Nahversorgung auf dem Land

Wie ein Dorf in Niedersachsen sein letztes Geschäft rettet

Zwei Drittel der Landbewohner können ihre Einkäufe nicht mehr zu Fuß erledigen. In manchen Dörfern werden die Wege immer weiter. Und in Otterstedt tun sie sich zusammen, um den letzten Laden im Ort zu retten.
10.01.2021, 11:00
Lesedauer: 7 Min
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Wie ein Dorf in Niedersachsen sein letztes Geschäft rettet
Von Nico Schnurr
Wie ein Dorf in Niedersachsen sein letztes Geschäft rettet

Nach 136 Jahren hat Bergstedt dicht gemacht. Die Otterstedter sorgen dafür, dass der letzte Laden im Ort wieder öffnet.

Fabian Wilking

Das letzte Geschäft steht leer. Die Fenster sind mit Zetteln beklebt, die Jalousien geschlossen, die Fassaden verblichen. Das Kaufhaus Bergstedt wirkt von außen eher wie ein Ort, an dem etwas endet, nicht wie einer, an dem etwas beginnt. Doch der Eindruck täuscht.

Kommen Sie rein, sagt Dietmar Plath und zieht die Tür zum Laden auf. Ein paar Schritte später steht er auf einer Baustelle, nackte Wände, kein Bodenbelag. Überall Schutt, wo der letzte Lebensmittelladen in Otterstedt war und bald wieder einer sein soll. Plath ist Sprecher der Dorfbewohner, die sich zusammengetan haben, um dafür zu sorgen. Er führt im Herbst durch den Raum, deutet in leere Ecken, dorthin die neue Kasse, daneben die Kühlschränke. Etwas Fantasie braucht es gerade noch, sagt Plath, aber es dauert nicht mehr lange, dann kann man in Otterstedt wieder einkaufen.

Gefährlicher Trend

Wenn in einem kleinen Ort im Landkreis Verden, 40 Autominuten von Bremen entfernt, ein Dorfladen eröffnet, wäre das früher kaum eine Nachricht gewesen. Dass es heute anders ist, liegt an einem gefährlichen Trend: Die Lebensbedingungen zwischen Stadt und Land haben sich immer schon unterschieden, aber seit einer Weile drohen sie, auseinander zu driften. In manchen ländlichen Regionen ist heute schwer vorstellbar, was in jeder Stadt als selbstverständlich gilt: Funktionierendes Internet. Eine Arztpraxis im Umkreis. Eine Schule in der Gegend.

Die Bundesregierung hat auf die Debatten um abgehängte Dörfer reagiert. Vor zwei Jahren hat sie eine Kommission einberufen, die für gleichwertige Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land sorgen soll. Was es heißt, wenn diese gleichwertigen Bedingungen in Gefahr sind, wenn das Selbstverständliche plötzlich nicht mehr gilt, wird immer dann besonders deutlich, wenn der letzte Lebensmittelladen in einem Dorf schließt.

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Vergangenen August ist es in Otterstedt soweit. Das Kaufhaus Bergstedt macht dicht, nach 136 Jahren. Die Inhaber, ein Ehepaar um die 80, gehen in Ruhestand. Früher hatte es einige Händler in dem kleinen Ort gegeben. Längst alle weg. Und nun auch noch Bergstedt. Ein Kaufhaus, an das alle im Dorf Erinnerungen knüpfen, ein Ort, wo die Betreiber ihre Kunden seit deren Kindheit kennen. Wo so viel Wolle in einem alten Eichenregal lagert, dass keiner weiß, wer das alles jemals wegstricken soll. Wo man den Einkauf anschreiben kann. Wo sie am Tresen keine moderne Kasse brauchen, weil es auch der alte Taschenrechner tut. Bergstedt, das letzte Geschäft von Otterstedt, soll einfach so verschwinden?

„Der Laden war immer da“, sagt Dietmar Plath, „das Dorf würde sich verändern, wenn er plötzlich weg wäre.“ In einem Geschäft wie Bergstedt, so sieht er das, versorgen sich die Leute auf dem Land nicht nur mit Brötchen und Gemüse, sondern auch mit Neuigkeiten. Ein Mittelpunkt des Dorfes, ein Ersatzmarktplatz. Wenn Bergstedt dicht bliebe, befürchten sie in Otterstedt, würde im kleinen Ort nicht nur die materielle Nahversorgung auf dem Spiel stehen, auch die emotionale.

