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Flugzeugabstürze im Weltkrieg: Kaum noch Zeitzeugen

Martin Wein 10.01.2016 0 Kommentare

Eine Ju 88 stürzte am zweiten Weihnachtstag 1944 bei Visbek ab.
Eine Ju 88 stürzte am zweiten Weihnachtstag 1944 bei Visbek ab. (imago)

Erzählen kann man bekanntlich viel – und aufschreiben ebenso. Gerade in Kriegszeiten wird aus Propagandagründen oder schlicht unter dem Eindruck der dramatischen und häufig unübersichtlichen Ereignisse über- oder untertrieben. Wer zeitgeschichtliche Ereignisse neutral bewerten möchte, der kommt um die Spurensuche an deren Schauplätzen kaum herum. Das gilt auch für die meisten der rund 2000 Flugzeuge, die im vergangenen Jahrhundert über Niedersachsen abstürzten. Nur die Schicksale von 500 Besatzungen gelten als aufgeklärt.

Und die Zeit läuft: Zeitzeugen, die den Weg zu den Absturzstellen weisen könnten, werden von Jahr zu Jahr weniger. Seit 2015 bemüht sich nun ein neuer US-amerikanischer Dienst vehement um Aufklärung, und Niedersachsens Archäologen setzen im jungen Forschungsfeld der Luftfahrt-Archäologie auf geschulte Laien zur Unterstützung.

Archäologe: "Blindgänger können heute noch hochgehen"

„Wir betreten damit in mehrfacher Hinsicht heikles Terrain“, sagt Niedersachsens Landesarchäologe Henning Haßmann in Hannover. Einerseits sei an Absturzstellen stets auch mit Leichenteilen zu rechnen, und die Störung der Totenruhe steht gesetzlich unter Strafe. Andererseits seien viele Zeugnisse der Weltkriege bis heute tickende Zeitbomben. „Mancher Sondengänger weiß gar nicht, was er sich nach Hause holt. Munition oder Blindgänger können heute noch hochgehen.“ Um das große Interesse an authentischen Militaria in konstruktive Bahnen zu lenken, setzen die wenigen professionellen Archäologen seit einigen Jahren auf eine produktive Zusammenarbeit.

Nur wer ein mehrstufiges Bewerbungs- und Ausbildungsverfahren mit einem Theorie- und Praxisteil durchlaufen hat, kann sich bei der jeweiligen unteren Denkmalschutzbehörde um eine räumlich und zeitlich begrenzte Sucherlaubnis mit der Metallsonde bewerben. Die Hobbyforscher verpflichten sich, ihre Funde zu melden, damit notfalls der Kampfmittelräumdienst die Gefahrenabwehr übernehmen kann und damit Spuren nicht verwischen. Haßmann sagt: „Eine Erkennungsmarke aus Metall mag eine begehrte Trophäe sein. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass sie einst ein Mensch trug. Dessen Angehörige warten vielleicht heute noch auf eine Nachricht, wo er abgeblieben ist.“

Soldat stirbt auf Küchentisch

Arbeiten alle Fachrichtungen Hand in Hand, können selbst merkwürdige Begebenheiten aufgeklärt werden. Vor einigen Jahren etwa war Haßmanns Kollege Michael Wesemann bei Visbek mit der Ausgrabung einer mittelalterlichen Siedlung beschäftigt, als ihm ein älterer Anwohner von einem Flugzeugabsturz im Winter 1944 erzählte. Einem der Insassen sei durch den Aufprall ein Bein abgetrennt worden. Die Eltern hätten versucht, dem Mann zu helfen. Aber ein Arzt war nicht aufzutreiben. So starb der Mann auf dem Küchentisch des Anwohners. Was zunächst wie eine aufreibende Kriegsgeschichte klang, hat sich bei den Ausgrabungen als wahr erwiesen.

Wesemann und seine Kollegen fanden einen Einschnitt im Boden, ausgelöst durch den eingedrungenen Flugzeugflügel. Wenig später fanden sie eine Türklinke mit der Aufschrift „Auf“ und auch ein ledernes Pistolenholster fürs Bein. Tatsächlich bestätigte sich damit der Absturz einer Ju 88 am zweiten Weihnachtstag 1944 gegen 20 Uhr, kurz nach ihrem Start auf dem Fliegerhorst in Alhorn. Und auch die Geschichte des Augenzeugen stimmte. In der Grube lag noch der Stiefel des Soldaten mit abgetrennten Fußknochen.

Zu einer Bergung des Wracks kam es damals nicht. Deutsche Havaristen bleiben stets im Boden. So will es die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), die auch die Reste der Weltkriegswaffen verwaltet. Ähnlich sehen es die Briten, die ebenfalls nur an Hinweisen zum Schicksal der Maschinen und Besatzungen interessiert sind. Ganz anders die Mentalität in den USA: „Es gehört gleichsam zur Corporate Identity der amerikanischen Streitkräfte und zum Selbstverständnis der USA, dass alle gefallenen Kameraden geborgen und wenn möglich in die Heimat gebracht werden oder zumindest alle Energie aufgebracht wird, ihr Schicksal zu klären“, erklärt Haßmann in einem jüngst erschienenen Aufsatz in den Berichten zur Denkmalpflege in Niedersachsen.

Leichen von 1700 vermissten US-Soldaten in Deutschland vermutet

Vor genau einem Jahr wurde dazu auf Hawaii eine neue Dienststelle gegründet, in der sich neben Historikern auch Archäologen, Anthropologen, Rechtsmediziner und Übersetzer um die Schicksale vermisster US-Soldaten vom Zweiten Weltkrieg bis zum Irakkrieg kümmern. Allein in Deutschland werden noch die sterblichen Überreste von 1700 vermissten US-Soldaten vermutet.

Auch in Niedersachsen sind sie inzwischen tätig. Intensive Grabungen stehen aber erst noch bevor. Dabei kooperieren die Amerikaner mit den hiesigen Archäologen und den Rechtsmedizinern am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Es sind viele neue Luftbilder aufgetaucht, die bislang nicht freigegeben waren. Das hat zu einem neuerlichen Boom bei der Wracksuche geführt“, erklärt Haßmann. Wenn eine Absturzstelle lokalisiert ist, gehen die Amerikaner mit großen Teams von bis zu 15 Personen ans Werk. Dabei wollen sie nicht nur die verstorbenen Kameraden heimholen, sondern auch Detail für Detail die Geschichte aufarbeiten. So sollen die Funde auch Aufschluss darüber geben, wie die Toten ums Leben kamen.

Mancher Pilot hat den Absturz seiner Maschine zunächst überlebt. Doch nicht selten hätten sich fanatische Deutsche zur Selbstjustiz hinreißen lassen, sagt Haßmann. So gilt es auch noch 70 Jahre nach Kriegsende, etwaige Kriegsverbrechen aufzuklären.


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Leserkommentare
linde79 am 20.10.2019 17:58
Wie wäre es denn, wenn man auch mal die Qualität der Lehrer und Lehrerinnen hinterfragte? Wie wäre es in Anbetracht der Bildungsmisere, die ...
Michalek am 20.10.2019 17:37
Schüler brauchen keine Erhebungen und sie sollten nicht als Versuchskaninchen herhalten müssen.

Grundschüler brauchen Unterricht, der ...
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