Vorwurf: Beteiligung an Massaker Mutmaßlicher Nazi-Kriegsverbrecher aufgespürt

Wildeshausen. Knapp 70 Jahre nach einem Nazi-Massaker in Frankreich haben Ermittler am Montag die Wohnung eines mutmaßlichen Beteiligten in Wildeshausen durchsucht.
30.01.2014, 06:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Ute Winsemann

Knapp 70 Jahre nach einem Nazi-Massaker in Frankreich haben Ermittler am Montag die Wohnung eines mutmaßlichen Beteiligten in Wildeshausen durchsucht. Der 87-Jährige hat nach Angaben der zuständigen Staatsanwaltschaft Dortmund eingeräumt, am 10. Juni 1944 in dem Ort Oradour-sur-Glane gewesen zu sein.

Eine unmittelbare Beteiligung an der Tötung von insgesamt 642 Menschen stritt er jedoch ab. Belastendes Material – etwa alte Orden, Urkunden, persönliche Aufzeichnungen oder Fotos – förderte die Durchsuchung nicht zu Tage.

Der Beschuldigte war einer von 120 Soldaten einer Kompanie des Panzergrenadier-Regiments „Der Führer“, das zur SS-Division „Das Reich“ gehörte, die nach der Landung der Alliierten in der Normandie vom Südwesten Frankreichs nach Norden marschierte. Gegen Mittag des 10. Juni 1944 befahl ein Sturmbannführer, die Bewohner des in der Nähe von Limoges gelegenen Orts Oradour auf dem Marktplatz zusammenzutreiben. Die Soldaten teilten die Männer in mehrere Gruppen auf und erschossen sie. Frauen und Kinder sperrten sie in die Kirche, zündeten das Gebäude an und schossen auf alle, die zu fliehen versuchten. Lediglich sechs Menschen entkamen dem Massaker.

Das jetzige Ermittlungsverfahren hat 2010 begonnen. Ein Historiker hatte die Zentralstelle im Lande Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen laut deren Leiter, Oberstaatsanwalt Andreas Brendel, auf einen Prozess in der damaligen DDR hingewiesen, bei dem 1983 ein Beteiligter des Massakers verurteilt worden war. Von dort führte die Spur zu SS-Unterlagen, die US-amerikanische Kräfte seinerzeit auf Mikrofilm aufgenommen hatten und die jetzt im Militärarchiv Freiburg lagern. Darunter sei eine fast vollständige Liste der Kompanie, deren Zuordnung allerdings zunächst schwergefallen sei, weil ausgerechnet die erste Seite fehlte. Auf dieser Liste habe auch der Wildeshauser gestanden.

Aufgrund seines Namens sei es besonders schwierig gewesen, ihn ausfindig zu machen, sagte Brendel. Bislang stehe nur im Raum, dass er zu der Kompanie gehörte. Was ihm im Einzelnen vorzuwerfen sei, müssten weitere Ermittlungen ergeben. Die Darstellung des Beschuldigten, nicht direkt an dem Morden beteiligt gewesen zu sein, bezeichnete Brendel als „nicht ganz unwahrscheinlich“ – schließlich hätten beispielsweise einige Männer den Ort abgeriegelt, aber nicht selbst geschossen oder Feuer gelegt.

Das Massaker von Oradour gilt als das größte Nazi-Kriegsverbrechen an der französischen Zivilbevölkerung. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt besuchte Bundespräsident Joachim Gauck den Ort im vorigen September gemeinsam mit dem französischen Präsidenten François Hollande.

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