Lebendige Gemeinschaft

Wenn man Dietmar Plath fragt, warum er nie woanders gelebt hat als in Otterstedt, erzählt er von Reisen mit dem Papst nach Angola, Audienzen beim König von Tonga und Treffen mit Astronaut Neil Armstrong. Plath ist Luftfahrtfotograf. Einer, der von sich sagt, so ziemlich alles gesehen zu haben, was es auf der Welt zu sehen gibt. Bhutan, Papua-Neuguinea, kein Ziel zu exotisch. 130 Länder, viermal so viele Flughäfen. Jeden Monat in die Maschine, eine Woche weg, 25 Jahre lang. Ein rastloses Arbeitsleben, kaum Zeit, Freundschaften zu pflegen. Wenn er von seinen Reisen zurückkommt, ist dennoch alles so, als wäre er nie weg gewesen: das Dorf, die Nachbarn, die Gemeinschaft.

„Otterstedt ist keiner dieser Orte rund um Bremen, in denen die Leute nur schlafen“, sagt Plath, „hier funktioniert noch vieles von dem, was in anderen Dörfern verloren gegangen ist.“ Es gibt eine freiwillige Feuerwehr ohne Nachwuchssorgen und einen Schützenverein, der Feste veranstaltet. Es gibt ein plattdeutsches Theater, das mehr Schauspieler hat als zu vergebende Rollen.

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Als die Grundschule schließen soll, streikt der Ort. Die Eltern schicken ihre Kinder so lange nicht zum Schulunterricht, sondern zum Lehrer nach Hause, bis eine Lösung gefunden ist und die Schule bleiben kann. Als die örtliche Gemeinde das Gehalt des Pastors nicht mehr zahlen kann, gründen sie im Ort eine Stiftung, die monatlich einen Teil der Summe übernimmt. Und als Bergstedt im Sommer dicht macht, da ist natürlich längst klar, dass dieser kleine, widerspenstige Ort nicht einfach so hinnimmt, dass das letzte Geschäft verschwindet.

Was sie in Otterstedt verhindern, passiert anderswo in Deutschland immer wieder. Zwischen 1970 bis 2012 ist die Zahl der Lebensmittelgeschäfte um mehr als 75 Prozent geschrumpft. Erwischt hat es vor allem die kleinen Läden, besonders die auf dem Land. An ihre Stelle treten Discounter. Doch für die großen Ketten sind die kleinen Orte wie Otterstedt mit weniger als 2000 Einwohnern nicht interessant. Die neuen Läden siedeln sich oft nicht mehr im Kern der Dörfer an, sondern etwas außerhalb, in Gewerbegebieten etwa, die zwischen den Orten liegen. Zwei Drittel der Landbewohner können ihre Einkäufe heute nicht mehr zu Fuß erledigen, das nächste Geschäft ist zu weit entfernt. In manchen Dörfern werden die Wege immer weiter. Und in anderen schließen sich Bewohner zusammen, um das zu verhindern.

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Für ein intaktes Dorf, sagt Dietmar Plath, braucht es mehr als einen Lebensmittelladen. Aber in einem Ort ohne Geschäft werden es auch die Grundschule und das Theater schwer haben, weil diejenigen, die einen Supermarkt in der Nähe wollen, irgendwann dorthin ziehen, wo es einen gibt. „Wenn es erst mal an einer Stelle im Dorf bröckelt, setzt sich etwas in Gang, das schwer aufzuhalten ist“, sagt Plath, „man muss aufpassen.“

Zwei Tage, nachdem die Bergstedts ihren Laden im August dicht machen, steht das halbe Dorf vor der Tür. Waren weg, Tresen auch, selbst das alte Eichenregal mit der Strickwolle – alles raus, bloß keine Zeit verlieren. Seit einem Jahr haben sich die Otterstedter auf das Ende des letzten Geschäftes vorbereitet. Sie haben eine genossenschaftliche Unternehmensgesellschaft gegründet. Sie haben auf der Suche nach Mitstreitern bei allen Adressen im Dorf geklingelt. Und sie haben 300 Unterstützer gefunden, die mehr als 100.000 Euro für den Laden aufbringen. Niedersachsen gibt die doppelte Summe dazu, die Bank aus dem Nachbarort ein Darlehen, die Handwerker aus dem Dorf machen ein gutes Angebot für die Umbauarbeiten. Weit mehr als eine halbe Million Euro wird es insgesamt kosten, dass Otterstedt weiter ein Dorf mit einem Lebensmittelladen ist. Dass Bergstedt bleibt.

