„Stunde der Wintervögel“

Intensives Naturerlebnis schärft Blick

Bereits zum elften Mal rief der Nabu und der bayerische Landesbund für Vogelschutz zur bundesweiten Zählaktion „Stunde der Wintervögel“ auf. Zwei Mitarbeiter der NORDDEUTSCHEN schildern ihre Erlebnisse.
12.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jörn Hildebrandt und Marina Köglin

Aumund-Hammersbeck/St. Magnus. Bereits zum elften Mal rief der Nabu gemeinsam mit dem bayerischen Landesbund für Vogelschutz zur bundesweiten Zählaktion „Stunde der Wintervögel“ auf. Von Freitag, 8. Januar, bis Sonntag, 10. Januar, konnte jeder eine Stunde lang die Vögel am Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zählen und dem Nabu melden. An der größten wissenschaftlichen Mitmachaktion Deutschlands hatten sich im Jahre 2020 mehr als 143.000 Menschen beteiligt. Wir wollten wissen, wie das ist, wenn man selber eine Stunde lang Vögel bestimmt und zählt: Zwei Mitarbeiter der NORDDEUTSCHEN stellen sich für den Selbstversuch zur Verfügung.

Marina Köglin aus Aumund-Hammersbeck zählt auf ihrer Terrasse: Das Futterhäuschen wird noch einmal mit Erdnussbruch, Haferflocken, Sonnenblumenkernen und Meisenknödeln ausgestattet, für die Amseln liegt ein halber Apfel im Gras. Auch der Beobachtungsposten am Fenster ist startklar: zwei Vogelbestimmungsbücher, ein Fernglas, eine Thermoskanne mit heißem Kakao, Zettel und Stift. Es dauert ein bisschen, aber plötzlich sind sie da: drei Amseln und zwei Blaumeisen. Und kurz darauf entern gleich elf Spatzen mit ausdauerndem Gezwitscher das Futterhäuschen. Die Liste der beobachteten Vögel füllt sich weiter: zwei Rotkehlchen, die sich durch den Efeu jagen, eine Heckenbraunelle, eine Wacholderdrossel und zwei Türkentauben. Die beiden hellgrauen Vögel mit dem dunklen Halsring passen nicht ins Futterhäuschen; sie picken vom Rasen auf, was den kleineren Kollegen heruntergefallen ist. Und schließlich – die Weser ist nicht allzu weit entfernt – tauchen auch drei Lachmöwen auf. Sie kreisen ein Weilchen über dem Garten und fliegen dann wieder davon. Werden die drei nun mitgezählt oder nicht? Die Nabu-Homepage gibt eine eindeutige Antwort: „Der Luftraum zählt dazu“, ist dort zu lesen. Also landen auch die Lachmöwen auf der Liste. Im Gegensatz zum Grünfink. Vor Jahren noch ein häufiger Gast in unserem Futterhäuschen, haben wir nun seit einigen Wintern keinen mehr gesehen - laut Nabu-Homepage ein deutschlandweiter Trend: „Seit 2011 nimmt diese Art von Jahr zu Jahr um 12 Prozent ab.“ Mit elf Vertretern ist der Hausspatz der unangefochtene Gewinner meiner Zählung. Auf den nachfolgenden Rängen hat die Amsel knapp den Schnabel vorn; vier waren gleichzeitig im Garten zu sehen. Mit jeweils drei Exemplaren folgen Blaumeisen, Kohlmeisen – und die Lachmöwen. Zwei Rotkehlchen, zwei Türkentauben, eine Wacholderdrossel und eine Heckenbraunelle finden sich ebenfalls auf der Liste. Kleiber, Buchfink, Buntspecht und Zaunkönig – sonst öfter in unserem Garten unterwegs – lassen sich heute nicht blicken und bleiben somit ungezählt.

Jörn Hildebrandt aus St. Magnus beobachtet einen Garten, in dem es kein Winterfutterangebot für Vögel gibt. Kann der da mithalten? Es ist morgens 10 Uhr, kein Mensch ist im Garten, die Tierwelt bleibt also ungestört. Mit dem Fernglas suche ich nach und nach das Gelände ab und reagiere blitzschnell, wenn sich im Garten etwas bewegt: Zwei Blaumeisen landen auf dem Obstbaum, sie suchen Zweige und Gelbflechten an den Ästen nach Nahrung ab. Wenig später machen sich zwei Buchfinken im Schmetterlingsstrauch über die Blütenstände her, eine Amsel pickt am Boden, und bald darauf kommen eine Kohlmeise und eine Singdrossel hinzu. Nach wenigen Minuten sehe ich den Garten wie zum ersten Mal – und freue mich über die immer länger werdende Artenliste. Und ich merke, wie eine gewisse innere Ruhe einkehrt, die mit großer Aufmerksamkeit verbunden ist.

Doch bei meiner Zählung von insgesamt acht Blaumeisen kommen auch Zweifel auf: Sind es nicht immer dieselben Tiere, die in Baum und Strauch herumturnen? Denn es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen: Vögel fliegen aus dem Garten weg oder fliegen ein. Und ich kann die Blaumeisen nicht individuell unterscheiden – Fehler in der Statistik lassen sich wohl nicht vermeiden.

Nach etwa einer halben Stunde kommen keine neuen Arten zu den zehn registrierten hinzu – mehr als ich erwartet hätte. Denn auch wenn im Garten kein Häuschen mit Winterfutter steht, ist die Vogelwelt doch relativ reich: Bäume und Sträucher bieten vielfältige Strukturen und Nahrungsräume auch im Winter, und der etwas „ungepflegte“ Zustand des Gartens kommt dem Artenreichtum zugute.

Nach dem intensiven Beobachten hat der Garten für mich eine weit größere Bedeutung, ich sehe ihn mit anderen Augen: als wichtigen Lebensraum für Mitgeschöpfe. Nicht zuletzt habe ich mitten in der Pandemie eine erlebnisreiche Auszeit erlebt. Die „Stunde der Wintervögel“ tut also gleich doppelt gut: Sie vermittelt ein intensives Naturerlebnis – und sie liefert wissenschaftliche Daten, auch wenn diese nicht ganz lupenrein sein dürften. Nachdem auch unter den Blaumeisen im vergangenen Frühjahr eine Pandemie durch ein Bakterium aufgetreten ist und die Art deutlich zurückging, scheinen sich ihre Bestände wieder erholt zu haben – zumindest an zwei Standorten in Bremen-Nord.

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