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Nordsee steigt bis 2060 stark an
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Klimawandel: Mehr Überschwemmungen in Ostfriesland?

Martin Wein 11.03.2016 7 Kommentare

Sturm über Ostfriesland
Vom Deich-Hinterland könnte es nach Einschätzung von Wissenschaftlern ab 2060 öfter solche Bilder geben, wie von Bensersiel nach der Sturmflut im Jahr 2006. (dpa)

Die Bewohner an Niedersachsens Küste müssen sich in Folge des Klimawandels auf gravierende Veränderungen einstellen. Auch wenn die bisherigen Deiche höheren Sturmfluten nach aktuellen Szenarien noch länger standhalten dürften, wird das Wasser hinter den Deichen zunehmend für Land unter sorgen.

Werden nicht die Landschaft und ihre Nutzung binnendeichs mittelfristig verändert, stehen entweder unerwartete Überschwemmungen oder exorbitant hohe Kosten für die Entwässerung ins Haus. Das ist das dramatische Ergebnis konkreter Berechnungen von Oldenburger Landschaftsökologen im Forschungsprojekt Comtess. Die englische Abkürzung steht übersetzt für Nachhaltiges Küstenmanagement und die Wechselwirkungen von Ökosystemdienstleistungen.

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Die Bundesregierung sieht hierbei offensichtlich erheblichen Klärungsbedarf. 3,3 Millionen Euro hat das Bundesforschungsministerium für Comtess zur Verfügung gestellt. Der Oldenburger Universitätsprofessor Michael Kleyer und sein Mitarbeiter Martin Maier haben dazu die Arbeit von Forschern an sieben deutschen Universitäten, internationaler Experten und Vertretern mehrerer Naturschutzbehörden koordiniert.

Auf zwei Landflächen in der Gemeinde Krummhörn in Ostfriesland haben Kleyer und seine Kollegen im Detail analysiert und berechnet, welche Folgen ein Anstieg des Meeresspiegels hätte. Die Flächen seien repräsentativ für praktisch die gesamte Nordseeküste. Bei der Arbeit greifen die Wissenschaftler auf die verschiedenen Szenarien des Weltklimarats zurück.

Wilhelmshavener Kanalnetz versagte bereits mehrfach

„Selbst wenn wir nur von einem moderaten Anstieg des Meeresspiegels um 80 Zentimeter in den kommenden 100 Jahren ausgehen, wird zunehmend mehr Oberflächenwasser mit viel Energie für viel Geld ins Meer gepumpt werden müssen“, sagt Maier. Schon heute ist das nach Starkregen in den Küstenstädten regelmäßig der Fall. In Wilhelmshaven etwa versagte das Kanalnetz bereits in den vergangenen Jahren bei solchen Ereignissen wiederholt. Überschwemmte Straßen und Keller waren die Folge.

Dieses Problem wird immer größer. Maier sagt: „Spätestens in 45 Jahren steht die Nordsee dann so hoch vor dem Deich, dass das Wasser gar nicht mehr von selbst durch die Siele abfließen kann“. Verstärkt werde der Effekt zudem durch eine veränderte Niederschlagsverteilung. Im Sommer wird es weniger regnen, im Winter dagegen aber erheblich mehr. „Genau dann, wenn höhere Sturmfluten vor dem Deich stehen“, erklärt Maier. Gigantische neue Pumpwerke wären erforderlich, um das Land trocken zu halten, das schon heute bis zu zwei Meter unter dem Meeresspiegel liegt. „Nicht einmal die heutigen Gräben würden ausreichen“, sagt Maier.

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Michael Kleyer von der Universität Oldenburg hat analysiert, welche Folgen ein Anstieg des Meeresspiegels für Ostfriesland hätte. (fr)

Und nicht nur der finanzielle Aufwand wäre enorm. Die Pumpen würden über das Grundwasser auch Salzwasser aus dem Deichvorland ansaugen und damit die Böden versalzen. Schon heute ist das an einigen Stellen Realität, hat der Hydrologe Thomas Gräff von der Universität Potsdam an Salzaufstiegsstellen auf Weiden der Krummhörn festgestellt. Gräff: „Da ist das Wasser im Sommer schon so brackig, dass das Vieh nicht mehr damit getränkt werden kann.“ Auch die Vegetation verändert sich auf solchen Flächen. „Die bisherige Viehhaltung auf Grünland wird so kaum mehr funktionieren“, fürchtet Gräff. Und Martin Maier fasst zusammen: „Ausschließlich mehr zu pumpen ist aus unserer Sicht keine Option“.

Wird Ostfriesland bald kontrolliert geflutet?

„Dann stellt sich die Frage, wie stattdessen eine nachhaltige Nutzung aussehen könnte“, formuliert Kleyer den Forschungsansatz. Als Option schlagen er und seine Kollegen vor, eine zweite niedrigere Deichlinie einzuziehen und das Land dazwischen saisonal kontrolliert zu fluten. Solche Polder könnten je nach Ausgestaltung nicht nur vielen bedrohten Arten wie Wiesenvögeln einen idealen Lebensraum bieten. Sie würden auch das Süßwasser für Zeiten der Regenknappheit im Sommer speichern und wären zudem touristisch attraktiv.

In einem dritten Szenario haben Kleyer und sein Team den Bewuchs der Polder mit Schilfröhricht vorgesehen. Das würde guten Schutz vor Überflutungen bieten, viel CO2 aus der Atmosphäre speichern und ließe sich in Biogasanlagen verstromen.

"Menschen haben noch kein Problembewusstsein"

Parallel zu ihren Berechnungen haben die Forscher ihre Ideen auch mit Betroffenen in Ostfriesland diskutiert. In der Bevölkerung kamen die Ideen allerdings nicht gut an. „Im Ergebnis brachten unsere Interviews eigentlich nur zutage, dass die Menschen sich keine Veränderung wünschen. Das Problembewusstsein ist noch gar nicht entwickelt“, bilanziert Martin Maier. Das Land Niedersachsen habe mit seiner Aussage, die 700 Kilometer Deichlinie würden in jedem Fall verteidigt, die Menschen in falscher Sicherheit gewiegt.

Eine Gruppe mit Experten aus Behörden und Verbänden zeigte sich zumindest für eine kleine Polder-Lösung offen. Derzeit wird in Oldenburg berechnet, welche Effekte sie haben könnte und wie hoch die verbleibenden Pumpkosten ausfallen würden. Nach der Comtess-Abschlusskonferenz in dieser Woche in Berlin sollen die Ergebnisse des Forschungsvorhabens im Sommer in einer Wanderausstellung an der Küste vorgestellt werden.


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