Kirche in Zeiten von Corona Nähe neu definiert

Alles wird verschoben, was zu verschieben ist, und persönliche Kontakte werden auf das absolut Notwendige beschränkt: Für die Kirchengemeinden in der Region bedeutet das eine besondere Herausforderung.
20.03.2020, 20:09
Lesedauer: 5 Min
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Von Antje Borstelmann, Brigitte Lange und Michael Schön

Osterholz-Scharmbeck. Nähe – für all jene, die in der Kirche, in kirchlichen Einrichtungen oder seelsorgerisch tätig sind, ist dieser Begriff seit eh und je besonders besetzt. Nähe im Sinne von Kirche steht nicht zuletzt dafür, den Menschen nahe zu kommen, nahe zu sein, zusammen zu sein, zusammenzukommen. Jetzt, in Zeiten von Corona, muss das ganz neu definiert werden. „Es ist eine schwierige Situation für uns“, räumt Jutta Rühlemann, Superintendentin des Kirchenkreises Osterholz-Scharmbeck, ein. Natürlich halte man sich strikt an die Vorgaben – und die Maßnahmen auch für notwendig und richtig; aber dies enge den Handlungsspielraum der in der Kirche Tätigen natürlich drastisch ein. „Wir versuchen, Präsenz zu wahren. Wir sind da und machen alles möglich, was unter diesen Bedingungen geht“, versichert Rühlemann.

Seit Montag sind die Kirchen geschlossen, Einrichtungen des Diakonischen Werks im Kirchenkreis wie Tafel und Gästehaus bleiben zu. Die Kapellen auf den Friedhöfen dürfen nicht mehr für Trauerfeiern genutzt werden, Beerdigungen „werden nur noch auf dem Friedhof in angepasster Form gehalten“ – meint, im allerengsten Familienkreis. Es sei nicht einfach, die Menschen darauf einzuschwören, sagt Rühlemann. Zwar seien die meisten von ihnen sehr einsichtig, doch die Großwetterlage überfordere doch auch viele Trauernde, die ohnehin in einer Ausnahmesituation stecken.

Messen ohne Gemeinde

Betroffen sind jedoch auch die freudigen Ereignisse. „Wir haben schon einige Hochzeits-Absagen, die ins nächste Jahr verschoben wurden“, so Jutta Rühlmann. Verschiebungen gibt es ferner für Taufen und überhaupt für alles, was planbar ist. So habe man am Mittwoch darüber gesprochen, die anstehenden Konfirmationen ebenfalls aufzuschieben. „Es wurde angeregt, sie – Stand jetzt – in den September zu verlegen. Für die Jugendlichen wäre das eine Vollbremsung, und die Familien brauchen Klarheit", so Rühlemann. Sie sei sich bewusst, was an der Einsegnung in der Regel so alles hängt. Die Kirchengemeinde Beverstedt hat diesbezüglich bereits Nägel mit Köpfen gemacht und die Konfirmationen aller drei Gruppen auf den 13. September um 9.30 Uhr und 11.30 Uhr verlegt.

Auch für Jozef Lagowski von der katholischen Pfarrgemeinde Heilige Familie ist die Corona-Krise eine „anstrengende Zeit“. Zu den Ausfällen, die zu beklagen sind, zählt neben den Gottesdiensten zunächst einmal die Feier der Erstkommunion, die in der katholischen Kirche des Westens von Kindern empfangen wird, die das sogenannte Vernunftalter (in der Regel drittes Schuljahr) erreicht haben. „Geplant war sie für den Mai, neuer Termin ist im September, wenn sich die ganze Sache hoffentlich beruhigt hat“, berichtet der Pfarrer. Dass von den im 14-tägigen Rhythmus abgehaltenen Vorbereitungstreffen die letzten drei nicht mehr stattfinden können, halte er nicht für besonders tragisch. Betroffen sind in den vier Filialkirchen etwa 40 Kinder.

Die Heilige Messe feiert Lagowski gegenwärtig ohne Gemeinde (und daher auch ohne den Eröffnungsgruß „Der Herr sei mit Euch“), dafür aber zu den Zeiten, an denen es ihm beliebt und die in seinen Terminkalender passen; der sei von etlichen Gesprächen mit Gläubigen geprägt, die seelsorgerischen Beistand benötigen oder einfach Rat und Trost suchen. „Die Menschen sind unsicher, fürchten um die Gesundheit von Familienangehörigen und Freunden oder haben Existenzängste beruflicher Natur.“ Gerade sind zwei im Gemeindehaus am Waldweg angemeldete Taufen abgesagt worden, und im Mai fallen zwei geplante Hochzeiten aus. Trauergespräche sind noch erlaubt, aber nur unter den bekannten Beschränkungen.

