44 Bäume an Bundesstraßen gefällt Sorge um die Alleen

Der niedersächsische Heimatbund will die rund 2070 Alleen im Land unter Schutz stellen lassen. Die Landesregierung lehnt eine Pauschallösung mit Verweis auf die Verkehrssicherheit ab.
11.08.2021, 21:52
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Sorge um die Alleen
Von Peter Mlodoch

Niedersachsen lehnt einen generellen Schutz für die rund 2070 Alleen im Land ab. „Eine pauschale landesweite Unterschutzstellung ohne Betrachtung des Einzelfalls wird nicht für sinnvoll erachtet“, erklärt die SPD/CDU-Landesregierung in ihrer Antwort auf die „Rote Mappe“ des Niedersächsischen Heimatbundes (NHB). In seiner Ausgabe 2021 hatte der gemeinnützige Verband erneut die Aufnahme der Alleen in den Katalog der geschützten Landschaftsbestandteile nach dem Bundesnaturschutzgesetz gefordert. „Andere Bundesländer wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern haben diesen wichtigen Schritt zum Erhalt dieser natur- und kulturhistorisch wertvollen Straßen schon längst vollzogen“, sagt NHB-Projektleiterin Julia Rex.

Zwar betont auch Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) die „hohe Bedeutung der Alleen für die strukturreiche und biotopver­bindende Kulturlandschaft“. Gleichzeitig aber verweist der Ressortchef auf die große Gefahr für Auto- und Motorradfahrer durch Bäume am Straßenrand. „Die Verkehrssicherheit spielt bei der Planung, dem Bau und der Unterhaltung von Straßen eine übergeordnete Rolle, so dass sie auch bei der Pflege von Alleen zwingend zu beachten ist.“ Bei Nachpflanzungen von Bäumen an Straßen sei immer der konkrete Einzelfall un­ter Abwägung aller fachlichen und rechtlichen Anforderungen zu betrachten.

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Bloßes Abholzen sei der falsche Weg, meint dagegen der NHB und mahnt vernünftige Kompromisse zwischen Naturschutz und Verkehrssicherheit an. Der Spitzenkandidat der niedersächsischen Grünen für die Bundestagswahl, Sven-Christian Kindler, will neben der Nachrüstung von gefährlichen Abschnitten mit Leitplanken vor allem das Tempo auf den baumgesäumten Straßen drosseln: „80 Stundenkilometer reichen völlig aus und machen die Alleen für alle sicherer.“ Der Abgeordnete wirft Althusmann und dessen Bundeskollegen Andreas Scheuer (CSU) vor, das Thema sträflich zu vernachlässigen. „Straßenausbau, die rigide Auslegung von Richtlinien, die vernachlässigte Pflege und fehlende Nach- und Neupflanzungen gefährden die Alleenbäume an Bundesstraßen erheblich“, kritisiert Kindler. „Die klimatischen Veränderungen sind für die Alleen eine zusätzliche Herausforderung.“

Laut einer Auskunft des Bundesverkehrsministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Parlamentariers fällte die Landesstraßenbauverwaltung 2020 in Niedersachsen 44 Alleebäume an Bundesstraßen, in den zehn Jahren zuvor wurden insgesamt 790 Bäume entfernt. Ob dies aus straßenbaulichen Gründen geschah oder ob Baumschäden durch Unfälle, Hitze oder Tausalz die Ursache waren, lässt die Auskunft offen. Die Straßenbehörde führe „keine systematische Erfassung von Straßenbäumen im Allgemeinen noch von Alleebäumen oder Baumreihen im Besonderen“ durch, sondern pflege „lediglich ein Schadbaumkataster“, heißt es zur Begründung. Auch beim Ersatz für die gefällten Bäume bleibt das Ministerium vage. Nachpflanzungen realisiere man nicht sofort, sondern „gebündelt und zu einem späteren Zeitpunkt“. Allerdings würden etwa doppelt so viele Bäume nachgepflanzt wie gefällt, berichtet das Scheuer-Ressort unter Berufung auf regionale Straßenmeistereien.

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Den aktuellen Alleen-Bestand gibt das Bundesministerium mit 94,8 Kilometer an 23 niedersächsischen Bundesstraßen an – 1,5 Kilometer weniger als im Vorjahr. Dies habe aber damit zu tun, dass bei den Bundesstraßen B 3 und B 51 einige Abschnitte anderen Straßen zugeordnet worden seien. „Es ist also kein Indiz, dass die Kürzung aufgrund von Fällungen erfolgte“, betont das Scheuer-Ressort. Der Heimatbund bemängelt jedoch, „dass beseitigte Allee­bäume häufig nicht durch Nachpflanzungen an der Straße selbst ausgeglichen werden, sondern durch Schaffung von Er­satzgehölzen, und zwar dort, wo sich noch irgendwo in der Feldmark ein Platz findet“.

Wie die Grünen traut auch die Organisation den offiziellen Angaben von Bund und Land auch sonst nicht. Nach eigener NHB-Zählung sind nämlich 141 Bundesstraßen in Niedersachsen über 197 Kilometer beidseitig mit Bäumen besäumt. Projektleiterin Rex bezeichnet das vom Bund auf den Weg gebrachte und finanzierte Alleen-Kataster für Bundesstraßen lediglich als „Tropfen auf dem heißen Stein“. In Niedersachsen seien Alleen vor allem an Landes-, Kreis- und Gemeindestraßen zu finden. Dort kämen sie auf 1630 Kilometer Strecke – 89 Prozent des Gesamtbestandes. Parlamentarier Kindler verlangt ebenfalls eine vollständige Erfassung: „Niedersachsen braucht endlich ein flächendeckendes und lückenloses Alleenkataster. Das ist die Grundlage für einen effektiven Schutz der Alleen.“   

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