Nachhaltigere Lebensmittelerzeugung

Wissen, woher das Essen kommt

Wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert, zeigen Highlandcattle Westertimke und der Eickedorfer Demeter-Hof mit seiner solidarischen Landwirtschaft. Wer sich dort versorgt, weiß, woher das Essen kommt.
11.08.2020, 10:44
Lesedauer: 6 Min
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Von Johannes Heeg
Wissen, woher das Essen kommt

Markus Sparre wirft den frei laufenden Schweinen in Westertimke frische Blumen und Gras über den Zaun.

CARMEN JASPERSEN

Landkreise Rotenburg/Osterholz. Landwirtschaft und Nachhaltigkeit, das ist ein weites Feld. Wo fängt man da an und wo hört man auf? Beim dramatischen Insektenrückgang? Bei der Überdüngung der Felder, der flächendeckenden Verseuchung des Grundwassers? Beim Antibiotikaeinsatz im Futter, beim Raubbau im Amazonas, der Klimakrise? Beim krank machenden Konsum von Billigfleisch und der Ausbeutung der Arbeiter in den Schlachtbetrieben?

Vielleicht schauen wir uns einfach mal eine andere Landwirtschaft an. Eine, die nicht industriell geprägt und auf den Weltmarkt ausgerichtet ist, sondern eine, die kleinteilig, saisonal und regional arbeitet, weitgehend ohne Chemie und Medikamente auskommt und sich dem Tierwohl verpflichtet fühlt. Dafür müssen wir nicht weit fahren, eine Tour nach Westertimke genügt. Markus Sparre und seine Frau Jenny, 34 und 33 Jahre alt, halten dort Schweine und Rinder auf eine Art, die völlig aus der Zeit gefallen scheint.

Außerhalb des Dorfes stehen Deckbulle Lasse, die sieben Kühe, die er regelmäßig begatten darf, und der Nachwuchs auf einer 40 000 Quadratmeter großen artenreichen Wiese mit ihren 50 verschiedenen Gräsern, Blumen und Kräutern. Davon ernähren sich die insgesamt 35 Hochlandrinder, mit ihren langen Hörnern und dem zotteligen langen Fell – die Namensgeber für den 2016 gegründeten Betrieb, der Highlandcattle Westertimke heißt. Und wenn es den Tieren in der prallen Sonne zu heiß wird oder sie sich den Rücken oder den Hals schubbern wollen, trotten sie in den benachbarten Wald. Der ist mit zwei Hektar so groß, dass man manchmal vor lauter Bäumen die Rindviecher gar nicht sieht. Zauberwald nennen die Sparres das Areal, weil es wegen der teilweise verwachsenen Bäume tatsächlich märchenhaft anmutet.

ROW_Nachhaltigkeitsserie: Highlandcattle und Schweine Westertimke

Ein Highlandrind steht im Wald unter einem Baum.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Am anderen Ende des Dorfes, in der Nähe des kleinen Segelflugplatzes, liegt das zweite Tierparadies der Familie Sparre. Bunte Bentheimer Schweine tummeln sich hier auf einer 5000 Quadratmeter großen Weide, einige Durocs und Wollschweine sind darunter sowie Rotbunte Husumer Schweine, auch Dänische Protestschweine genannt. „Die sind das ganze Jahr draußen“, erklärt Markus Sparre, bei Wind und Wetter, bei Schnee, Regen und Sonne. Jedes Tier habe etwa 80 Quadratmeter Platz für sich. Die gesetzliche Mindestanforderung liege bei einem Quadratmeter pro 100-Kilo-Schwein, bei Biobetrieben würden 2,2 Quadratmeter gefordert. „Hier können sie faulenzen, suhlen oder miteinander spielen, sie können sich aber auch aus dem Weg gehen“, so Sparre. Schweine seien sehr soziale Tiere, zudem neugierig und, wie Sparre sagt, „intelligenter als Hunde und Katzen“.

