

Dass sich die Menschen für ihr Plattdeutsch schämten, hat sie selbst miterlebt. Birgit Lemmermann ist in den sechziger Jahren aufgewachsen. Zuhause sprach die Familie noch Plattdeutsch, wenn es aber zum Einkaufen nach Buxtehude ging, erinnert sie sich, dann wurde der Schalter auf Hochdeutsch umgelegt. Das habe auch dazu beigetragen, dass Plattdeutsch ein bisschen versackt ist. "Die letzten 80 Jahre Literaturentwicklung hat das Plattdeutsche nicht mitgemacht", bedauert die Autorin, die mit ihren Büchern einen Gegenimpuls liefert.

Das will auch Anne Bendig. 1998 hat die Wilstedterin ihr erstes plattdeutsches Gedicht geschrieben. Es trägt den Titel "Mien Mudderspraak". Elf Jahre später widmet Anne Bendig ein Werk abermals ihrer Muttersprache. "Mit dem Gedichtband ,Hoch und Plattdeutsch im Duett‘ schlage ich sprachlich gesehen eine Brücke zurück zu den Wurzeln meiner Muttersprache, mit der ich aufgewachsen bin, der ich mich entfremdet habe und der ich mich nun wieder auf diesem Wege nähern möchte", schreibt sie im Vorwort. Das Plattdeutsche, erzählt die Lyrikern, sei ihre emotionale Muttermilch. Als Jugendliche hatte sie sich davon distanziert, doch später "habe ich gefühlsmäßig wieder dahin zurückgefunden".

Auch Anne Bendig ist es beim Schreiben wichtig, die plattdeutsche Sprache aus dem "oft derben Alltagsgebrauch" herauszurücken. "Ich würde der Sprache wünschen, dass sie nicht auf dem niedrigen Niveau Verbreitung findet", sagt sie. Ihre Gedichte verfasst die Wilstedterin, die bisher drei Bücher veröffentlicht hat, oft zweisprachig – zunächst auf Hochdeutsch und als plattdeutsche Übersetzung. "Das entfaltet dann noch einmal eine ganz andere Wirkung."

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