Großenkneten

Nachbar klagt erfolgreich gegen Hühnermaststall

Der erst seit März in Betrieb genommene Maststall in Amelhausen muss nach der Entscheidung des Niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts vorerst schließen. Nachbar Uwe Behrens hatte acht Jahre dafür gekämpft.
03.10.2018, 22:27
Lesedauer: 4 Min
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Nachbar klagt erfolgreich gegen Hühnermaststall
Von Nico Schnurr
Nachbar klagt erfolgreich gegen Hühnermaststall

Wo sein Hof aufhört, fangen die Probleme an: Uwe Behrens blickt auf den umstrittenen Hähnchenstall in Amelhausen.

Christian Platz

Die Front verläuft gleich hinter dem Haus. Uwe Behrens tritt aus der Tür, über den Hof, rechts stapelt sich Feuerholz, links scharren die Hühner in ihrem Gehege. 20 sind es, zu viele, findet Behrens, aber die sind nicht sein Problem. Das Geflügel, an dem er sich wirklich stört, ist in einem fensterlosen Rotklinkerbau untergebracht. In Sichtweite, etwa 250 Meter entfernt.

Behrens steht jetzt da, wo sein Hof aufhört und der Konflikt anfängt, der mal eine Nachbarschaftssache im Großenkneter Ortsteil Amelhausen war und inzwischen ein Rechtsstreit ist, der die niedersächsische Tiermast verändern könnte.

Über Uwe Behrens, einem Mittvierziger in Karohemd, ranken sich die Äste seiner Apfelbäume, vor ihm liegt eine Fläche, die zur Hälfte Weide ist, zur Hälfte Acker. Die Wiese gehört ihm, er hat sie verpachtet. Behrens nennt sie „die grüne Grenze“. Dahinter beginnt das Grundstück einer Hähnchenfarm. Ein Stall, knapp 30.000 Tiere.

Ein süß-säuerlicher Gestank

Auf dem Dach reihen sich Rohre auf, die verschmutzte Luft aus der Anlage pusten. Wenn der Wind aus Südwesten weht, müsse er bloß die Haustür öffnen, sagt Behrens, dann rieche er die Abluft aus dem Stall. Ein süß-säuerlicher Gestank, beißend, kaum aus der Nase zu bekommen.

Acht Jahre ist es her, da erfuhr Behrens, dass ein großer Mastbetrieb in die Nachbarschaft ziehen soll. Seitdem hat er versucht, das zu verhindern. Jetzt ist Behrens und seinen Mitstreitern, dem Naturschutzbund und dem Bündnis Mensch-Tier-Umwelt, ein Teilerfolg gelungen. Bald wird es nicht mehr stinken auf seinem Hof. Der Maststall, erst seit März in Betrieb, muss schließen.

Noch im April hatte das Oldenburger Verwaltungsgericht den Antrag auf Betriebsstopp abgewiesen. Nun hat das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht entschieden, dass die Hähnchenfarm vorerst geschlossen werden muss. Die Lüneburger Richter stellten in einem Eilverfahren fest, dass der Maststall zu Unrecht genehmigt worden war. Amelhausen ist kein Ort im eigentlichen Sinn, eher ein dünn besiedelter Landstrich an der Hunte. Vereinzelte Bauernhäuser, gelegen zwischen zwei Mooren.

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Im Planungsrecht nennt man so etwas einen Außenbereich. Wer hier bauen will und nicht etwa im Gewerbegebiet, braucht eine sogenannte landwirtschaftliche Privilegierung. Die Gemeinde müsste wirtschaftlich besonders auf den Betrieb angewiesen sein. Daran äußerten die Richter Zweifel. Deshalb wird der Stall vorerst geschlossen. Mindestens solange, bis auch das Verfahren am Oldenburger Gericht beendet ist.

Für den Betreiber, Kreislandwirt Jürgen Seeger, ist das eine kleine Katastrophe. Die Raten des Kredits wird er weiter abtragen müssen, doch Geld bringt ihm der Stall nun erstmal nicht mehr ein. Seeger sagt: „Die Anwohner tun so, als hätten wir die Massentierhaltung erfunden, dabei sind wir ein normaler Familienbetrieb.“ Für betroffene Anwohner in anderen Gemeinden dürfte der Fall dagegen zum Vorbild werden.

Entwicklung soll insgesamt gestoppt werden

Sie könnten sich künftig auf das Urteil beziehen, wenn sich ein Mastbetrieb im Außenbereich ansiedeln will. „Es geht uns nicht nur darum, diesen einen Betrieb aufzuhalten, sondern die Entwicklung insgesamt zu stoppen“, sagt Uwe Behrens. „Die Tiermasthaltung ist in der ganzen Region aus dem Ruder geraten.“

Geplant hatte Behrens das alles nicht. Seit Generationen lebt seine Familie in dem Bauernhaus in Amelhausen. Früher hielten seine Eltern Schweine, aber das kümmerte ihn kaum. Behrens, Berufsschullehrer, wäre wohl kein Aktivist geworden, wenn die Tiermast nicht zu ihm gekommen wäre.

Er wollte nun wissen, was das bedeutet, einen großen Mastbetrieb ein paar Wiesen weiter stehen zu haben. Er begann, sich um den Wert seines Bauernhauses zu sorgen, auch um die Natur. Heute isst Behrens nur noch am Wochenende Fleisch, nicht mehr täglich. Er spricht so detailliert über Tierschutz und Baurecht, als wäre das Gebäude hinter der grünen Grenze, wie er sagt, sein eigener Stall.

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Etwa 900 Kilogramm Feinstaub würde die Anlage im Jahr ungefiltert ausstoßen, schätzt Behrens. „Man muss kein Mediziner sein, um festzustellen, dass es nicht gesund sein kann, in so einer Umgebung zu leben.“ Behrens glaubt, der Betrieb würde damit auch dem benachbarten Naturschutzgebiet schaden, seltene Pflanzenarten könnten verschwinden. Die Richter sehen das ähnlich. Im Urteil heißt es, der Maststall „beeinträchtigt die Belange des Naturschutzes und der Landschaftspflege“ in Amelhausen.

Wenn Behrens über seine Wiese schaut, auf das Gelände der Hähnchenfarm, dann sieht er da aber nicht bloß einen Nachbarschaftskonflikt, sondern ein landesweites Problem. Etwa zwei Drittel aller deutschen Masthähnchen kommen aus Niedersachsen. Zwischen 2000 und 2014 hat sich die Zahl der Masthähnchen allein im Landkreis Oldenburg auf sechs Millionen Tiere verdreifacht. „Ich will, dass die Zahlen irgendwann wieder sinken“, sagt Behrens. „Das vermeintliche Billigprojekt Megastall kommt am Ende allen teuer zu stehen.“

Kritiker sitzt nun im Gemeinderat

Inzwischen sitzt Behrens im Großenkneter Gemeinderat. Die Schuld sieht er weniger bei den Landwirten, eher bei der Politik. Über Jahre hätte die Kommunal- und Landespolitik in Niedersachsen den Bauern Mut gemacht, indem sie jeden Antrag zum Bau neuer Mastbetriebe genehmigt hätte. Behrens glaubt: Nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts dürfte sich das künftig ändern. Er könnte seine Zeit auch sinnvoller nutzen, als sich über Hähnchenfarmen zu informieren, dachte er. Damals, als er von den Plänen erfuhr. Acht Jahre ist das her. Heute sieht Uwe Behrens das anders.

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