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Migrantinnen flüchten in die Frauenhäuser

Martin Wein 20.12.2015 0 Kommentare

(dpa)

Die Studie erregte international Aufsehen: Vor zwei Jahren hatten 28 Prozent von 3500 befragten türkischen Männern in einer Erhebung der zentralanatolischen Universität Kirikkale angegeben, sie hielten häusliche Gewalt gegen Ehefrauen für unvermeidlich. 34 Prozent erklärten, Gewaltakte seien „gelegentlich“ notwendig. Nun belegt eine Auswertung von Annette Müller und Sabine Bohne im Auftrag des niedersächsischen Landespräventionsrates und des Sozialministeriums: Frauen mit Migrationshintergrund, vor allem Türkinnen, werden auch in Niedersachsen überproportional Opfer häuslicher Gewalt.

Im Jahr 2008 hatten 51 Prozent der Frauen, die in einem niedersächsischen Frauenhaus Zuflucht suchten, der Studie zufolge einen Migrationshintergrund. 21 Prozent waren Türkinnen. Die größte Gruppe bildeten Frauen aus Osteuropa (31 Prozent). Afrikanerinnen und Asiatinnen machten jeweils 13 Prozent aus. Diesen Zahlen muss man gegenüberstellen, dass nur 6,7 Prozent der niedersächsischen Bevölkerung überhaupt eine ausländische Nationalität haben. Davon rund 260.000 Frauen. Mehr als Drei Viertel – rund 76 Prozent – kommen aus Europa, davon 23 Prozent aus EU-Staaten. 24,7 Prozent haben die türkische Staatsbürgerschaft, 16,3 Prozent kommen aus Asien, 3,1 Prozent aus Afrika. Damit sind ausländische Frauen in Frauenhäusern im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil deutlich überproportional vertreten. Und dies sind nur diejenigen, die den Weg hinaus aus der Familie wagen.

Die Autorinnen rechnen hier mit einer eheblichen Dunkelziffer. Nach einer bundesweiten Erhebung wird ein Viertel der deutschen Frauen mit Gewalt in der Familie konfrontiert. Unter den Türkinnen sind es 37 Prozent. Vor allem aber ist das Ausmaß der Gewaltanwendung in dieser Personengruppe ein völlig anderes. Jede zehnte deutsche Frau wird von ihrem Mann mit einer Waffe oder einem Messer bedroht. Bei den Türkinnen trifft dies auf 29 Prozent zu, bei Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion auf 17 Prozent. Besonders nach einer Trennung oder Scheidung müssen türkische Frauen damit rechnen, dass ihr Ex sie nicht friedlich ziehen lässt. „Etwa die Hälfte der Betroffenen hat durch frühere Partner mit Migrationshintergrund sehr schwere körperliche Gewalthandlungen erlebt“, schreiben die Autorinnen.

Gerade angesichts des vermehrten Flüchtlingszustroms auch nach Niedersachsen in diesem Jahr dürfte die Studie einigen Sprengstoff enthalten. Neben den statistischen Erhebungen zeigt sie schließlich auch auf, dass gerade ein langes Warten auf einen sicheren Aufenthaltsstatus die Migrantinnen zusätzlichen Gefahren aussetzt. Nicht nur bringen ihre Partner ihre erlernten Wertvorstellungen und Handlungsmuster aus dem Heimatland mit nach Niedersachsen. Viele Frauen wagen es auch nicht, Hilfe zu suchen, weil sie entweder kein Zutrauen zu den Behörden haben oder um ihren Bleibestatus fürchten. Das gelte beispielsweise für Frauen, die als Verheiratete Bleiberecht hätten. Schließlich bestehe die Angst, bei einer Anzeige werde das Jugendamt in jedem Fall die Kinder der Betroffenen in Obhut nehmen.

Sozialarbeiter sollen stärker sensibilisiert werden

Müller und Bohne haben für ihre Untersuchung 28 Experten aus verschiedenen Hilfseinrichtungen, Behörden und von der Polizei in vier Gruppendiskussionen und zehn Einzelinterviews um Einschätzungen und Vorschläge zur Verbesserung der Situation gebeten. Dabei wurde deutlich, dass die Frauenhäuser in Niedersachsen offenbar bereits gut angenommen werden. Auch unter Migrantinnen ist die Bereitschaft gewachsen, häusliche Gewalt nicht mehr stillschweigend zu ertragen. Trotzdem werden viele Betroffene von den herkömmlichen Angeboten nicht erreicht, weil sie sich nicht ausreichend gut auf Deutsch verständigen können oder die entsprechenden Angebote gar nicht kennen. Angeregt wurde deshalb, Anlaufstellen für Migranten und Flüchtlinge besser und systematisch mit Hilfsangeboten für Opfer häuslicher Gewalt zu verknüpfen. Auch die eigenen Strukturen in den ausländischen Gemeinschaften, beispielsweise türkische Vereine oder Moscheegemeinden, sollten einbezogen werden. Zudem sollten Sozialarbeiter in Stadtteilcafés oder Bildungszentren stärker für die Thematik sensibilisiert werden.

Überdies regen die Experten ein landesweit zuständiges Bildungs- und Beratungszentrum für Muslime und Musliminnen an. Eine solche zentrale Anlaufstelle könnte die Zugewanderten mit dem Wissen über ihren kulturellen und religiösen Hintergrund über ihre Rechte und Pflichten in Deutschland informieren. Schließlich geht es bei dem Thema nicht nur um die Opfer. Auch die Täter, die selbst durch Flucht oder Unterdrückung im Heimatland oftmals Opfer von Gewalt gewesen seien, müssten ins Blickfeld der Öffentlichkeit rücken, damit sie sich besser integrieren. „Männliche Migranten sind allerdings kaum bereit, sich dem Thema zu stellen“, heißt es in der Studie.


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Leserkommentare
holger_sell am 20.10.2019 15:36
Kultur ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor und gerade auch in Bremen ein Magnet für den Tourismus.
Außerdem ist Kulturbewusstsein ein großer ...
holger_sell am 20.10.2019 15:30
Jede Politik hat ihre Klientel.
Wollen Sie im Ernst behaupten, dass Menschen, die sich für Kultur interessieren, keine normalen Leute sind ?
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