Agrarmanagement draufgesattelt

Sparre ist gelernter Landwirt und hat später noch eine Technikerausbildung und ein Masterstudium in Agrarmanagement draufgesattelt. Er kommt aus der konventionellen Landwirtschaft, könne diese in ihren Auswüchsen aber nicht mehr vertreten, sagt er. Marktbeherrschende Oligopole hätten ein System geschaffen, das letztlich allen schade: dem Landwirt, den Tieren, den Verbrauchern und der Umwelt. Mit seinem Betrieb sehe er sich „zwischen Bio und konventionell“, was er bei Führungen mit Kunden und Interessierten gerne erkläre. So stamme das Futter zwar aus konventionellem Anbau, komme aber aus der Region. Soja gebe es gar nicht, dafür aber reichlich Fallobst aus dem Dorf. Geschlachtet würden die Tiere ausschließlich in kleinen handwerklichen Betrieben. „Großschlachtereien kommen für uns nicht infrage“, so Sparre.

Die Tiere wachsen langsamer als in der Intensivmast, was besser sei für die Qualität des Fleisches. „Weil wir mit der Natur arbeiten, haben die Tiere im Winter mehr Speck auf den Rippen als im Sommer“, sagt Sparre. Verwertet werde so gut wie alles, auch die Ohren, Schwänze und Pfötchen sowie die Innereien. Von Tieren, deren Fleisch im Supermarkt lande, werde hingegen ein Drittel weggeschmissen, schätzt Sparre, der den Hof vom Vater gepachtet hat. Seit 1750 werde er von der Familie bewirtschaftet. Der Betrieb entwickle sich gut, seine Arbeit werde von der Kundschaft, die ihn fleißig weiterempfehle, aber auch im Dorf wertgeschätzt. Zweiflern sagt er selbstbewusst: „Vielleicht muss man die Sache einfach mal richtig machen.“

Das meiste ist Handarbeit auf dem Eickedorfer Demeter-Hof von Nils Henken, auch im Tomatengewächshaus.

Nils Henken betreibt in Eickedorf solidarische Landwirtschaft.

Foto: Bernd Kramer

Ebenfalls einer nachhaltigen Landwirtschaft verschrieben hat sich Nils Henken, der seit Anfang 2018 den Eickedorfer Demeter-Hof bewirtschaftet. Seit 1962 wird hier biologisch-dynamisch gearbeitet im Sinne des Demeter-Anbauverbandes, und der 29-Jährige hat das Projekt um einen Aspekt erweitert: solidarische Landwirtschaft als Vermarktungsweg für die Produkte. Inzwischen versorgt der Hof nicht nur seine Bewohner, sondern weitere 35 Familien mit frischem Gemüse, Eiern und Fleisch. Henken hofft, dass seine „Solawi“ bald 50 Mitglieder hat. Die jetzigen kommen aus Grasberg, Lilienthal, Tarmstedt, Wilstedt und Fischerhude, also aus einem Umkreis von etwa zehn Kilometern, jeden Donnerstag auf den Hof.

Solidarische Landwirtschaft heißt laut Henken: „Die Kunden sind keine Kunden, sondern Mitglieder und zahlen einen monatlichen Beitrag.“ Solidarische Landwirtschaft funktioniert anders als Einkaufen im Supermarkt, und sie ist eine Mischkalkulation. Henken und sein Team stellen am Abholtag alles bereit, was reif ist. Der Monatsbeitrag beträgt sommers wie winters 65 Euro pro Erwachsenen, für Familien 130 Euro. Wenn die Erntezeit beginnt und der Abholtisch üppig bestückt ist, sei die Auswahl natürlich größer als im Frühling oder Winter.