Nachbarschaftshilfe per Whatsapp

Im Herbst läuft Dietmar Plath durch den kahlen Raum, der bald das neue Bergstedt sein soll. Seine Sätze hallen im entkernten Gebäude nach, wenn er vom Einsatz der vielen Freiwilligen schwärmt. Eine Nachricht in die Whatsapp-Gruppe, sagt er, und schon steht die Nachbarschaft im Laden, um Tapeten von den Wänden zu reißen oder den Hof zu pflastern. In seinen Sätzen klingt auch Ungeduld mit. Im Winter wollen sie eröffnen, doch so viele Stunden die Freiwilligen auch opfern, der Laden ist längst nicht fertig. Lieferungen verzögern sich, die Pandemie, natürlich. „Wir wollen schnell sein“, sagt Plath in den leeren Raum hinein, „gerade ist eine ziemlich gute Zeit für Dorfläden.“

Corona verändert alles, auch das Einkaufen. In einer Pandemie, wo sich das Leben der Hotspot-Bewohner auf einen 15-Kilometer-Radius beschränken soll, wird das kleine Lebensmittelgeschäft auf dem Land noch wichtiger. Wer den Dorfladen nebenan bisher nicht wertgeschätzt hat, tut es nun wahrscheinlich schon. Keine weiten Wege, keine langen Schlangen, coronatauglicher wird es nicht.

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Auf die Pandemie wollen sie sich in Otterstedt nicht verlassen, es braucht auch ein gutes Sortiment, damit das neue Kaufhaus Bergstedt ein Erfolg wird. Aus der Region sollen viele Lebensmittel kommen, bio sollen sie sein, manche auch unverpackt, und mit den Preisen der großen Ketten sollen die Produkte im kleinen Laden auch mithalten können. Denn auch wenn man sich das gerade vielleicht nur schwer vorstellen kann, wird auch die Pandemie irgendwann vorbei sein, und dann wird sich der Weg zum nächsten Discounter für viele nicht mehr wie eine halbe Weltreise anfühlen. „Die Ketten in den größeren Nachbarorten sind die Konkurrenz“, sagt Dietmar Plath, „dagegen müssen wir uns behaupten, sonst wird es eng.“

Wer Plath reden hört, wird das neue Kaufhaus nicht bloß für ein dorfromantisches Nostalgie-Projekt halten. Oft spricht er vom „großen Risiko“ und davon, dass „wir uns nicht allzu viele Fehler erlauben dürfen“, weil sich der Laden auch finanzieren muss, wenn er im Februar öffnet. Austauschbar wie die Filialen der großen Ketten soll Bergstedt trotzdem nicht werden.

Das letzte Geschäft von Otterstedt steht nicht mehr lange leer. Bald werden die digitale Kasse und die modernen Kühlschränke geliefert. Daneben wollen sie das alte Eichenregal stellen. Es wird mit Strickwolle gefüllt.

Info

Zur Sache

Die Pandemie als Hilfe

Etwa eine halbe Autostunde vom Kaufhaus Bergstedt entfernt, in Bendingbostel, am anderen Ende vom Landkreis Verden, liegt der Lintler Laden. Das Geschäft, einer der ältesten Dorfläden der Region, wurde vor mehr als 20 Jahren von einigen Dorfbewohnern gegründet. Heute bringt sich fast jeder sechste im 600-Seelen-Ort im Verein hinter dem Laden ein. Vor einigen Jahren stand das Geschäft aber vor dem Aus.

„Es lief nicht mehr“, sagt Cord Wahlers, Ortsvorsteher und einer der Vereinsvorsitzenden, „Nahversorgung war nicht hip und unsere Produkte waren es auch nicht.“ Aus der Krise haben sie gelernt. Heute kommen viele Waren im Laden aus der Gegend. Marmelade, Apfelsaft, Ketchup, Honig, Fleisch: alles aus dem Landkreis. Dienstags gibt es Suppen, donnerstags Kuchen. „Den Leuten wird wichtiger, woher die Lebensmittel kommen“, sagt Wahlers, „davon profitieren wir.“ Auch die Pandemie hilft dem Laden. Seit Corona kommen viel mehr Kunden, sagt Wahlers. Und sie kaufen auch mehr ein, nicht nur Milch und Eier, sondern das ganze Programm. „Die Kunden merken gerade, was für ein Luxus es ist, einen Dorfladen zu haben“, sagt Wahlers, „und wir merken, wie sehr wir hier eigentlich gebraucht werden.“

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