Die Liturgien sollen „angepasst“ und gekürzt werden. Dazu hat Lagowski gerade eine E-Mail bekommen, in der das Bistum Hildesheim seine Mitgliedsgemeinden auffordert, jeden Tag um 21 Uhr die Glocken zur Ankündigung des gemeinschaftlichen Abendgebets zu läuten.

Lagowski weiß, dass der Glaube in schwierigen Zeiten eine starke Stütze sein kann. Dass sich aber die Kirchen nach dem Ende der Coronavirus-Krise wieder füllen werden, bezweifelt er: „Das hat alles zwei Seiten. Manche Menschen nutzen diese Zeit, um innezuhalten, nachzudenken oder Dinge zu erledigen und Gespräche im Familienkreis zu führen, andere sind verzweifelt – und zweifeln auch im Glauben.“

„Noch mehr Hygiene und mehr Absprachen“, fasst Jutta Rühlemann die derzeitige Arbeitsweise all jener Kollegen zusammen, die normalerweise aufsuchende Seelsorge betreiben. Hans Jürgen Bollmann ist Notfallseelsorger im Sprengel Stade, Krankenhausseelsorger und pastoraler Leiter der stark diakonisch ausgerichteten Martinskirchengemeinde in Lilienthal. Zurzeit ist das Telefon sein wichtigster Helfer. Denn nur damit kann er mit Kranken und anderen Hilfesuchenden sprechen. „Das ist eigentlich nicht der Stil der Seelsorge“, sagt er. Aber er habe klare Vorgaben – auch von der Landeskirche. Allerdings gebe es auch Ausnahmen, in denen er direkte Seelsorge leisten könne: in Rücksprache mit den Zuständigen und in Schutzkleidung.

Zur Martinsgemeinde gehörten wiederum viele Menschen mit Förderbedarf. Dass nun gar kein Körperkontakt mehr erlaubt sei, kein Händeschütteln, keine Umarmung, das könnten viele nicht verstehen. Selbst die Glocken der Martinskirche könnten sie nicht – als Zeichen der Solidarität – läuten. Denn dann kämen die Gemeindemitglieder, die einen Förderbedarf hätten, zum Gotteshaus. „Für sie würde das bedeuten, dass Gottesdienst ist“, erzählt Bollmann. „Das verstehen viele von ihnen nicht; sie verstehen nicht, was mit einem Mal mit der Welt passiert.“

Kein Geburtstagsbesuch

Das gelte auch für die Dame, die er eigentlich zu ihrem 90. Geburtstag besuchen wollte, und nun nur noch anrufen könne. „Geburtstagsbesuche fallen derzeit aus“, bestätigt Jutta Rühlemann, man versuche das mit Post und Telefon auszugleichen. Auf die sonst so typische und wichtige Nähe jedenfalls, wie sie zum Beispiel in der Martinsgemeinde gelebt werde, müsse nun verzichtet werden „Das müssen wir jetzt aushalten, auch wenn es schwer fällt“, sagt Bollmann.

Die Kolleginnen und Kollegen im Kirchenkreis seien dennoch zuversichtlich, so Jutta Rühlemann. So gibt es unterdessen schon viele Ideen, Gemeindeleben auch ohne direkten Kontakt aufrecht zu erhalten, Online-Medien zu nutzen oder ganz neue Formate auszuprobieren. Die Kirchengemeinde Beverstedt etwa bietet ab sofort eine öffentlich zugängliche Möglichkeit zur persönlichen Andacht unterm Kirchenvordach an. Dort finden sich wechselnde Texte zum Lesen; eine Kerze brenne durchgängig bis zum Ende der Pandemie, ein Kreuz lade zur Andacht ein.

Und Birgit Spörl, Pastorin der Kirchengemeinde St. Johannes Ritterhude, will zusammen mit Kollegen jeweils zum Wochenende „Texte zum Nachdenken, vielleicht auch Lächeln, mit einem gesellschaftlichen Bezug und auf christlicher Grundlage“ online auf den Homepages der Gemeinden und – ab dem nächsten Sonnabend – auch im OSTERHOLZER KREISBLATT veröffentlichen.

Dennoch: „Diese Krise wird uns alle beeinflussen und beeinträchtigen“, ahnt Superintendentin Rühlemann. Sie hofft und setzt aber gleichzeitig darauf, dass es auch eine Zeit der Besinnung wird, eine Möglichkeit, das direkte Umfeld wieder stärker in den Fokus zu nehmen und zu fragen, was man im Leben eigentlich wirklich brauche.

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