Wesensgemäße Tierhaltung

„Fast alles ist Handarbeit“, sagt Henken. Er packt nicht alleine an. Der Hof ist Arbeitsplatz und Lebensort für Menschen mit Hilfebedarf, wie es in der von Rudolf Steiner begründeten anthroposophischen Denkweise heißt. Sie sitzen auf dem Trecker oder jäten und ernten mit. Dieser soziale Teil, der in der Verantwortung von Sinclair und Birgit Tiersch steht, sei eine Einnahmequelle des Hofes. Mit dem Aufbau der Solidarischen Landwirtschaft will Henken für den Eickedorfer Hof ein zweites Standbein schaffen. Für eine kleine, vielfältige Landwirtschaft sei sie die beste Vermarktungsform. Und: „Es gibt immer mehr Menschen, denen es wichtig ist, zu wissen, wo ihr Essen herkommt.“

Auf eine Tafel schreibt Henken, ob für jede der Familien nur eine Gurke bestimmt ist oder so viele sie wollen. Grundsätzlich gilt: „Jeder nimmt sich nach Bedarf.“ Von dem, was da ist. Das basiere natürlich auf Vertrauen, was nicht nur durch den Abholtag wachsen kann, wenn auch jede Menge Kinder über den Hof toben und die Erwachsenen beieinander sitzen und sich unterhalten. Mehrfach im Jahr veranstaltet Henken gemeinsame Jäte- und Ernteaktionen. Interessierte können das System einen Monat testen und danach entscheiden, ob sie dabei bleiben wollen.

Ein Demeter-Hof zu sein, bedeutet den Verzicht auf chemische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger. Stattdessen setzen die Landwirte auf einen geschlossenen Betriebskreislauf und die wesensgemäße Tierhaltung. Auf Henkens Weide grasen sieben Mutterkühe, daneben scharren Hühner. Die ziehen mit ihrem Bauwagen regelmäßig auf der Wiese um, damit sie nicht im kahl gepickten Dreck wühlen müssen. Zum Eickedorfer Hof gehören außerdem drei Ziegen, zwei Schweine, vier Ponys, und zwei Bienenvölker.

Info

Zur Sache

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Highlandcattle Westertimke, der Betrieb von Markus Sparre und Jennifer Schröter-Sparre, sitzt in Westertimke an der Dorfstraße 2. Fragen zu ihren Tieren, zu Hofbesichtigungen oder zum Einkaufen beantworten sie unter der Telefonnummer 0160/8967824 oder per E-Mail an highlandcattle-westertimke@gmx.de; Facebook: Highlandcattle Westertimke

Nils und Rebecca Henken betreiben ihre solidarische Landwirtschaft (Solawi) an der Eickedorfer Straße 31 in Grasberg. Der Betrieb ist unter Telefon 04208/895913 sowie per E-Mail an kontakt@eickedorfer-hof.de zu erreichen. Die Homepage informiert über den Hof, dessen Bewohner und Tiere: www.eickedorfer-hof.de

Direktvermarkter in der Nähe sind auf verschiedenen Internetseiten zu finden. Das Portal bioeinkaufen.de ist für Hof- und Naturkostläden, Wochenmarktstände und Bio-Supermärkte da. Die Regio-App für Regionalinitiativen vom Bundesverband Regional­bewegung zeigt Anbieter im Umkreis von 150 Kilometern (www.regioapp.org/regionales-finden). Informativ ist auch die Seite www.service-vom-hof.de der Landwirtschaftskammer. Unter artgemaess-einkaufen.de findet man Fleisch von Rind, Schwein und Geflügel, das nach den strengen Neuland-Regeln erzeugt wird. Die Halter versprechen dank artgerechter Haltung mehr Tierwohl.

Der im Mai veröffentlichte „Bericht zur Lage der Natur“ des Bundesamts für Naturschutz ist unter www.bfn.de/fileadmin/BfN/natura2000/Dokumente/bericht_lage_natur_2020.pdf abrufbar. Zum Insektensterben gibt es auch Informationen von den Naturschutzverbänden, zum Beispiel unter www.nabu.de, www.bund.net, www.duh.de.

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