14-Jährige braucht nach Operation eine Begleitung für Schulunterricht

Mutter ringt mit Landkreis um Rechte ihrer Tochter

Landkreis Osterholz. Joyce Wallrabe ist 14 Jahre alt und geht gern auf die Kooperative Gesamtschule Hambergen. Zurzeit sitzt sie aber zu Hause. Mehrere Monate darf sie ihr Innenohrimplantat nicht tragen, ist taub. Sie braucht jemanden, der sie in die Schule begleitet.
09.05.2014, 00:00
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Mutter ringt mit Landkreis um Rechte ihrer Tochter
Von Brigitte Lange
Mutter ringt mit Landkreis um Rechte ihrer Tochter

Mutter kämpft mit Landkreis um Hilfe für ihre Tochter

Brigitte Lange

Landkreis Osterholz. Joyce Wallrabe ist 14 Jahre alt und geht gern auf die Kooperative Gesamtschule Hambergen. Zurzeit sitzt sie aber zu Hause. Mehrere Monate darf sie ihr Innenohrimplantat nicht tragen, ist taub. Sie braucht jemanden, der sie in die Schule begleitet. Seit Wochen ringt ihre Mutter um eine entsprechende Bewilligung mit dem Landkreis Osterholz.

Petra Wallrabe fühlt sich im Stich gelassen. Die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern bemüht sich seit Mitte März um eine Schulassistenz für ihre 14-jährige Tochter Joyce. Nach einer Operation am Ohr darf das von Geburt an taube Mädchen nun für gut sieben Monate ihr Innenohrimplantat nicht tragen. Dieses hat ihr bislang den Besuch der Kooperativen Gesamtschule Hambergen ermöglicht, den Besuch von Haupt- und Realschulkursen. Bis sie ein neues Implantat erhält, fordert die Schule die Begleitung durch einen Schulassistenten sowohl im Unterricht als auch in den Pausen. Nur – so einfach ist diese Begleitung nicht zu kriegen.

Petra Wallrabe telefoniert sich die Finger wund. „Ich bin durch“, sagt sie. Alle unterstützten sie. Nur beim Landkreis, der die Assistenz bewilligen muss, käme sie einfach nicht weiter, trete sie auf der Stelle. „Erst als ich Ende April der Sachbearbeiterin sagte, ich würde an die Öffentlichkeit gehen, kam Bewegung in die Sache.“

Zuvor hatte der Mobile Dienst für Hörgeschädigte bereits ein Gutachten verfasst. „Und die Schule ist absolut gewillt, Joyce zu unterrichten“, betont Wallrabe, die Angst hat, dass Joyce ohne schnelle Rückkehr in den Unterricht den Anschluss verliert. Die Lebenshilfe Osterholz habe über ihre Offenen Hilfen inzwischen jemanden gefunden, der die Assistenz übernehmen könnte. Den Auftrag, jemand zu suchen, „haben wir vom Landkreis bekommen“, bestätigt Waltraud Schmidt von den Offenen Hilfen. „Aber dann hat der Landkreis das Gespräch mit uns nicht mehr gesucht. Irgendwie ist die Kommunikation abgebrochen“, bedauert Schmidt. Funkstille – bis zum 7. Mai. Nun wartet die Lebenshilfe erneut darauf– diesmal auf den Rückruf des Landkreises, ob die Schulassistenz an sie vergeben wird. „Wenn man wollte, könnte man das ganz schnell anschieben“, versichert Schmidt.

Während die Lebenshilfe bereits nach einer Assistenz suchte, sei sie vom Landkreis noch gefragt worden, warum sie ihre Tochter für diese Zeit nicht zur Schule an der Marcusallee (Förderzentrum für Hören und Kommunikation) schicke. „Die Taxikosten würde der Landkreis übernehmen“, erinnert sich Wallrabe an das Gespräch. Sie lehnte ab, will ihre Tochter nicht aus ihrem sozialen Umfeld reißen.

Auf das Marcusallee-Angebot angesprochen, erklärt die zuständige Kreisdezernentin Heike Schumacher: „Das kann ich nicht nachvollziehen. Das steht nicht in den Akten.“ Stattdessen findet sie dort die Bewilligung für eine Schulassistenz mit Datum vom 5. Mai. Die vom Kreis dafür ausgewählte Begleitung wurde durch die Kümmerer vermittelt, kommt nicht von der Lebenshilfe. „Wir haben eine Begleitung vorgesehen“, erklärt Schumacher. Sie hielten die Frau für kompetent und geeignet. Zwölfeinhalb Stunden soll sie Joyce begleiten. Das hätten sie nach Stundenplan-Lage entschieden, teilt sie mit: „Nach meinem Dafürhalten ist das dezidiert mit der Schule ausgeklügelt worden.“ In diesem Stundenkontingent seien teilweise auch Pausen enthalten. Aber die Details kenne sie nicht.

Dieser Stundenplan sei ein absoluter „Notfallplan“, erklärt indes die Schulleiterin der KGS Hambergen, Ellin Nickelsen. Und der sei erst von ihr entworfen worden, nachdem der Landkreis ihr mitgeteilt habe: „Sie haben zwölfeinhalb Stunden, stricken Sie irgendwas daraus.“ Aber keine Klasse habe nur drei Tage Unterricht, stellt Nickelsen klar. Die sechs Stunden am Freitag seien direkt weggefallen. Und da montags zwei Lehrer (einer für Förderunterricht) in Joyce’ Klasse seien, hat der Landkreis für diesen Tag ebenfalls keine Assistenz eingeplant. „Das Problem sind die Pausen; für die braucht Joyce jemanden; sie braucht eine durchgängige Betreuung“, betont Nickelsen. Auch montags. Dafür seien die zusätzlichen Lehrerstunden, die die Schule beisteuert, nicht ausgewiesen. Und bei über 900 Schülern könne das Mädchen sich nicht allein überlassen werden. „Das geht gar nicht“, kritisiert Petra Wallrabe.

Sie hat inzwischen – wie es ihr Recht ist – die vom Kreis vorgeschlagene ältere Dame als Begleitung ihrer Tochter abgelehnt, nachdem sie sich mit ihr getroffen hatte, und beim Kreis Widerspruch gegen die zwölfeinhalb Stunden eingelegt. „Das ist zu wenig. Joyce braucht mindestens 16 Stunden“, sagt sie. Ihre Tochter habe früher eine Schulassistenz gehabt. Aber sie entwickelte sich so gut, dass sie ab mitte fünfter Klasse keine mehr brauchte. „Hätte ich diese Assistenz damals weiterlaufen lassen, hätte Joyce sie heute noch und wir hätten kein Problem.“ Ihre Tochter verstehe daher gar nicht, dass man ihr jetzt nicht hilft. „Die Frage ist ja auch, warum bewilligt der Kreis nur zwölfeinhalb Stunden?“, merkt Schulleiterin Ellin Nickelsen an. Wallrabe geht davon aus, dass es um die Kosten geht. Aber die, so hat eine Nachfrage der Redaktion beim Sozialministerium ergeben, bekäme der Landkreis zu gut 80 Prozent vom Land erstattet, beziehungsweise durch die Krankenkasse zu 100 Prozent, falls diese zuständig sei.

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